Literatur & Lesung,  Rezension

[Film] Der Kinderfilm „Fritzi – Eine Wendewundergeschichte“ im Vergleich zur Buchvorlage

Am kommenden Mittwoch, den 9. Oktober 2019, und damit zum 30. Jahrestag der ersten großen Demonstration in Leipzig, erscheint der Film Fritzi – Eine Wendewundergeschichte in den Kinos. Aus kindlicher Perspektive werden die Montagsdemonstrationen und die Öffnung der Mauer dargestellt. Ich habe mir die Buchvorlage und den Film vorab für euch angesehen und möchte euch ein wenig Lust auf die Geschichte machen!

Die Buchvorlage: Fritzi war dabei. Eine Wendewundergeschichte

Den Herbst 1989 aus der Sicht eines Kindes zu erzählen, das klingt so simpel wie kompliziert. Die Erzählung komplexer historischer Stoffe aus der Kinderperspektive benötigt Fingerspitzengefühl und es gibt zahllose gelungene wie misslungene Beispiele. In Fritzi war dabei schildert Hanna Schott die historischen Ereignisse, im Kern konzentriert sie sich jedoch auf die für ein Kind alltäglichen Situationen:

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Die Handlung: Eigentlich ist alles wie immer nach den großen Sommerferien. Nur das Sophie fehlt, die sonst neben Fritzi sitzt. Statt in der Schule ist Sophie mit ihren Eltern in Ungarn. Und sie sind nicht die einzigen: Jede Menge Leute sind über den Sommer nach Ungarn gefahren und nicht mehr zurückgekommen. Und während Fritzi noch versucht zu verstehen, was es mit diesen Reisen auf sich hat, entwickeln sich die Ereignisse scheinbar ganz plötzlich. Immer lauter werden die Proteste auf den Straßen, während Fritzis Eltern daheim noch streiten, ob es besser ist das Land zu verlassen oder zu bleiben …?

Der Film: Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

Im Vergleich zum Buch wurden in dem Film, der von Matthias Bruhn und Ralf Kukula stammt, einige entscheidende Punkte der Handlung geändert, wodurch die Handlung allerdings um einiges an Plausibilität gewinnt. Ein paar der neu hinzugekommenen Aspekte hätte man sich aber sparen können…

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Die Filmhandlung: Fritzis beste Freundin Sophie macht mit ihren Eltern Ferien in Ungarn und Fritzi hütet solange Sophies Hund Sputnik. Doch Sophie und ihre Eltern kommen nicht mehr zurück. Fritzi versucht mit Hilfe ihres Klassenkameraden Bela herauszufinden, was hinter dieser Reise steckt und wie sie Sophie und Sputnik wieder vereinen kann. Währenddessen schließt sich ihre Mutter den immer voller werdenden Demonstrationen an und auch Fritzi bekennt sich immer offener zu den Protesten.

Was den Film im Vergleich zum Buch auszeichnet:

Eine der größten Schwächen des Buches ist es, dass nicht deutlich wird, warum Fritzi ein so dringliches Interesse an der Suche nach den Zusammenhängen hat. So wird trotz zahlreicher alltäglicher Szenen nicht nachvollziehbar und begreifbar, welche Veränderungen vor sich gehen. Weitaus interessanter wird dafür der Konflikt der Eltern geschildert, die im Buch fast zu den eigentlichen Hauptfiguren werden: Die Mutter von Fritzis Vater wohnt im Westen, Fritzis Eltern schauen das DDR-Fernsehen nur wenn jemand Fremdes an der Tür klingelt und benennen Probleme ihres Heimatlandes sehr offen. Dennoch sind sie in ihrem moralischen Konflikt gefangen: Wenn alle gehen, wer bleibt dann um das Land zu einem besseren zu machen? Hier wurde leider viel Potential verschenkt, da durch die kindliche Perspektive viele Gespräche nur angeschnitten werden. Fritzis Mutter möchte gehen, um der Situation zu entkommen, Fritzis Vater bleiben, hier hätte es Stoff für jede Menge Diskussionen gegeben. Unklar bleibt dagegen, warum Fritzi sich auf der Grundlage ihres eingeschränkten Wissens einmischt und zugleich die Hinweise der Eltern nicht zu verstehen in der Lage ist.

