Rezension

[Rezension] Bedrückend und schonunglos: „Mercy Seat“ von Elizabeth H. Winthrop

Als Janna von Kejas-Blogbuch letztes Jahr fragte, wer sich gerne an einem kleinen Wanderbuch beteiligen möchte, war ich sofort neugierig. Mercy Seat hätte ich von mir aus wahrscheinlich nicht gelesen, obwohl die Thematik interessant ist. Allerdings ist die Geschichte auch nicht ohne…

Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop

Louisiana 1943: Der schwarze Will Jones soll ein weißes Mädchen vergewaltigt haben. Er wurde rechtskräftig verurteilt und nun soll er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden. Gespannt warten die Einwohner der kleinen Südstaatenstadt auf Mitternacht. Ob das Urteil richtig ist und was der örtliche Ku-Klux-Klan damit zu tun hat, fragt sich kaum jemand. Auch nicht, ob man dabei ist einen jungen Mann hinzurichten, der womöglich einfach nur mit seiner Geliebten erwischt wurde.

Wieweit kann man für seine Überzeugungen einstehen?

Verwoben wie ein Spinnennetz, so entblättert sich die Geschichte um Will und die vorherigen Ereignisse. Dabei bedient Winthrop sich gar nicht einer stark emotionalen Sprache, die angesichts der Thematik wohl auch zu viel des Guten gewesen wäre.  Dennoch ist ihre Sprache sehr bildgewaltig, sie schildert die Hitze der anbrechenden Nacht und vergangene Träume, so dass man meint diese auf der Haut zu spüren. Im Fokus steht dabei weniger der für die Geschichte zentrale Will, sondern die Gesellschaft und ihr Umgang mit diesem so tragischen Fall. Viele Figuren entpuppen sich als rassistische Traditionalisten, der Umgangston ist rau und Schwarze haben vielfach Anfeindungen zu befürchten. Dazwischen stechen die wenigen Figuren heraus, die im tiefsten Inneren moralische und ethische Überlegungen zulassen können. Doch auch diese haben gesellschaftliche Normen zu befolgen und Angst – und können daher nicht so einfach aus dem tödlichen Kreislauf ausbrechen.

„Es ist ein Gewand, das man schlicht ertragen muss, schätz ich“, entgegnete Nell, „letzlich sind wir doch alle bloß Menschen.“ […]
Nell runzelt die Stirn. „Ich bin Mutter“, sagt sie, blickt hoch und deutet auf Gabes Zimmer, „mir bedeuten viele Dinge etwas, würd ich sagen, aber wofür ich lebe, das ist mein Junge.“

Mercy Seat, Seite 171 und 172

Lange hat mich ein Buch nicht mehr so emotional berührt, obwohl es eben vielfach nicht von Tod handelt, sondern von moralischen Überlegungen und Fragen des Rechtssystems. Mit dem wenigen Hintergrundwissen, das ich über Zeit und Ort hatte, konnten mich doch viele Details überraschen und in den Bann ziehen. Obwohl nirgendwo explizit gedroht wird, blieb während des gesamten Lesens eine unterschwellige Beklemmung die Grundstimmung.

„Ich will vor allem, dass es vorbei ist“, sagt Will, „ich will nicht, dass es passiert, aber wenn es schon passieren muss, will ich, dass es vorbei ist.“

Mercy Seat, Seite 99

Doch am bedrückendsten ist wohl die Unabwendbarkeit der Dinge. Obgleich man als Leser*in weiß, welches Ende das Buch zu erwarten ist, hofft man auf eine Wendung in letzter Sekunde. Doch selbst wenn beispielsweise Wills Geliebte sich nicht umgebracht hätte und zu seinen Gunsten aussagen würde, ahnt man als Leser*in, dass sich am Ausgang der Geschichte nichts ändern würde. Denn das Urteil der Gesellschaft steht fest und scheinbar ist das das einzige, was in einem solchen Fall schwerer wiegt als die Wahrheit.

Fazit: Bedrückend ohne explizite Szenen. Winthrop blättert die gesellschaftlichen Facetten einer historischen Kleinstadt auf und zieht den Leser emotional in ihren Bann. 

Hier kommt ihr zu Jannas Besprechung. Alle weiteren Wanderbuchteilnehmer*innen werden dort nach und nach verlinkt.

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Mercy Seat von Elizabeth H. Winthrop
251 Seiten, 22 Euro (Hardcover)
C.H.Beck

Dies ist ein Wanderbuch von Janna, das sich direkt wieder auf die Reise macht.
Lieben Dank an Janna für die Organisation und Idee!

14 Kommentare

  • Janna | KeJas-BlogBuch

    Wundervoll in Worte gefasst – beklemmend, bedrückend und JA, auch wenn man es weiß, erhofft man sich zum Ende hin etwas anderes! Die Geschichte hätte sogar noch weitaus mehr Seiten haben dürfen, die Geschichte war erzählt, aber dennoch wäre ich ein wenig mehr bei und mit dem einen oder der anderen Prota verweilt

    Mich hat das Buch auch absolut gepackt, trotz kleinerer Kritikpunkte und ich bin schon mega gespannt auf all eure Notizen! Habe dich auch schon bei mir verlinkt :-*

    Mukkelige Grüße!

