Rezension

[Rezension] Über Wahrnehmung und gefühlte Wahrheit: „Nichts, was uns passiert“ von Bettina Wilpert

Nichts, was uns passiert ist eines von fünf Büchern, die ich im Rahmen der Jury-Bewertung für den Bloggerpreis Das Debüt lese. Meine Gesamtbewertung und auch den Vergleich der Bücher veröffentliche ich ab dem 6. Januar.

TW: Vergewaltigung, Rape Culture, Victim blaming

Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert

Es ist Sommer in Leipzig und alle fiebern der WM entgegen. Nur Anna interessiert sich für Fußball gar nicht. Lieber trifft sie Freunde, die leider alle die Spiele schauen wollen. Als sie dabei Jonas kennenlernt, mag sie ihn gleichzeitig und auch wieder nicht. Immer weiter diskutieren die beiden, treffen sich, suchen die Nähe zu einander. Es soll nur ein One-Night-Stand sein, doch es bleibt keine einmalige Nacht. Nur eine Beziehung möchte keiner der beiden haben. Doch dann ist eines Abends zu viel Alkohol im Spiel.

Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Aussage steht gegen Aussage.

Klappentext Nichts, was uns passiert

Als Anna Anzeige erstattet, schlagen die Wogen hoch. Auf einmal glauben alle zu wissen, wie es gewesen ist. Ist sie eine Lügnerin? Kann man sich ihn als Vergewaltiger vorstellen? Schnell wählen Betroffene und Nicht-Betroffene, lose Bekannte und gänzlich Unbekannte ihre Seite und spannen ein Netz aus vielfältigen Wahrheiten.

Wahrnehmung und gefühlte Wahrheiten, Recht und Unrecht

Ob Sex einvernehmlich stattfand oder nicht, ist eine komplexe und zugleich simpel zu beantwortende Frage. Die Zustimmung zum Geschlechtsverkehr muss immer wieder neu erfolgen, in Schweden wurde jüngst sogar ein neues Gesetz veröffentlicht nach dem die Zustimmung vor jedem einzelnen Verkehr eingeholt werden muss. Hintergrund ist, dass Vergewaltigung entgegen der langläufigen Denkweise häufiger im Bekanntenkreis stattfindet als in einem dunklen Park. Es ist daher nicht unmöglich auch in einer festen Beziehung vergewaltigt zu werden. In Deutschland tun sich viele mit dieser neuen und eher dem Opfer denn dem Täter zugewandten Betrachtung noch sehr schwer, Gerichtsurteile und Freisprüche klingen mitunter sehr absurd und mit logischen Menschenverstand eigentlich nicht nachvollziehbar. (So ähnlich wie: War die Haustür nicht verschlossen, hätte die Ehefrau ja weglaufen können. Sie hat außerdem nicht laut genug geschrien, weil die Kinder bereits schliefen, daher ist von ihrem Einverständnis auszugehen.) Dennoch beschäftigt die Frage nach einvernehmlichem Geschlechtsverkehr zunehmend die deutsche Öffentlichkeit, seit #metoo bekommt die Debatte neuen Aufschwung, und nicht zuletzt mitunter auch die Justiz in Gestalt von Polizei, Staatsanwaltschaft und Richtern. Dass dabei auch viel an gesellschaftlicher Wertung mitverhandelt wird, davon legt Bettina Wilpert ein beeindruckendes Zeugnis ab. In verschiedenen Perspektiven schlüpft man in ihrem Roman in Betroffene und in Außenstehende, erhält persönliche Wertungen geschildert, die zugleich auch gesellschaftliche Stimmungen widerspiegeln. Die Frage, ob es sich um eine Vergewaltigung handelt, wird dabei immer auch von der Frage begleitet, ob nun die Lüge oder die Vergewaltigung moralisch verwerflicher ist. Nicht ausschließlich die Tat wird dabei in den Fokus gestellt und bewertet, sondern vielmehr die Glaubwürdigkeit von Tätern und Opfern verhandelt. Der Leser erhält durch die Schilderung der Geschehnisse aus verschiedenen Blickwinkeln einerseits jede Menge Informationen und glaubt sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Andererseits sind diese Informationsschnipsel keineswegs objektiv, sondern gefärbt durch ihre Sprecher. Verstärkt wird dies durch das Ich des Erzählers, dem gegenüber zwar alle ihre Sichtweise schildern, der zugleich jedoch als gesellschaftliches Korrektiv wirkt. Was ich mir im Stillen denke und was ich vor einem Fremden auszusprechen wage, kann nun einmal schlussendlich stark voneinander abweichen. So lautet die entscheidende Frage  für viele Figuren oftmals nicht, was in jener Nacht passierte, sondern was sie Jonas und Anna zutrauen und welche Schilderung sie für glaubwürdiger halten.

