Bücher in Büchern,  Rezension

Jedes Buch ein Leben – Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig

CN: Selbstmord & Tod

Unser Leben lang treffen wir unzählige Entscheidungen, mal kleine, mal große. Und nun stell dir vor, in einer Bibliothek werden all diese Leben, die aus den unterschiedlichen Entscheidungen entstehen, gesammelt. Es gibt Leben, die deinem jetzigen sehr ähnlich sind und es gibt Leben, die komplett unterschiedlich gelaufen sind. Was für eine spannende Vorstellung!

Wie findet man das richtige Leben?

Nora Seed ist mit ihrem Leben unzufrieden. Sie hat keinen Erfolg im Leben und wenig soziale Kontakte, selbst zu ihrer Familie. Als sie kurz hintereinander ihren Job verliert und ihre Katze überfahren wird, beschließt sie kurzerhand, dass alles für sie keinen Sinn mehr hat. Sie versucht sich das Leben zu nehmen – und scheitert. Und sie erhält eine neue Chance, denn sie findet sich in der Mitternachtsbibliothek wieder. Einer Bibliothek, in der die Zeit still steht und ihre alte Schulbibliothekarin sie durch unzählige Welten führt: Denn in jedem Buch steckt ein Leben, das Noras hätte sein können, wenn sie andere Entscheidungen im Leben getroffen hätte. Und Nora wählt aus, zuerst zaghaft, dann immer getriebener: Auf der Suche nach dem perfekten Leben, dem Leben, in dem sie bleiben möchte.

Matt Haig erschafft hier ein spannendes Gedankenspiel: Welches Leben wählt man aus, wenn man die Wahl zwischen allen nur möglichen Variationen hat. Und was macht überhaupt das perfekte Leben aus? Beruflicher Erfolg oder privater? Ansehen durch eigene Leistung oder Bekanntheit durch reinen Zufall? Mit welchem vergangenen Partner hätte man die perfekte Familie erschafft, wenn alles anderes gekommen wäre? Und welchen Wert hat dabei das eigene, das echte Leben, im Vergleich zu den unendlichen Möglichkeiten? Über all dies regt die Mitternachtsbibliothek ganz nebenbei zum Nachdenken an. Dabei ist die Erzählung dennoch so leicht und locker, dass sich der Roman trotz seiner Ernsthaftigkeit prima zum Abschalten lesen lässt. Selbst der Selbstmord, der als Teil der Story so deutlich angekündigt wird, macht kaum betroffen. Und zum Ende hin wird es dann (für meinen Geschmack etwas zu sehr) ganz kitschig, sodass man leichten Herzens die Buchdeckel zuklappen kann.

Als Figur im eigenen Leben

Natürlich hat mich dieses Buch besonders neugierig gemacht, weil es (zumindest metaphorisch) in einer Bibliothek spielt. Das ergibt natürlich das richtige Setting (und einige schöne buchbezogene Zitate) für alle Bücherwürmer. Noch spannender fand ich allerdings die Entwicklung, die mit Nora einhergeht: Während sie zu Anfang noch neugierig in ihre eigenen Leben schlüpft, nimmt sie zunehmend eine Rolle in ihren eigenen Leben ein. Im Prinzip wird sie zur Figur ihrer eigenen Geschichte und – das ist schließlich die große Lehre – lebt in den Büchern nur stellvertretend ein fremdes Leben. Darüber könnte man sicherlich noch einige spannende Überlegungen anstellen…

Fazit: Ein lockeres Buch mit ernsten Anklängen über den Wert des eigenen und des perfekten Lebens. Entführt auf mehreren Ebenen in unzählige Geschichten und eignet sich wunderbar zum Davonträumen und – philosophieren.


[Werbung]

Die Mitternachtsbibiliothek von Matt Haig
Übersetzt von Sabine Hübner
318 Seiten, Hardcover
erschienen am 1. Februar 2021
Droemer Knaur

Dieses Buch habe ich auf Vorablesen gewonnen!

2 Kommentare

  • LeseWelle

    Hallo Jennifer!
    Mich hatte es auch neugierig gemacht, dass die Geschichte in einer Bibliothek spielt und das Gedankenspiel dahinter finde ich sehr spannend.
    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, obwohl ich mir manchmal etwas mehr Einblick in die verschiedenen Leben von Nora gewünscht hatte, an einigen Stellen waren diese mir zu schnell abgehandelt.
    Aber wie du schon sagst, es gab viele tolle Zitate zu entdecken. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana
    PS: Habe dich gerne bei meiner Rezension verlinkt. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.