    • Jennifer

      Liebe Janna,
      ich weiß gar nicht genau, ob mehr Seiten dem Buch gut getan hätten. Ja, man hätte dann mehr von der Entwicklung einiger Figuren mitbekommen, aber ich glaube, irgendwann wäre es dann auch zu viel „bedrückende Stimmung“ gewesen. Ich fand es eigentlich eine gute Länge, denn als ich das Gefühl hatte, die Spannung nicht mehr auszuhalten, kam die Entwicklung und schließlich das Ende.
      Aber ich kann verstehen, warum du sagst, dass du gerne mehr Einblicke bekommen hättest. Bei welcher Figur wärst du denn konkret gerne noch länger verweilt?
      Liebe Grüße und ich bin auch schon gespannt auf die anderen Rückmeldungen der Mitleser*innen!
      Jennifer
      P.S. Wird es sowas wie ein Abschlusstreffen auf der LBM oder FBM geben?

  • Heike

    Ich habe damals in den USA Jura studiert und wollte mich gegen die Todesstrafe engagieren. Einen Fall, den wir im Studium zum Thema Rassismus gerade beim Thema Todesstrafe besprochen haben, war der von George Stinney. Das ist schon recht viele Jahre her, aber ich habe das nie vergessen, das hat mich sehr mitgenommen. Die Beschreibung dieses Buches, das ich noch gar nicht kenne, klingt ähnlich in dem Sinne, daß der offensichtliche Rassismus in Verbindung mit der ohnehin schon grausamen Todesstrafe den Leser lange beschäftigt. Sollte man lesen, ich weiß nach der Beschreibung aber nicht, ob ich mich da dran traue. Vormerken werde ich es mir aber in jedem Fall, insofern danke für diese Rezension.

    • Jennifer

      Liebe Heike,
      wow, mit deinem Jura-Studium hast du sicherlich noch einmal viel tiefere Einblicke in die Thematik als ich es habe!
      Der Fall George Stinney sagte mir nichts, ich habe mir mal den Wikipedia-Eintrag angesehen. Ich muss sagen, dass ich generell nicht verstehen kann, dass die Todesstrafe von einigen (Personen wie Ländern) gutgeheißen wird. Nicht nur wegen solcher Fehlurteile, auch weil es in einem so eklatanten Kontrast steht zu unserem Menschenbild.
      Ich würde dir tatsächlich raten, dir erst einmal eine Leseprobe des Buches anzusehen. Wie ich schrieb gibt es keine expliziten Szenen, aber unterschwellig wird solche eine drückende Stimmung erzeugt, was sich bei dir möglicherweise noch einmal verstärkt durch deine persönliche Betroffenheit (wenn man das so sagen kann). Falls du das Buch liest, wünsche ich dir trotzdem ein gutes Leseerlebnis und würde mich über eine Rückmeldung freuen, wie du das Buch bewertest!
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • Elisa

    Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Todesstrafe, vor allem in den USA.
    Habe auch das ein oder andere Buch, bzw. wissenschaftlichen Artikel (wir hatten das Thema in der Uni) zu dem Thema gelesen.
    Aus diesem Grund, finde ich das der Roman sehr interessant kling. Der ist sofort auf meine Wunschliste gewandert.
    Danke für die gelungene Rezension.

    LG
    Elisa

    • Jennifer

      Liebe Elisa,
      freut mich, dass ich dir eine Empfehlung geben konnte. Oh, ihr habt im Studium bestimmt noch einmal intensiver über das Thema gesprochen! Das war bestimmt auch interessant. Gibt es da eher eine Kontroverse, wenn ich das mal themenfern fragen darf, oder ist man sich da eher einig, dass Todesstrafen blöd sind? Zuletzt werden sie ja selbst bei uns wieder mal ganz gerne gefordert (leider)…
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • -Leselust Bücherblog-

    Ich habe das Buch auch gelesen (mit Janna zusammen übrigens) und mir hat es leider nicht so gefallen. Konnte mich irgendwie nicht packen, obwohl die Grundidee natürlich sehr bewegend und sehr spannend ist.
    Die Idee eines Wanderbuchs finde ich aber richtig cool. Habe selbst schon bei so einer Aktion mitgemacht und hätte auch sehr Lust, selbst noch mal sowas zu machen. Mal sehen, vielleicht läuft mir ja mal das passende Buch dafür über den Weg.
    LG, Julia

    • Jennifer

      Liebe Julia,
      ich fand die Idee des Wanderbuchs auch total toll, auch wenn mir anfangs ein wenig die Überwindung fehlte, ins Buch zu schreiben. ich bin auch auf jeden Fall wieder dabei! 🙂
      Ich glaube, dass Buch ist so auf Emotionalität ausgerichtet, dass es wenig Sinn macht, es zu lesen, wenn man sich nicht reinfühlen kann. Ist ja auch kein Drama, das kommt halt mal vor. Vielleicht ist das nächste Buch mehr nach deinem Geschmack.
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • Kate

    Hallöchen,
    was für ein bedrückendes Gefühl! Mit deiner Rezension habe ich einen ersten Eindruck davon bekommen, wie beklemmend sich dieses Buch anfühlen muss. Obwohl ich wirklich neugierig bin, glaube ich, dass ich das Buch wohl eher nicht lesen werde.
    Tolle Rezension!
    Liebste Grüße, Kate
    #litnetzwerk

    • Jennifer

      Liebe Kate,
      vielen Dank für das Lob 🙂
      Das kann ich gut nachvollziehen. Es ist auch wirklich ein wenig bedrückend, da sollte man vorher wissen, worauf man sich einlässt!
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • Diana

    Hallo Jennifer,
    eine sehr schöne Rezension, die mir die Stimmung von dem Buch direkt wieder gebracht hat.
    Ich werde dich mal direkt bei meiner Rezension verlinken.
    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

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