Rezension

Platte Klischees aus dem Lehrerleben: „Für mich ist auch die 6. Stunde“ von Frau Freitag

Ähnlich wie Ich hatte mich jünger in Erinnerung von Monika Bittl und Silke Neumayer hatte ich Für mich ist auch die 6. Stunde, bzw. eigentlich alle Bücher von Frau Freitag, oft in der Buchhandlung gesehen und war sehr neugierig darauf. Als ich daher das Buch nach einem gemütlichen Kaffeetreffen im öffentlichen Bücherschrank fand, habe ich es spontan einmal mitgenommen. Ich weiß nicht, ob solch humorigen Titel einfach nicht meins sind oder ob ich extremes Pech hatte, ausgerechnet den einen Titel von Frau Freitag zu greifen, der tatsächlich etwas flach geraten ist. Und damit meine ich nicht einmal nur den Humor, wie ich euch im folgenden schildern möchte.

Für mich ist auch die 6. Stunde. Überleben unter Schülern

Frau Freitag scheint ein Phänomen des maroden Bildungssystems zu sein: Als Englisch- und Kunstlehrerin in „überdrehten, dafür recht leistungsschwachen Klassen“ (aus der Biografie im Buch) in Berlin erlebt sie so einiges und verfasst zahlreiche Bücher über ihren Schulalltag. Diese fallen vor allem durch peppige Titel auf und scheinen immer recht kolumnenartige kurze Texte zu versammeln. Mit Für mich ist auch die 6. Stunde legt sie laut Klappentext einen „unterhaltsamen Ratgeber“ vor. Darin sammelt sich allerhand Tipps und Anekdoten aus dem Lehrerleben für Lehramtsstudierende, Referendar:innen und angehende Lehrer:innen.

Ein paar persönliche Vorbemerkungen

Vielleicht vorab ein paar persönliche Bemerkungen: Ich habe zwar Germanistik studiert, durfte aber viele Veranstaltungen gemeinsam mit Lehramtsstudierenden belegen. Das bedeutet für Germanistik-Studierende nicht immer eine Freude, denn oftmals sind die Kurse überbelegt (das Verhältnis von Kernfach zu Lehramt ist ungefähr vergleichbar mit einem Stück Kuchen zum gesamten Kuchen, ratet auf welcher Seite das Kernfach sich befindet) und nicht immer sind die Lehramtsstudierenden hochmotiviert etwas zu erlernen, was sich nicht direkt als Unterrichtsvorbereitung verwursteln lässt. Ich kenne also viele Klischees über das Lehramt und musste mich auch selbst während des Studiums immer wieder daran erinnern, dass nicht alle Studierenden gleich sind und ich niemanden vorverurteile.
Im Gegensatz dazu habe ich aber auch immer sehr viel Lehrer:innen-Kontakt gehabt: In meiner Familie finden sich bereits jahrelang unterrichtende Lehrkräfte ebenso wie sich im Studium befindliche angehende Lehrerinnen. Auch mein Freundeskreis besteht aus vielen Lehrpersonen, nicht alle im schulischen Kontext, aber alle mit Einsatz und Herzblut für Bildung und Chancengleichheit.
Dies nur als kleiner Hintergrund, warum ich manche vermeintlich witzige Anekdote innerhalb des Buches vielleicht etwas zwiegespalten sehe…

Aneinanderreihung von Klischees, dazu ein arg strapaziöses Bild des Lehrerlebens

Schule, vor allem die Perspektive der Lehrkräfte, ist für viele Menschen sicherlich ein Mysterium. Auch wenn wir alle uns zwar, mehr oder weniger lieb, an unsere eigene Schulzeit zurückerinnern, so misslingt die Bewertung des Lehrberufs doch oftmals. Insofern finde ich einen unterhaltsamen Einblick in das Lehrerleben erst einmal eine feine Sache! Die besondere Schwierigkeit liegt dabei wahrscheinlich auch noch einmal auf der Verbindung von Unterhaltsamkeit der Anekdoten und gleichzeitiger Anonymität der beschriebenen Schüler:innen. Vielleicht muss ein solches Projekt auch einfach misslingen…

