Rezension

[Rezension] Der Künstler als Klischee?: „Leinsee“ von Anne Reinecke

Leinsee, das frisch erschienene Debüt von Anne Reinecke, ist ein Buch von dem ich vorab bereits viele positive Stimmen gehört hatte und dementsprechend neugierig war ich. Der Klappentext kitzelte meine Neugier dann allerdings nicht so sehr. Im Rahmen einer Veranstaltung habe ich das Buch dennoch auf der vergangenen Leipziger Buchmesse geschenkt bekommen und aus Neugierde habe ich es vergangene Woche gelesen.

Leinsee von Anne Reinecke

Karl ist ein Künstler mit einem großen Erbe: Seine Eltern sind DAS gefeierte und umgarnte Künstler-Ehepaar der Gegenwart. Seine eigene Beziehung zu seinen Eltern ist durch seine Internatszeit jedoch durchwachsen. Als sein Vater sich umbringt und die Mutter schwer erkrankt, muss er an seinen Heimatort zurückkehren.

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Fortan bemüht er sich, sich künstlerisch von seinen Eltern abzusetzen. Zugleich verändern sich auch die Beziehungen in seinem Leben stark. Und plötzlich ist ein 6-jähriges Mädchen die stärkste Konstante in seinem Leben. Doch auch dieser Ort seiner Kindheit, Leinsee, sein Elternhaus nimmt einen immer größeren Platz in seinem Leben ein. Kann er sich überhaupt vom Erbe seiner Eltern abgrenzen oder wird er immer „der Sohn von“ bleiben?

Der Künstler als Klischee?

Nach wie vor bin ich unschlüssig, ob ich das Buch nun gelungen finde oder nicht. Die ersten 50 Seiten haben mich gequält und ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich kurz davor war, das Buch abzubrechen. Gerade den Anfang fand ich sprachlich gewöhnungsbedürftig und holperig, die Dialoge sehr gestelzt. Zudem empfand ich die Darstellung des Künstlers als sehr stereotyp. Ein Künstler ist also jemand, der einmal erfolgreich, immer nur die gleichen Variationen abliefert, um zu verkaufen? Der gleichzeitig aber den Drang verspürt, sich weiterzuentwickeln und etwas neues zu schaffen? Das greift mir einfach zu kurz um eine doch sehr spezielle Sorte Menschen zu verstehen. Doch nach den ersten 50 Seiten zog mich die Geschichte oder vielmehr: zogen mich die Beziehungen der Figuren zueinander in den Bann. Die Beziehung zu seiner Mutter entwickelte sich sehr schnell anders als ich es erwartet hatte und rührte mich sehr an. Auch die Beziehung zu Tanja, dem 6-jährigen Mädchen, berührte mich sehr und hier ist der Hauptgrund zu suchen, warum ich das Buch schlussendlich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Auch die Beziehung zu Karls Freundin Mara verfolgte ich gespannt, wenn mich deren Entwicklung auch nicht sonderlich überraschte.

Am nächsten Tag im Baumarkt konnte er es nicht lassen, sich die Abschleppseile anzusehen. Es hätte auch blaue gegeben. Kornblumenblau. Wie konnte denn einer dieses Drecksorange wählen, wenn es so ein Blau gab? Die blauen waren sogar günstiger. Karl blieb eine Weile vor dem Regal stehen, dann riss er sich los. Deswegen war er nicht hier. Er hatte eine Liste. Er hatte alles abgemessen und ausgerechnet. Er brauchte Kanthölzer und Bodenbretter. Er hatte einen Plan.

Leinsee, Seite 207

Und doch bin ich hin und her gerissen: Sprachlich hinterlässt das Buch Eindruck, wenn es auch stellenweise sehr umgangssprachlich, etwas abgehackt und eigentlich gar nicht sonderlich literarisch daherkommt. Durch den Fokus auf Karls Innenleben, der als Figur vor allem durch kindliche Züge hervortritt, bekommt das ganze Buch eine merkwürdige Tonart. Karl wirkt durchgängig sehr kindisch, wobei unklar bleibt, ob dieser Umstand nun durch seine Jugend im Internat und seine merkwürdige Beziehung zu seinen Eltern zustande kommt oder seinem künstlerhaften Wesen zuzuschreiben ist. Insgesamt wirkt Karl eher anstrengend, wobei er etwas hilfloses ausstrahlt, was ihn wiederum sehr verletzlich wirken lässt. Und doch oder eher wegen der sprachlichen Besonderheit dieses Romans habe ich das Buch innerhalb weniger Tage verschlungen. Gerade in der Beziehung zu Tanja entwickelt das Buch eine ganz eigene Poesie, die mich schwer losgelassen hat. Am Ende war ich doch froh, dass ich die Lektüre nicht abgebrochen habe und ich bin gespannt auf Frau Reineckes weitere Entwicklung.

