Unsichtbare Frauen von Caroline Criado Pérez
Rezension

„Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez oder: Warum fehlende Daten ein Problem sind

Sind Frauen in unserer Welt unsichtbar? Die feministische Aktivistin Caroline Criado-Perez stellt in ihrem Buch fest, dass Frauen und ihre Bedürfnisse in vielen gesellschaftlichen Bereichen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Denn obwohl wir immer mehr Daten über unsere Welt erheben, werden diese Daten in den wenigsten Fällen nach Geschlecht unterschieden. Und da wir im Patriarchat leben und alles auf den Mann ausgerichtet ist, stellt genau dieses Fehlen an geschlechtsspezifischen Daten ein Problem dar. So unglaublich dies auch für viele klingen mag, die sich mit diesem Thema noch nicht beschäftigt haben, so nachdenklich macht das Buch Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert. Denn wenn Criado-Perez These stimmt, was bedeutet dies für uns als Gesellschaft?

Karlskoga und das Problem mit dem Schneeräumen

Eines der ersten Beispiele, die Criado-Perez in ihrem Buch anführt, war für mich in seiner Schlichtheit besonders eindrücklich. Denn das Beispiel zeigt eindrucksvoll welchen Einfluss der Blickwinkel auf die Bewertung von Daten hat. Und das Beispiel geht so: Im Jahr 2011 wurde in der schwedischen Stadt Karlskoga eine Gleichberechtigungsinitiative gegründet, die die gesamte Stadtpolitik unter Gender-Gesichtspunkten betrachten wollte. Auf den Witz eines Behördenmitarbeiters, dass wenigstens das öffentliche Schneeräumen im Winter unantastbar sei, nahmen sich die Mitglieder der Initiative genau dieses Thema einmal näher vor. Und stellten fest, dass sich das Thema durchaus unter Geschlechtsaspekten betrachten lässt. Denn in den meisten Gemeinden in Karlskoga wurden zuerst die Hauptverkehrsadern vom Schnee befreit und zuletzt die Geh- und Radwege. Dabei zeigen verschiedene Statistiken aus unterschiedlichen Ländern, dass Männer und Frauen sich durchaus unterschiedlich fortbewegen. Denn Frauen nützen weitaus häufiger Fußwege oder öffentliche Verkehrsmittel, wogegen Männer sich statistisch eher mit dem Auto fortbewegen. Außerdem haben Männer eher einfache Hin- und Rückwege zwischen Arbeit und Zuhause, während Frauen statistisch häufiger aneinander gereihte Wege zurücklegen. Sie fahren zum Beispiel mit den Kindern zum Kindergarten, danach zur Arbeit, holen nachmittags das Kind ab und halten auf dem Weg nach Hause noch um Lebensmittel einzukaufen. Daneben gibt es noch unzählige weitere Statistiken zur Fortbewegung, die ich hier nicht im Einzelnen wiedergeben möchte. Dennoch zeigt das Beispiel, dass es geschlechtsspezifische Unterschiede bei einem doch auf den ersten Blick recht simplen Alltagsthema der Fortbewegung gibt. Und was bedeutet dies nun für das Schneeschippen in Karlskoga? Ganz einfach: Man kehrte die Reihenfolge des Schneeschippens um und räumte zunächst die Fußwege und Wege zu öffentlichen Verkehrsmitteln und anschließend die Straßen. Da im Winter in Schweden üblicherweise Schneeketten genutzt werden, hatte diese Änderung für die Männer wenig Nachteile. Für die Frauen dagegen sogar ungeahnte Vorteile: Im folgenden Winter ging die Aufnahme an Verletzten in den Krankenhäusern zurück. Durch die geräumten Straßen stürzten weniger Frauen, wodurch die Folgeschäden im gesundheitlichen Bereich (von den Kosten für die Krankenkassen bis hin zu Verdienstausfällen) zurückgingen. Denn Fußgänger*innen werden bei Glätte dreimal so häufig verletzt und bilden die Hälfte aller im Verkehr Verletzten. Und mehrheitlich handelt es sich bei Fußgänger*innen wie oben beschrieben um Fußgängerinnen. Eine fünfjährige Studie bestätigte dann schließlich die im ersten Winter bemerkten Auswirkungen.

Was können wir aus diesem Buch lernen?