Der humoristische ‚Ratgeber‘, der sich laut Klappentext an Lehrer, Schüler und Eltern richtet, vereint eine große Bandbreite an Themengebieten. Diese werden nach verschiedenen Themengebieten sortiert in Form von kleinen Anekdoten erzählt. Im Großen und Ganzen sind diese Anekdoten unabhängig voneinander, auch wenn natürlich einzelne Schülertypen immer wieder auftauchen oder auf schulische Ereignisse referiert wird. Da es sich bei den Schüler:innen um Kinder aus ‚leistungsschwachen‘ Klassen handelt, könnte man hier natürlich einiges über das gezeigte Bild von Schüler:innen sagen. Da diese jedoch sehr stilisiert und überzeichnet sind, also eher Kunstfiguren als tatsächliche Menschen dargestellt werden, halte ich dies für nicht notwendig. Stattdessen möchte ich mir das Bild, das vom Lehrerschaft abgegeben wird, genauer ansehen. Auch ich selbst bin ja nicht vor Vorurteilen gefeit, vor positiven übrigens genausowenig wie vor negativen, aber dennoch finde ich die Darstellung von Frau Freitag und ihren Kolleg:innen erschreckend. Natürlich ist mir bewusst, dass auch Frau Freitag im Prinzip nur eine Kunstfigur ist. Allerdings steht sie in ihren Büchern exemplarisch für viele Klischees, die Menschen über den Lehrerberuf haben. Dazu gehören beispielsweise fehlende Unterrichtsvorbereitung und der Versuch die eigene Coolness vor den Schüler:innen zu betonen, während diese wild durchs Klassenzimmer tanzen. Alles wie gesagt ebenso übertrieben dargestellt wie die Beschreibungen der Schüler:innen. Und trotzdem vermutlich in manchen Fällen erschreckend realistisch. Natürlich sorgt sich auch Frau Freitag liebevoll um ihre Schüler:innen. Ihre Fürsorge schwankt jedoch zwischen Vorverurteilung, Anmaßung und schlichtweg persönlichen Übergriffen, und das ist dann nicht wirklich spaßig anzuschauen.

Nun kann man dem Buch zugute halten, dass es der Unterhaltung dient und daher die Lehrerin (und ihr Kollegium) stilisiert sind. Trotzdem frage ich mich, ob die überdrehte Spaßigkeit nicht irgendwo ein Ende hätte finden müssen. Nüchtern betrachtet ist das Buch mit 283 Seiten keine schwere Lektüre, aber selbst von diesen knapp 300 Seiten ließe sich wohl einiges zusammenkürzen. Dann nämlich, wenn allzu ähnliche Szenen oder Gespräche, unter dem Deckmantel eines neuen Kapitels und Überthemas, noch einmal verwurstelt werden. Am Ende bleibt wenig Erinnerung aus dem Schulalltag hängen, dafür verfestigt sich das altbekannte Vorurteil, dass Lehrer:innen eigentlich eh nicht arbeiten und die Schüler:innen immer dümmer werden (und davon, dass auffällig viele dumm dargestellte Schüler:innen türkische Namen haben, fange ich gar nicht erst an, das wäre ein Thema für sich!). Falls das Buch also einen lustigen und zugleich schmerzhaften Einblick in den Schulalltag geben möchte, so ist es leider gescheitert. Falls das Ziel natürlich plattester Humor mithilfe jeder Menge Klischee zu verbinden war, so kann ich nur sagen: Ziel erreicht!

Fazit: Weder habe ich mich unterhalten gefühlt, noch konnte ich mit dieser klischeebeladenen Darstellung von Schüler:innen und Lehrer:innen etwas anfangen. Es mag unterhaltsame und dennoch realistische Bücher über den Schulalltag geben. Ob Frau Freitag dazugehört, wage ich einfach mal zu bezweifeln…

P.S. Wer wirklich Interesse am Lehralltag hat, dem empfehle ich in den sozialen Netzwerken Lehrer:innen zu folgen und vor allem zu lesen. So erfährt man nicht nur etwas über Schule und Schüler:innen, sondern auch über schlechte Schulkommunikation, fehlenden Rückhalt von Institutionen und Ärger über das Bildungssystem seitens deren, die sich am stärksten damit beschäftigen (müssen) …


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Für mich ist auch die 6. Stunde. Überleben unter Schülern von Frau Freitag
283 Seiten
erschienen 2017
Ullstein

Fundstück im öffentlichen Bücherschrank, macht sich nun wieder auf die Reise!

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