Rezension

Macht und Ohnmacht im Netz: „Fake“ von Frank Rudkoffsky

Trollen oder getrollt werden? Frank Rudkoffsky stellt in seinem Roman Fake zwei  konträre Perspektiven gegenüber. Eine spannende Grundidee, kleine Schwächen und ein gelungenes Leseerlebnis inklusive ungutem Gefühl im Bauch!

Die Auswirkungen des Trollens

Sophia und Jan haben sich auseinandergelebt. Der Alltag mit kleinem Kind ist anstrengend und Sophia, die eigentlich Karriere machen wollte und es nun nicht kann, muss mit ansehen, wie Jans Karriere stagniert und er jobmäßig verharrt. Immer stärker wird ihr Ärger, bis sie irgendwann feststellt, dass es ihre Beziehung zerstören würde, diesen Ärger am Partner auszulassen. Im Internet dagegen, in Foren, kann sie Druck ablassen und ihrer Wut Luft verschaffen. Nach und nach, wird Sophia zum Troll und kennt bald schon kein Halten mehr. Jan dagegen fürchtet als Journalist Doxing (das Veröffentlichen privater Informationen), insbesondere nachdem er selbst einen groben journalistischen Fehler begangen hat. Jede beißende Nachricht setzt ihm zu, verfolgt ihn bis ins Private. Als Sophia zu ahnen beginnt, dass Jan ihr etwas verschweigt, beschließt sie von ihm auf die ihr einzig bekannte Art eine Reaktion zu erzwingen: Sie schreibt ihm anonyme Nachrichten auf seiner Website.

Die Auswirkungen des Trollens

Fake ist ein Paradebeispiel dafür, wie Realität und Wahrnehmung online auseinander klaffen. Da ist auf der einen Seite Sophia, die anfangs einfach nur ihren Frust über ihr eigenes Leben loslassen möchte. Schnell merkt sie jedoch, dass ihr das Trollen selbst eine immense Befriedigung verschafft. So legt sie sich mehrere Accounts verschiedener Identitäten an, stichelt gezielt in Foren junger Mütter, bei denen sie sich der empörten Reaktionen gewiss sein kann. Im Gegenzug fühlt Jan seine Ohnmacht im Netz umso deutlicher. Die hasserfüllten Nachrichten verfolgen ihn in den Alltag, bis der Griff zum Computer regelrechte Panik auslöst. Diese zwei Welten in einer Beziehung darzustellen ist ein genialer Schachzug. In Figur von Sophia und Jan wird deutlich, wie eng Macht und Ohnmacht beieinander liegen. Denn so mächtig Sophia sich in ihrer Position als Troll fühlt, so unbefriedigend ist diese für sie zugleich. Das Trollen wird zur regelrechten Sucht, bis sie sich ihrem eigenen Handeln selbst hilflos ausgeliefert fühlt. Bei Jan dagegen verdrängt die Ohnmacht gegenüber Unbekannten im Netz die eigene reale Machtposition als Journalist. Gleichzeitig sorgt die Schuld, die er aufgrund eigener Fehler empfindet, dafür, dass er die Angriffe nicht öffentlich macht oder sich anderweitig Hilfe sucht. Dies empfand ich als ziemlich unbefriedigend, denn eigentlich hat Jan sich der Situation schnell ergeben, wodurch einige Spannung verloren ging. Hier hätte ich mir eine stärkere Polarisierung gewünscht. Denn Jan bleibt seltsam passiv, sodass Sophia wiederum fast zur tragenden Figur wird. Die wiederum wirkt mitunter etwas zu hölzern, zu emotionslos. Vielleicht ist es auch einfach keine gute Idee als Mann über Mutterschaft und fehlende Bindung zum Kind schreiben zu wollen, auch wenn der Versuch gar nicht mal schlecht gelungen ist. Denn schlussendlich wirft der Roman spannende Fragen auf und lässt in Abgründe blicken – am spannendsten natürlich Sophia, die sich und ihre moralischen Maßstäbe an ihr eigenes Handeln verliert.

Fazit: Fake literarisiert Diskussionen über Haltung, Anonymität im Netz und Trolle, und schafft dabei eine emotionsgeladene Stimmung trotz eigentlich ruhigem Setting. Lese- und Nachdenkempfehlung!

Auch wenn die Rezensionen alle schon etwas älter sind, möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf meinen Themenmonat HateSpeech hinweisen:

Kuhla, Karoline: Fake News
Ley, Hannes: #ichbinhier – Zusammen gegen Fake News und Hass im Netz
Schad, Gina: Digitale Verrohung? Was die Kommunikation im Netz mit unserem Mitgefühl macht
Skudlarek, Jan: Der Aufstieg des Mittelfingers. Warum die Beleidigung heute zum guten Ton gehört

Wenn ihr mehr spannende Bücher zum Thema kennt, freue ich mich über einen Hinweis!


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Fake von Frank Rudkoffsky
233 Seiten; Hardcover
erschienen August 2019
Voland & Quist

Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt.
Herzlichen Dank!

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