Wilperts Figuren sind dabei nicht plakativ, auch wenn ihre Rollen die klassischen Positionen der Debatte einnehmen. Anna, das Opfer der Tat, muss nicht sympathisch sein, um glaubwürdig zu bleiben. Jonas, der Täter, muss sich der Tat nicht in einer Weise bewusst sein, wie es vermeintlich zu erwarten wäre. Und dass Freunde und Bekannte aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte eher zur Unterstützung des Einen oder des Anderen tendieren, überrascht wenig. Die Argumentationsweisen, derer sich mitunter bedient wird, sind jedoch äußert diskussionsanregend. Dabei wirkt selbst Jonas Perspektive, sein Unbewusstsein über die Tat ebenso wie der Schock über die Bewertung durch Außenstehende und die anschließende Wut (auf Anna, aber auch auf die Situation) auf mich als Leserin glaubhaft und lässt damit erahnen, warum die Bewertung eines solches Falles im Nachhinein oftmals so schwierig ist. Besonders auffällig ist zudem, dass Anna als Opfer oftmals stärker im Fokus der Argumentation steht als Jonas, ihr Verhalten, ihr Äußeres ebenso wie ihre Äußerungen nehmen starken Einfluss auf die öffentliche Bewertung. So hinterlässt selbst die eigentlich recht simple Frage des die Anzeige aufnehmenden Polizisten, ob Anna häufig viel Alkohol trinkt und sich danach nicht mehr richtig an Geschehenes erinnert, und die dahinterschwingende Stigmatisierung einen faden Beigeschmack im Lesermund. Dass man den Schrecken, das Unverständnis über die Situation, sowohl aus Jonas‘ als auch aus Annas Perspektive nachvollziehen kann und beide Perspektiven einen ähnlich großen Raum eingeräumt bekommen, macht eine der großen Stärken des Romans aus und beschert dem Leser viele nachdenkliche Stunden.  Die Einschätzungen durch Freunde, Bekannte, aber auch durch Unbekannte runden zudem das facettenreiche Bewertungsbild ab. Der geschilderte Fall ist beispielhaft und lässt den Leser emotional in alle Perspektiven eintauchen. Dennoch bleibt der Tonfall nüchtern und gibt über den Ich-Erzähler die Handlung zeitlich verzögert und mit einer gewissen emotionalen Distanz wider, die das Lesen erleichtert. So ist der Roman eher ein Buch über Wahrnehmungen als über Wahrheit. Und die Lektüre auch deshalb so schwierig, weil es die eine eindeutige und belegbare Wahrheit eben manchmal nicht gibt.