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Im Film dagegen wird durch Sputnik, Sophies Hund, und Fritzis drängendes Verlangen die beiden wieder zu vereinen die komplette Handlung motiviert. Was immer Fritzi tut, geschieht aus dem Versuch heraus, herauszufinden, warum Sophie in Ungarn ist und wie sie selbst dorthin reisen kann. Die Spurensuche wird damit fast zur detektivischen Erzählung, der man nachfiebern kann. An vielen alltäglichen Situationen werden Kollektivgedanken und Angst vor der Stasi nachvollziehbar. Schade fand ich dagegen, dass Fritzis Eltern im Vergleich zum Buch so farblos blieben. Denn im Film ist es eindeutig Fritzi, die sich mit der DDR, mit Freiheit und dem Protest auseinandersetzt, während die Eltern eher auf das Drängen und Fragen der Tochter reagieren. Diese fast schon klischeehafte Sensibilisierung der Eltern durch das eigene Kind fand ich zu übertrieben dargestellt, sind für das Medium Film aber vermutlich mitreißender für die erwarteten kindlichen Zuschauer. Gleiches gilt für die zarte ‚Liebesgeschichte‘ mit Fritzis Mitschüler Bela, dem sie sich zu den ersten Friedensgebeten anschließt und der ihr als Helfer mit Rat und Tat (und Kompass) zur Seite steht. Bela als Figur ist tiefschichtig, die romantischen Gefühle sind für das Publikum aber eigentlich unnötig.

Dennoch überzeugt der Film durch eine runde und mitreißende Handlung, durch gut dosierte Musik und schöne Animationen, die zugleich die Komplexität der Handlung unterstreichen und doch simpel genug sind um auch von einem kindlichen Publikum verstanden zu werden. Der Film ersetzt nicht das Gespräch mit Kindern über die Ereignisse sondern bietet einen Anstoß und eine Basis, worin meiner Meinung nach die absolute Stärke des Films im Vergleich zum Buch liegt. Durch den historischen Bezug zu Leipzig wird der Film sicherlich einige Leipziger Familien in die Kinos locken, ich wünsche dem Film jedoch, dass er auch außerhalb Leipzigs bekannt wird.

Sehenswert? Lesenswert? – Ein kleines Fazit

Film und Buch haben beide ihre Stärken und Schwächen. Da der Film jedoch um einiges emotionaler ist und daher meiner Meinung nach leichter Zugang für Kinder bietet, empfehle ich an dieser Stelle eher den Film zu schauen (und natürlich danach darüber zu reden). Das Buch und insbesondere das zusätzliche pädagogische Material sind jedoch für Gruppen oder Schulklassen die klare Wahl!

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Filmplakat

Hinweis: Auf den Seiten von Klett Kinderbuch gibt es pädagogisches Begleitmaterial zum Buch von der Bundeszentrale für politische Bildung für Schulen und Bildungseinrichtungen.


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Buch
Fritzi war dabei – Eine Wendewundergeschichte von Hanna Schott mit Bildern von Gerda Raidt
Sonderausgabe (Taschenbuch) mit 96 Seiten
Klett Kinderbuch
Weitere Informationen: Website Klett

Film
FRITZI – EINE WENDEWUNDERGESCHICHTE
Regie: Matthias Bruhn und Ralf Kukula
Drehbuch: Beate Völcker
ab 09.10. im Kino
Weitere Informationen: Trailer, Facebook

Das Buch und die Teilnahme an der Pressevorführung wurden mir kostenfrei zur Verfügung gestellt!

2 Kommentare

  • Tina

    Liebe Jennifer,

    ich glaube, dass Film und Buch irgendwie untergegangen sind. Ich habe zwar durch einen Zeitungsartikel und einem anderen Blog bereits davon erfahren, aber irgendwie kam „Fritzi“ nur am Rande des Feiertages und des Jubiläums um die 30-jährige Revolution vor.
    Eigentlich schade, denn wie du schon sagst, gerade der Film hätte Potenzial, dass Thema Kindern zugänglicher zu gestalten.

    Liebe Grüße
    Tina

    • Jennifer

      Liebe Tina,

      ja, wirklich schade!
      Vielleicht gibt es ja für Schulen oÄ die Möglichkeit, den Film später trotzdem noch zu nutzen. Wäre ja auch für die Macher*innen schön, die sicherlich viel Zeit & Arbeit investiert haben…

      Liebe Grüße
      Jennifer

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