Die meisten Tanjaschätze nahm Karl mit in sein Zimmer im ersten Stock. Dort baute er sie in seine Schlafhöhle ein. Eine Zaubergrotte aus Dingen, die er aus dem Materiallager im Atelier gestohlen hatte, und aus Tanjas Geschenken.

Leinsee, Seite 144

Fazit: Seicht und unterhaltsam auf gehobenem Niveau, leider mit anfänglichen Schwächen. Dennoch sprachlich ein interessantes Werk!

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Weitere Meinungen

Ein Buch, das sich perfekt für die langsam wärmer werdenden Tage geeignet ist. „Leinsee“ vereint Kunst, Melancholie, Humor und dieses ganz besondere Gefühl. Ein großartiges Debüt, das defintiv nicht enttäuscht.“ in Jules Leseecke

„Auch, wenn die Handlung von unaufgeregter Ruhe war, konnte mich Leinsee absolut mitreißen, was primär an der Familiendynamik, den besonderen Beziehungsmustern und dem distanzierten und zugleich eindringlichen Schreibstil lag. Ein sehr gelungenes Debüt, das mich langfristig beeindruckt hat.“ auf Trallafittibooks

„Mit Leinsee hat Anne Reinecke einen außergewöhnlich beeindruckenden Debütroman niedergeschrieben, der vor allem durch ihren bedeutungsvollen Schreibstil und die intensive Atmosphäre, die dadurch hervorgerufen wurde, den Leser in seinen Bann zieht und einen geradezu mit ihren Worten hypnotisiert.“ bei Sarah Ricchizzi 

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Das Buch

Leinsee von Anne Reinecke
Diogenes

Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das kostenfreie Exemplar!

7 Kommentare

  • Nicci Trallafitti

    Hey!
    Deine neue Seite ist richtig hübsch 🙂 Das nur vorweg.

    Tolle Rezension, auch wenn du Startschwierigkeiten hattest.
    Diese Tanjasache fand ich auch ziemlich gelungen

    Danke fürs Verlinken, das hole ich bei mir natürlich direkt nach.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    • Jennifer

      Huhu 🙂
      Vielen lieben Dank!
      Ich fand es wirklich schwierig, für Leinsee die richtigen Worte zu finden. Es ist ja schon besonders und hat mich gut unterhalten. Vielleicht war die Erwartung auch einfach zu groß, ich habe soooo viel gehört vorher.
      Nun ja. Habe jetzt Kent Harufs „Lied der Weite“ hier liegen, vielleicht sagt mir das eher zu. Hast du das zufällig auch schon gelesen?
      Lieben Gruß
      Jennifer

      • Nicci Trallafitti

        Das glaube ich dir, mir fiel es auch gar nicht so leicht. Aber ich finde deine Rezension sehr gelungen.

        Nee, „Lied der Weite“ kenne ich nicht, bzw keinen seiner Titel. Ich bin auf deine Meinung sehr gespannt. Viel Spaß beim Lesen! Ich habe mir aus dem Verlag als nächstes Olga und Superhero vorgenommen.

        • Jennifer

          Olga hab ich auch schon oft im Regal gesehen. Da warte ich dann mal deine Meinung ab.
          Mit der zu „Lied der Weite“ wirst du dich aber noch ein wenig gedulden müssen, zuerst müssen einige andere Bücher gelesen werden 🙂

  • -Leselust Bücherblog-

    Hallo Jennifer,
    Ich habe die Autorin auf der Leipziger Buchmesse getroffen und auch danach noch sehr viel über diesen Roman gehört. Aber irgendwie kann mich die Geschichte einfach nicht reizen. Mir geht es da wie dir, der Klappentext at mich nicht so angesprochen. Würde ich es lesen, könnte es mich vielleicht überzeugen, wer weiß. Aber im Moment habe ich noch so viele Bücher im Regal, auf die ich richtig Lust habe. Die haben da erstmal Vorrang.
    Liebe Grüße, Julia

    • Jennifer

      Liebe Julia,
      entschuldige bitte, ich merke gerade, dass mein Kommentar an dich nicht gesendet wurde. Hier ruckelt es noch ein wenig im Hintergrund, ich hoffe, ich bekomme das bald in den Griff!

      Ja, rein von der Geschichte hätte ich das Buch wohl auch nicht gelesen. Ich wollte aber bewusst etwas lesen, von dem ich mir keine große Begeisterung erwartet hatte, weil ich einfach in einer merkwürdigen Stimmung war. Die Begeisterung der anderen kann ich jedenfalls nicht so recht nachvollziehen. Dennoch werde ich Frau Reineckes nächstes Werk neugierig abwarten und sehe durchaus Potential bei ihr (mal schauen, wohin es sie thematisch als nächstes zieht!)
      Viele Grüße
      Jennifer

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