Rezension

Zwischen Fiktion & Realität: „Lady Churchill“ von Marie Benedict

Wer ist eigentlich die weitaus weniger bekannte Frau hinter dem berühmten Ehemann? Diese Frage hat sich Marie Benedict bereits in ihren Roman Frau Einstein gestellt (hier gelangt ihr zu meiner Rezension). Damals brachte sie uns Milena Marić nahe, die ihren berühmten Ehemann nicht nur im Privaten unterstützte, sondern auch maßgeblichen Anteil an seiner Karriere hatte. Nun legt sie mit Lady Churchill nach und natürlich wollte ich auch diese Frau unbedingt näher kennen lernen.

Wer ist Lady Churchill?

Als Ehefrau von Winston Churchill ist Clementine stark eingebunden in die Politik ihres Landes. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Ehefrauen von Politikern ihrer Zeit beschränkt sie sich ungern auf die Rolle im Hintergrund: Nur zu gerne unterstützt sie Winston bei öffentlichen Auftritten ebenso wie in strategischen Sitzungen. Im Gegensatz zu ihrem Mann fehlt es ihr nicht an diplomatischem Geschick und Menschenkenntnis und gemeinsam bilden sie nicht nur ein starkes Paar, sondern auch eine kleine politische Macht. Dabei ist Clementine selbst eine starke Persönlichkeit, deren eigenständiges Handeln nur durch gesellschaftliche Konventionen eingeschränkt wird. Während sie ihren Mann in seiner Karriere unterstützt, hadert sie mit der eigenen Mutterrolle und erkennt immer mehr: Wenn sie ihren eigenen Weg gehen möchte, muss sie sich für die ihr wichtigen Themen selbst einsetzen…

Die Frau im Hintergrund?

Es scheint ein gängiges Muster zu sein, das die Frauen berühmter Männer eher im Hintergrund bleiben. Warum eigentlich frage ich mich? Schon beim Lesen von Frau Einstein fand ich es nur zu logisch, in welcher Weise Mileva Einfluss auf das Leben ihres Mannes nahm. Und damit meine ich nicht nur das sprichwörtliche Versorgen von Kind und Mann und Führen des Haushalts. So wie Mileva Alberts intellektuelle Partnerin war, so ist Clementine Winstons politische Vertraute. Sie begleitet seinen politischen Aufstieg und unterstützt ihn tatkräftig, beispielsweise beim Verfassen seiner politischen Reden. Im Buch lernen wir sie als eine starke Frau kennen, deren Gedanken- und Gefühlswelt sich um ihren Mann und ihre Karriere dreht. Wie auch in Frau Einstein stützte Marie Benedict sich bei ihrer Recherche auf verschiedene Quellen, unter anderem bereits veröffentlichte Literatur und Briefquellen. Dennoch ist anzumerken, dass es sich bei dem Roman um ein literarisches Werk handelt, und insbesondere die Gefühlswelt von Clementine Churchill konstruiert ist.

Ich habe alles in meiner Macht Stehende getan, um Winston das Zuhause zu bereiten, von dem er träumte, und um ihm die politische Partnerin zu sein, von der wir beide träumten, und das alles, während ich zwei seiner Kinder austrug und mich nach den Geburten immer schnell wieder erholte.
Was fiel ihm ein, mich derartig zu unterschätzen!

Lady Churchill, Seite 73

Trotz dieses Hintergrundwissens fand ich die im Buch vorgestellte Frau sehr beeindruckend. Die Geschichte von Winston und Clementine beginnt im Jahre 1908 mit dem ersten Kennenlernen bei einem gesellschaftlichen Abendessen. Über verschiedene politische Ämter begleiten wir das Paar durch private und politische Höhen und Tiefen, und ebenso über zwei Weltkriege. Clementine unterstützt Winston in seinem Wirken und lässt sich auch durch eher ablehnende gesellschaftliche Reaktionen nicht beirren. Ihrer Rolle als Mutter steht sie dagegen abgeneigt gegenüber, immer hin und her gerissen zwischen der Liebe zu ihren Kindern, ihrem Unvermögen diese Kinder selbständig zu erziehen und dem Wunsch sich nicht nur auf häusliche Tätigkeiten zu beschränken. Und auch wenn Winston und Clementine eine gute Ehe führen, bemerkt Clementine im Laufe der Jahre immer stärker, wie sehr sie sich selbst zurückhalten muss im Gegensatz zu ihrem Mann. Es ist zugleich bestärkend und bedrückend zuzusehen, wie Clementine sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchsetzt und auch für die ihr wichtigen Themen einzusetzen lernt. Natürlich ist auch dies ein Spiegel der Zeit, und eigentlich ist es auch erschreckend zu bedenken, dass diese Gesellschaft der unseren nur rund 100 Jahre entfernt ist.

Zwischen Realität und Fiktion

Das Besondere an Marie Benedicts Romanen ist die starke Verflechtung zwischen realen Ereignissen und der fiktiven Ausgestaltung. Beim Lesen hat man nur allzu leicht den Eindruck ein privates Tagebuch, welches literarisch bearbeitet wurde, zu lesen. Immer wieder musste ich mich erinnern, dass zwischen Realität und Fiktion durchaus Unterschiede bestehen können. Dennoch fand ich den Roman gerade wegen dieser Verschmelzung interessant, da ich durch die fiktiv-reale Figur Clementine einen weitaus emotionaleren Bezug zu der Handlung und auch den realgeschichtlichen Bezügen hatte. Im Übrigen war es auch eine interessante Erfahrung für mich den 2. Weltkrieg aus der englischen Perspektive zu erlesen. Insbesondere war mir persönlich nicht bewusst wie lange England alleine den Krieg aushalten musste, bevor die USA und die weiteren Verbündeten zur Unterstützern wurden. Insgesamt ist Lady Churchill nicht nur literarisch interessant, sondern lehrt auch vieles über die damalige Zeit.

Fazit: Marie Benedict stellt uns mit Clementine Churchill wieder eine starke Frau vor, wobei sie ihrem Stil der Vermischung von Fiktion und Realität treu bleibt. Eine spannende Lektüre über eine Frau, die die Weltgeschichte prägte und dennoch weitgehend unbekannt blieb. Leseempfehlung!

P. S. Marie Benedict hat übrigens noch weitere Romane über weitere in Vergessenheit geratene Frauen geschrieben. Vermutlich dürfen wir uns also auf weitere Übersetzungen zu Hedy Lamarr, Clara Kelly, Agatha Christie und Belle da Costa Greene freuen!

Dieses Buch habe ich auf Vorablesen gewonnen.


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Lady Churchill von Marie Benedict
übersetzt von Marieke Heimburger
erschienen im Frühjahr 2021
444 Seiten, Hardcover
Kiepenheuer & Witsch


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