Ganz grundsätzlich zeigt das Buch ein allgemeines Problem auf: Daten sind längst nicht so objektiv wie wir allzu gerne annehmen und bereits durch das Vorhandensein (oder Fehlen) von Daten wird die Perspektive maßgeblich mitbestimmt. Aus feministischer Perspektive stellt das ein besonderes Problem dar, denn die Welt ist nun einmal für Männer konstruiert. Was das für verschiedene Lebensbereiche bedeutet, zeigt Criado-Perez an einer ganzen Reihe von Beispielen. Ob nun das Design eines Handys, das sich an der durchschnittlichen Männerhand orientiert, oder das Fehlen an gesundheitlichen Daten zu bestimmten Medikamenten, die durch den wechselnden Hormonzyklus von Frauen weniger oder gar nicht wirken. Dabei konzentriert sich Criado-Perez natürlich hauptsächlich auf westliche Gesellschaften, auch wenn sie ebenso kurze Abstecher zu Themen wie Entwicklungshilfe macht oder einzelne Themen wie die oben beschriebenen Unterschiede in der Verkehrsnutzung auf Länder wie Brasilien überträgt. Doch egal welches Land oder Thema sie vorstellt, herrscht laut Criado-Perez allzu oft das altbekannte Problem vor: Die erhobenen Daten werden entweder nicht geschlechtsspezifisch untersucht, weil die geschlechtsspezifischen Unterschiede geleugnet werden, oder es existieren keine geschlechtsspezifischen Daten, da diese entweder nicht erhoben wurden und die weitere Erhebung laut der beauftragten Stellen zu kompliziert wäre. In der Summe und vor allem in der Kombination aller geschilderten Beispiele zeigt Criado-Perez die Wucht all dieser Missstände. Das Lesen dieses Buchs macht dabei einerseits nachdenklich und andererseits wütend über die fehlende Bereitschaft umzudenken. So sinnvoll ich Criado-Perez Anliegen auch fand, zementiert sie dennoch die starre Einteilung in eine binäre Geschlechtseinteilung (also eine ausschließliche Unterscheidung in weiblich und männlich). Wäre es angesichts der Kritik an einer absoluten Konzentration auf am Mann orientierte Daten nicht möglich gewesen die Pluralität von Geschlechtern ebenso anzuerkennen? Andererseits denke ich doch, dass das Buch für viele augenöffnend wirken kann und vielleicht gerade durch die Konzentration auf die Binarität von Geschlecht für eine breitere Masse nachvollziehbarer wird. Denn am Ende müssen die aufgeworfenen Fragen, wie wir uns als Gesellschaft organisieren und wen wir dabei mitdenken, trotz allem von einer breiten gesellschaftlichen Masse diskutiert und verhandelt werden. Anders ist eine Weiterentwicklung wohl kaum möglich.

Fazit: Anhand vieler Statistiken, Beispielen und Anekdoten erzählt Criado-Perez vom Fehlen geschlechtsspezifischer Daten und deren Auswirkungen auf die Beurteilung von den oftmals ach so objektiv eingeschätzten Daten. Dabei konzentriert sie sich auf alltägliche Bereiche aus dem Leben in der westlichen Welt, auch wenn sich ihre Erkenntnisse sicherlich auf beliebige Länder übertragen lassen. Ein Buch, das nachdenklich macht und zur Veränderung aufruft!

Auf meiner Bücherwunschliste steht aktuell noch Das Patriarchat der Dinge von Rebekka Endler, welches das gleiche Thema behandelt.


Drei spannende Rezensionen, die weitere Inhalte und insbesondere problematische Aspekte des Buches vorstellen, auf die ich nicht eingegangen bin:

Mich hat das Buch erstaunt, erschrocken und wütend gemacht.“, sagt Melanie von Melbooklover

Es ginge noch etwas besser, inklusiver sowie übersichtlicher, aber das ändert nichts an der Wichtigkeit des Buches.„, meint Taaya vom Blog Let’em eat books

Für mich bietet “Das Patriarchat der Dinge” den weitaus besseren Zugang zum Thema.„, stellt Alexandra auf The Read Pack fest.


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Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert von Caroline Criado-Perez
Original-Titel: Invisible Women. Exposing data in a world designed for men
Aus dem Englischen übersetzt von Stephanie Singh
496 Seiten
Paperback
Erschienen im Februar 2020
btb

Herzlichen Dank an btb für das Rezensionsexemplar
und meine großartige Leserunde, für die anregenden Diskussionen!

10 Kommentare

  • Regina Kummetz

    Guten Morgen, Jennifer,

    deine Rezension hat mich gepackt, und nun stehen neben „Unsichtbare Frauen“ auch „Das Patriarchat der Dinge“ von Rebekka Endler und „Alte weiße Männer“ von Sophie Passmann auf meiner Wunschliste.

    Danke dafür, dass du meinen „Lese-Blick“ erweitert hast.
    Herzliche Grüße aus Wien, Regina Kummetz

    • Jennifer

      Hallo Regina,
      freut mich, dass ich die so viele Bücher näher bringen konnte! „Alte weiße Männer“ steht auch noch ungelesen in meinem Regal, das sollte ich mir auch bald mal vornehmen

      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Jennifer

      • Konstantin

        ‹Alte weiße Männer› von Sophie Passmann möchte ich empfehlen, als Hörbuch zu hören. Mir fehlt seit der Pandemie ein wenig die Zeit für Hörbücher, weil ich dafür ‹in Bewegung› sein muss, aber ihre Anekdoten sind auf den Ohren noch mal stärker, wie ich finde.

        • Jennifer

          Hi Konstantin,
          danke für diesen Rat! Tatsächlich habe ich sowohl das Buch als auch das Hörbuch daheim, dann weiß ich wozu ich greifen werde 🙂
          VG Jennifer

  • Konstantin

    Ich habe 2020, auch durch die Pandemie, mit dem Lesen von E-Books begonnen. Natürlich habe ich auch schon vorher digital gelesen, aber eher im beruflichen Kontext. Die Möglichkeit von Markierungen, einfachem Copy & Paste finde ich bei ihnen besonders reizvoll im Gegensatz zur Belletristik.