Ich habe das Buch bereits im Juli mit einer Freundin im Tandem gelesen und die gemeinsame Lektüre hat mir sehr viel Input beschert. Obgleich wir uns bestimmt bis zu zwei Stunden Sprachnachrichten hin und her sandten, obwohl wir die Erzählperspektive und die Figuren, ihre Argumentationen, diskutierten, ließ mich der Roman zunächst lange sprachlos zurück. Zwar habe ich mich mit dem Thema bereits vorher beschäftigt, kannte beispielsweise die aktuelle Rechtsprechung und war daher weniger als meine Freundin von dem staatsanwaltlichen Vorgehen und der abschließenden rechtlichen Urteilsbegründung schockiert. Dennoch ist es vor allem das gesellschaftliche Urteil, dass im Buch getroffen wird, welches mir sämtliche Worte raubte. Nicht umsonst würde ich das Buch als eines meiner Jahres-Highlights 2018 beschreiben. Die (reale) gesellschaftliche Debatte um Rape Culture und Victim Blaming ist noch lange nicht beendet und ich hoffe, dass noch viele weitere literarische Stimmen zu diesem Thema folgen werden!

Fazit: Über gesellschaftliche Wertung und den schmalen Grad zwischen Wahrheit und Wahrnehmung. Feinfühlig, bewegend und emotional! Unbedingt lesen!


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Nichts, was uns passiert von Bettina Wilpert
168 Seiten, 19 Euro
Verbrecherverlag

Dieses Buch wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt!

4 Kommentare

    • Jennifer

      Liebe Eva,
      ich weiß nicht, ob die Frage, ob man betrunken überhaupt Sex haben sollte, nicht ein wenig zu kurz greift. Anna ist sich der Situation quasi gar nicht bewusst, das geht meiner Meinung nach über Betrunken schon hinaus.
      Aber es braucht in der Tat ein wenig Sensibilisierung vorab, damit man in diesem Buch alle Facetten überhaupt begreifen kann. Wahnsinn, dass ein Buch mit so viel Inhalt so schmal geraten ist! Ich habe mich mir der Rezension auch lange schwer getan, eben weil das Buch mich so sprachlos zurückgelassen hat!
      Liebe Grüße aus Leipzig nach Wien 🙂
      Jennifer

  • Janna | KeJas-BlogBuch

    Wenn ich Rezensionen zu dem Buch lese, lässt sich immer erst die Sprachlosigkeit herauslesen – je nachdem wie stark der oder die betroffenen Leser*innen selbst mit solchen oder ähnlichen Erlebnisse konfrontiert wurde.

    Ein Buch das wohl stark einnimmt und auch im Nachklang sehr intensiv ist – ich weiß gar nicht wie ich umschreiben soll, das mich das lesen sehr reizt, ohne das die Formulierung unschön klingt. Ich bin auf jeden Fall durch deine und Mareikes Besprechung extrem neugierig auf die Umsetzung und habe das Buch bereits auf meiner Wunschliste.

    Deiner Rezension ist nicht hinzuzufügen, außer das ich das Buch – wenn ich es irgendwann besitze – auch gerne mit einer anderen Person lesen möchte, ich denke es entsteht viel Redebedarf.

    • Jennifer

      Liebe Janna,
      ich weiß nicht, ob man selbst mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert worden sein muss, damit man die literarische Auseinandersetzung damit nachempfinden kann. Auf mich selbst trifft eine solch persönliche Betroffenheit nicht zu, falls du dies meintest. Aber ich habe mich aus feministischer Perspektive schon häufiger mit gesellschaftlichen Wert von Frauen auseinander gesetzt und insofern sind mir Debatten und Argumente nicht neu gewesen.
      Gerne kann ich dir das Buch leihen, falls du möchtest. Ich hatte es selbst oft verliehen und habe es gerade wieder zurückbekommen. Und falls du es irgendwann liest und Redebedarf hast, stehe ich gerne mit jeder Menge Hintergrundwissen zur Verfügung 🙂 Das Buch beruht übrigens auf einem wahren Fall (allerdings aus Amerika, wo ja manche Debatten noch einmal ganz anders geführt werden), vielleicht kommt dazu demnächst auch noch ein kleiner „Hintergrund“ zum Buch.
      Liebe Grüße aus Leipzig
      Jennifer

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