Rezension

Über die Abhängigkeit zur eigenen Familie | „Otto“ von Dana von Suffrin

In Otto erzählt Dana von Suffrin von einem starrköpfigen alternden Mann und seiner Beziehung zu seinen beiden erwachsenen Töchtern. Ein humorvoller Roman über alltägliches Freud und Leid und die besondere Abhängigkeit zur eigenen Familie.

Wer ist Otto?

Auch wenn Titel und Klappentext suggerieren, dass Otto die zentrale Figur im Roman wäre, so ist er doch eigentlich eine Nebenfigur. Und ist es zugleich wieder nicht, denn obwohl Timma eigentlich nur ihr eigenes Leben leben möchte, mischt Otto sich beharrlich ein und verlangt fordernd Gehorsamkeit ebenso wie Aufmerksamkeit. Und so verbringt Timna mehr Zeit bei Otto als in ihrer eigenen Wohnung und auch ihre Schwester Babi ordnet sich dem Familienpatriarchen unter. Und während die beiden Schwestern gemeinsam unter ihrem Vater leiden, den sie zugleich lieben, kümmern sie sich um seine realen und eingebildeten Krankheiten und versorgen ihn im Alltag. Und kämpfen dabei sowohl mit der Liebe zu ihrer Familie als auch dem starken Gefühl der Abhängigkeit, sich weder von der Vergangenheit noch von familiären Verpflichtungen lossagen zu können.

Über nicht nachlassende Familienbande

Auch wenn die beschriebene Geschichte eher bedrückend klingt, erzählt Dana von Suffrin doch sehr locker und humorvoll von ihren schrulligen Figuren. Die jüdische Familie mit siebenbürgischen Wurzeln schafft sich ihre eigenen Traditionen, die weiterleben zu lassen sich Otto zum Ziel gesetzt hat. Und während Otto gebrechlicher und körperlich immer abhängiger von seinen Töchtern wird, schafft er es dennoch sich mit seiner mürrischen Art stets gegen seine Mitmenschen durchzusetzen. Ohne Rücksicht auf die Wünsche seiner Töchter bestimmt Otto dabei nicht nur über sein eigenes Leben, sondern auch über das ihre.

Und obwohl Otto ein tyrannischer Charakter ist, verströmt der Roman eine unglaubliche Leichtigkeit. Denn Otto ist zwar schwierig, aber dennoch auf seine schrullige Art liebenswert. Und Timna und Babi ertragen ihren schwierigen Vater ebenso sehr wie sie ihn lieben, und ich glaube diese gemischten Gefühle beschreiben wunderbar die Bandbreite an Gefühlen, die wohl sehr viele Menschen ihren eigenen Familien gegenüber bringen. Dazu kommt der sprunghafte Erzählstil, der mal aus der Gegenwart, mal in Rückblicken, gerne mit einer ordentlichen Prise bösem Humor von bekannten und unbekannten Familienmitgliedern erzählt. Und so handelt es sich trotz allem um ein Buch für gemütliche Lesestunden und um ein interessantes Debüt einer Autorin, die uns sicherlich noch einige spannende Bücher bescheren wird.

Fazit: Melancholisch und zugleich komisch erzählt Dana von Suffrin von einem alten Mann, der sein ganzes Leben lang über seine Töchter bestimmte und dies selbst in hohem Alter weiterhin tut. Feinfühlig beschreibt sie Macht und Ohnmacht einer Familie, in der Liebe und Hass eng miteinander verwoben sind.

Anmerkung: Inwieweit die Darstellung jüdischer Traditionen realistisch ist, kann ich aufgrund meines fehlenden persönlichen Wissens nicht sagen. Mitunter erschien mir die Darstellung der jüdischen Figuren eher starr und klischeehaft, dies kann aber auch mein persönlicher Leseeindruck sein und schmälerte meinen Lesegenuss nicht.

Dieses Buch habe ich vom Verlag
kostenfrei erhalten. Herzlichen Dank!

Mit „Otto“ hat Dana von Suffrin ein sehr schönes Debüt geschrieben – lustig, traurig, zärtlich und sehr feinfühlig.

Petra auf Literaturreich

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Otto von Dana von Suffrin
229 Seiten
erschienen 2019
Kiepenheuer & Witsch


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2 Kommentare

  • Regina Kummetz

    EIn Buchfür gemütliche Lesestunden mit (auch) bösem Humor habe ich gerade gesucht – nach all den Fachbüchern zu Klimawandel und Biodiversität brauche ich eine andere Bettlektüre.

    Also ganz herzlichen Dank, liebe Jennifer
    und Grüße aus Wien

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