Rezension

[Rezension] Hinter der Fassade des Bildungsbürgertums: „Kampfsterne“ von Alexa Hennig von Lange

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Lange hat mich ein Roman nicht mehr so in seinen Bann gezogen. Neben Hinterhofleben (hier geht’s zu meiner Rezension) und Der plötzliche Todesfall gehört Kampfsterne für mich zu den aktuellen Romanen, die die Gesellschaft in ihrer Analyse so zerrissen wie realistisch darstellen.

Kampfsterne von Alexa Hennig von Lange

1985, in einer gutbürgerlichen Vorstadtsiedlung. Drei Familien konkurrieren um den perfekten Schein, wenn es schon das perfekte Leben nicht sein kann. Was die Eltern in ihrem Leben nicht erreichen konnten, das müssen die Kinder nun anstreben. Und das Versagen der Eltern kompensieren, ob es nun die verlorenen Träume oder die angestrebte Lebensrealität sind.  Der Spagat zwischen innerer Zerrissenheit und äußerer Fassade könnte größer nicht sein.

Der Blick hinter die Fassade

Wie auch J. K. Rowling und Maik Siegel schafft es Alexa Hennig von Lange ein durchmischtes Set an Figuren darzustellen, von denen dennoch keine so wirklich sympathisch ist. Am ehesten sind das noch die Kinder, auch wenn diese bereits abgebrühter als so mancher Erwachsene wirken. Die Kinder rebellieren gegen die Eltern, die Erwachsenen rebellieren gegen ihre gescheiterten Träume.

Über die drei Familien in Kampfsterne wird eine große Breite an Problemen verdeutlicht: Rita ist unglücklich mit ihrer Mutter- und Hausfrauenrolle, die Nachbarin erweckt stärkere Gefühle in ihr als ihre eigene Familie. Über die Faszination und den Neid vor dem Leben vermeintlich stärkerer Frauen, vernachlässigt sie ihre Familie und Ehe. Die so erhobene Ulla dagegen hält die Fassade selbst nur mühsam aufrecht: Ihr Mann schlägt sie regelmäßig und sie bemüht sich ohne Erfolg, diese Tatsache vor den Töchtern wie den Nachbarn zu verbergen. Und in der dritten Familie sind die Eltern eher durch Abwesenheit denn durch ihre Präsenz auffallend. Das Buch verhandelt sehr geschickt die Zwänge der Gesellschaft und die Unfreiheit trotz der eigenen Handlungsfreiheit.

„Aber Ulla erkennt ihr Glück nicht. Sie erkennt einfach nicht, was sie hat. Diese mental schwache, schwache Person. Wäre ich ihr Mann, hätte ich sie schon längst geohrfeigt und geschüttelt. Das macht er natürlich auch. Und dann kommt Ulla in ihren Männerstiefeln und Blessuren zu mir gerannt und weint sich bei mir aus.“

Kampfsterne, Seite 12

Die eigentlichen Stars der Erzählung sind dabei die Kinder, die sich immer wieder an den Wünschen und Vorstellungen der Eltern reiben. Sie können sich der Fremdbestimmung nicht entziehen und ahnen doch nicht, dass auch ihre Eltern in Zwängen verhaftet sind. Durch die häufigen Perspektivwechsel dieses wild durchmischten Figurensets lässt sich das Buch in einem rasanten Tempo lesen. Ich hätte das Buch wahrscheinlich in einem Rutsch gelesen, wenn mir nicht eine bestimmte Szene (siehe Triggerwarnung ganz unten) sehr nahe gegangen war. Dabei wird die entsprechenden Szene gar nicht so explizit beschrieben, aber die Reaktion einer der Figuren machte mich sprach- und fassungslos. Dennoch ist Kampfsterne auf bestechende Weise abgebrüht und schonungslos. Schön fand ich auch das Spiel mit der äußerlichen Perfektion und der inneren Leere, die meiner Meinung nach absolut zeitlos sind! Die Geschichte lässt sich so aus der namenlosen Vorstadtsiedlung überall hinversetzen, unabhängig von Zeit und Ort. Nicht umsonst gehörte das Buch zu meinen Jahreshighlights 2018 [Hier geht’s zu meinem Beitrag]

„Mit ihrem beschissenen, milden Lächeln möchte Mama meine kleine Schwester und mich hinters Licht führen. Als sei alles in Ordnung. Als sei nichts passiert. Als sei alles nur kindliche Einbildung. Reine Illusion. Als seien wir nicht ganz richtig im Kopf und würden nicht blicken, was hier läuft. Das ist strafbar, was Mama da macht. Das ist Vorspiegelung falscher Tatsachen.“

Kampfsterne, Seite 32 und 33

Fazit: Ein Blick auf die Fassade und dahinter. Schonungslos und dennoch nahbar, begleitet man Erwachsene und Kinder in den Grenzen der Vorstadtgesellschaft. Man spürt förmlich die Wut im Bauch brennen! Absolut lesenswert!


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Kampfsterne von Alexa Hennig von Lange
224 Seiten, 20 Euro
Dumont Buchverlag

Diesen Roman habe ich vom Verlag kostenfrei erhalten!

Trigger Warnung: Vergewaltigung von Minderjährigen und Verharmlosung von sexuellem Übergriff

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