Rezension

[HateSpeech] Was ist eigentlich eine Beleidigung?: „Der Aufstieg des Mittelfingers“ von Jan Skudlarek

Wird der Ton rauer oder täuscht uns unser Gefühl? Jan Skudlarek ist Doktor der Philosophie und Lyriker und beschreibt auf amüsante Art und Weise, warum es Beleidigungen immer schon gegeben hat:

Der Aufstieg des Mittelfingers von Jan Skudlarek

Ob im Internet, im Wartezimmer beim Arzt oder der Schlange im Supermarkt: Beleidigungen gibt es überall. Doch gerade scheint der Trend eher zu immer mehr Beleidigungen zu tendieren. Warum beleidigen einige mit Vorliebe, was ist überhaupt der Sinn einer Beleidigung und wo hört Meinung auf und fängt Beleidigung an? Damit beschäftigt sich Jan Skudlarek auf amüsante und nachvollziehbare Weise.

Was ist eine Beleidigung?

Zuerst einmal klärt Skudlarek über die Beleidigung auf: Es gibt absichtliche und unabsichtliche Beleidigungen, doch nur erstere verfolgen die Absicht zu beleidigen. Doch eine gut gesetzte Beleidigung ist nichts wert, wenn sie ihre Wirkung verfehlt. Beleidige ich jemanden, wenn ich mich alleine in einem Zimmer befinde, verpufft die Beleidigung folgenlos. Je größer die öffentliche Beleidigung wahrgenommen wird, desto besser trifft sie ihr Ziel. Denn es beleidigt nicht die Beleidigung selbst. Was tatsächlich beleidigt ist die Erniedrigung des Beleidigten durch den Beleidiger und zwar in einer öffentlichen Art und Weise. Im germanistischen Studium erlernt man dafür den Begriff des „Gesichtsverlust“. Skudlarek greift an vielen Stellen Sprachwissenschafts- und Kommunikationsbegriffe explizit oder implizit auf. Dabei ist das Buch auch für absolute Laien von Sprachwissenschaft lesens- und empfehlenswert. Denn mit Fachbegriffen hält sich der recht flapsig schreibende Skudlarek nicht auf. Ihm geht es nicht um Begriffe oder Kommunikationsmodelle, sondern um Inhalt und Verständlichkeit. Recht schnell wird beim Lesen deutlich: Die Beleidigung ist ein Mittel des Sprechens, das nicht erst seit dem Aufkommen des Internets eingesetzt wird. Das Internet führt nur zu einer größeren Öffentlichkeit bzw. zu schnelleren Reaktionen von Beleidigern und Beleidigten.

„Dabei ist der Griff zur beleidigenden Sprache keineswegs eine Kapitulation vor der Sprache allgemein. Oder etwa doch? Ist Fluchen, Schimpfen und Beleidigen etwa ein Ausdruck sprachlicher Armut? Im Gegenteil.“

Der Aufstieg des Mittelfingers, Seite 11

Unterscheiden muss man dabei meiner Meinung nach ganz klar zwischen Trollen im Netz, denen selten an Auseinandersetzung gelegen ist und einer wohlgesetzten Beleidigung im öffentlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Beleidigungen mögen vielleicht keine sprachliche Kapitulation sein, von einer geistigen Kapitulation vor einem angemessenen Diskurs kann man in einigen Fällen schon sprechen. Nichtsdestotrotz beschreibt Skudlarek auf unterhaltsam zu lesende Weise wie Beleidigungen „funktionieren“, was beleidigend sein kann und was nicht und auch, was man proaktiv gegen ein Gesprächsklima tun kann, in dem Beleidigungen die einzige noch mögliche Kommunikationsform sind.

„Im Kapitel über das Internet war zu sehen, was passiert, wenn sich jemand als Gesprächspartner disqualifiziert fühlt. Eine solche Disqualifikation macht Menschen wütend. Es sinkt die Hemmschwelle zur Beleidigung. Wer eh nicht mitspielen darf, verliert auch den Grund sich noch an die Regeln des Spiels zu halten.“

Der Aufstieg des Mittelfingers, Seite 155

Nur indem wir uns als Gesprächspartnern gegenseitig Respekt gegenüber bringen, auch bei abweichenden Meinungen, können wir ein gutes Diskussionsklima beibehalten. Und das sollte doch wohl das Hauptziel aller Dialogpartner sein?

Für wen ist Der Aufstieg des Mittelfingers interessant?

Laut Klappentext „Für alle, die schon mal beleidigt wurden. Also für alle.“ und da ist was dran. Das Buch ist einfach zu lesen, gleichzeitig sehr informativ und räumt mit Vorurteilen auf. Neben interessanten Anekdoten über öffentlichkeitswirksame Beleidigungen gibt es auch Handlungsempfehlungen im Umgang mit Beleidigungen. Beleidigungen sollte man ernst nehmen und zurückweisen. Gleichzeitig darf man sie auch nicht zu ernst nehmen, denn damit räumt man ihnen Macht ein. Lehrreich und unterhaltsam – das ist eine gute Mischung!


Das Buch

Der Aufstieg des Mittelfingers. Warum Beleidigung heute zum guten Ton gehört von Jan Skudlarek
283 Seiten, Taschenbuch
erschienen bei rororo

Dieses Buch wurde mir für meinen Themenmonat vom Verlag zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

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