    ‹Unsichtbare Frauen› gehörte zum ersten Stapel und ich kann mich deiner Besprechung nur anschließen, einiges war für mich weniger überraschend im eigentlichen Sinn und dennoch erhellend. Die vielen kleinen Beispiele des Alltag, wie auch das von dir beschriebene ‹Schnee räumen› erlauben wohl den meisten anzuerkennen, das ein Umdenken notwendig und wichtig ist. Ebenso das gesamte Thema der medizinischen Versorgung – das hat mich tatsächlich am meisten schockiert.

    Ich habe meinen Lesefortgang auch auf Twitter ‹dokumentiert›
    https://twitter.com/search?src=typed_query&q=Unsichtbare%20Frauen%20(from%3A%40koysino)

    Auch interessant fand ich die Reaktionen auf Twitter in Teilen, denn sobald es um bestimmte Themen geht, kommen wahrlich merkwürdige Gestalten aus ihren Ecken gekrochen. Auto, Feminismus & Frauen gehören absolut dazu. Siehe die Debatte um das Schneeräumen als Beispiel für Sexismus im Alltag: https://twitter.com/koysino/status/1261985535414996992?s=20&t=hStW68luCFcJTouX87GWJQ

    Nach nun bald 2 Jahren kann ich sagen, dass mich das Buch auch nachhaltig geprägt hat, zudem mit Fakten und Beispieln ausgestattet hat, die ich bis heute als Beispiel mit Quelle einbringen kann – großartig. Dank deiner Links habe ich mir auch die anderen Besprechungen angeschaut, das ‹Patriarchat der Dinge› liegt hier auch noch digital auf dem Stapel, kann aber der Kritik nur in Teilen folgen, insb. die Beispiele aus der Medizin bei denen ich die Relevanz des Sozialen Geschlechts nicht erkennen kann – vielleicht bewege ich mich hier allerdings auch schon auf dünnem Eis.

    • Jennifer

      Hallo Konstantin,

      ich finde es schön zu hören, dass das Buch auch Jahre nach dem Lesen noch solch einen Eindruck hinterlassen hat! Tatsächlich ging es mir beim Lesen ganz ähnlich wie dir: Natürlich kennt man einiges schon oder hat zumindest das Gefühl, denn eigentlich sind ja viele der Beispiele ganz naheliegend. Dennoch finde ich gerade die Maße der alltäglichen Situationen und gerade auch das Wissen um die Zusammenhänge sehr sehr stark zusammengetragen in Unsichtbare Frauen. Ich glaube, ich werde das Buch noch sehr, sehr oft empfehlen.

      Wie spannend, dass du deinen Leseprozess auf Twitter geteilt hast. Das habe ich zuletzt mit der LTI von Klemperer gemacht und da auch eher merkwürdige Erfahrungen gemacht. Deshalb vermeide ich so etwas heutzutage eher…
      Ich hab mich auf jeden Fall sehr über deinen Kommentar gefreut!
      Herzliche Grüße aus Leipzig
      Jennifer

      • Konstantin

        Hallo zurück, ich nochmal. Ich habe kürzlich mit ‹Das Patriarchat der Dinge› begonnen, einige Besprechungen haben sich ja die Mühe gemacht, beide miteinander zu vergleichen und bei Rebekka Endler hervorgehoben, dass sie inklusiver bzw. genderneutraler schreibt. Ich bin jetzt etwa zu zwei Drittel durch und ich möchte nicht sagen, dass ich es schlecht finde, die geballten Daten und Fakten von ‹Unsichtbare Frauen› überzeugt mich rein inhaltlich dennoch deutlich mehr, die Kritik kann ich nicht ganz so nachempfinden.

        Was den Leseverlauf angeht, ich hatte ähnliches auch vorher schon getan, ein Vorteil von E-Books eben schnell per Copy & Paste etwas weiterzugeben. Bei ‹Utopien für Realisten› hatte ich sogar versucht eine offene Debatte anzustoßen, habe das Buch verschenkt – leider ging das Buch zwar weg, aber es kam absolut keine Debatte zustande, die Teilnehmenden haben sich einfach nciht mehr gemeldet. Schade. Liebe Grüße, bis zum nächsten Mal!

        • Jennifer

          Hallo Konstantin,

          ich glaube eine Debatte gibt es meist nur im persönlichen Austausch – vom Bücher verschenken lasse ich inzwischen komplett die Finger, weil ich da auch nie positive Erfahrungen gemacht habe.

          „Das Patriarchat der Dinge“ will ich auch noch lesen, darum habe ich die Rezensionen dazu nur überflogen, um mich vorher nicht zu stark zu beeinflussen 😉 Aber gut zu wissen, dass das Buch inklusiver ist, dann bin ich darauf gespannt!

          Viele Grüße
          Jennifer

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