Rezension

[Rezension] Furioses Verwirrspiel: „Der letzte Huelsenbeck“ von Christian Y. Schmidt

Der letzte Huelsenbeck ist eines von fünf Büchern (lustigerweise das letzte), die ich im Rahmen der Jury-Bewertung für den Bloggerpreis Das Debüt gelesen habe. Meine Gesamtbewertung und auch den Vergleich der Bücher veröffentliche ich in einem seperaten Beitrag.

Der letzte Huelsenbeck

Eigentlich will der gealterte Daniel zurückgekehrt nach Berlin nur seine Ruhe, nach jahrelanger Abwesenheit in Ostasien hat er eigentlich auch kaum noch Bezugspunkte in Deutschland. Doch die Beerdigung eines Jugendfreundes setzt merkwürdige Begebenheiten in Gang. Daniel sucht seine ehemaligen Freunde und Mitglieder der Huelsenbecks (eine Gruppe junger Männer, die sich in Anlehnung an einen der Gründer des Dadaismus nach ihm benannten), die sich ganz dem Dadaismus verschrieben hatten, und will seine Erinnerungen an die 70er Jahre auffrischen. Mit zunehmend mysteriösen bis übernatürlich scheinenden Zusammenhängen bekommt seine Suche eine brisante Eile: Was geschah während ihrer gemeinsamen 6-wöchigen Amerika-Reise? Und wie soll er das nach all der Zeit überhaupt herausfinden? Psychatrische Sitzungen, Drogen, Google-Recherchen und die Konstruktion von unmöglichen Zusammenhängen führen ihn immer tiefer in ein Netz aus Merkwürdigkeiten.

Furioses Verwirrspiel

Noch nie ist es mir so schwer gefallen eine knappe Zusammenfassung zu einem Buch zu schreiben. Das zeigt bereits, wie viel Inhalt sich da auf diesen 400 Seiten ballte. Da raucht einem schon einmal der Kopf vor lauter (mentalen) Drehungen, um Daniel auf seiner Suche folgen zu können. Sprachlich unglaublich dicht an Handlung erzählt Schmidt hier und verpackt damit eigentlich eher einen krimiähnlichen Stoff. Dennoch fand ich die Drehungen und Wendungen fast ein wenig zu viel. Zwar überraschte das Ende denn auch mich, auch wenn ich Teile der zunächst von Daniel vermuteten Lösung lange vorausgeahnt hatte. In der Masse war die Erzählung jedoch fast schon zu dicht, zu ausufernd und gedrängt. Man gerät zwar unwillkürlich in den Sog der zeitlich gedrängten Schilderung, allzu oft wünschte ich mir jedoch wahlweise weniger Seiten (und damit ein, zwei Erzählwendungen weniger) oder mehr Seiten bei gleicher Erzählhandlung. Schlussendlich muss ich jedoch eingestehen, dass auch ich in den Sog der Erwählung geriet und das Ende mich noch einmal grundlegend überraschte. Dennoch hat der Roman mich zwar in sein atemberaubtendes Tempo gezwungen, atemlos vor Spannung, gar emotional berührt, ließ es mich jedoch leider nicht zurück. Und so überlege ich lange, wem ich dieses Buch empfehlen würde. Liebhabern der 70er Jahre, der Kunstszene und abgedrehter Erzählsprünge auf alle Fälle! Doch für diese 400 Seiten muss man schon ein gewisses Maß an Ausdauer und Neugier auf das Finale mitbringen, sonst droht die Gefahr, dass man inhaltlich früh aussteigt oder die Mitte überspringt und sich direkt der Auflösung zuwendet (und sich damit zugegebenermaßen den Spaß verderben würde). Die schlussendliche Wendung kam überraschend, das Ende hätte jedoch an jedweger beliebigen Stelle des Romans kommen können, so verstrickt waren die immer wieder durchscheinenden Auflösungen von Daniels Suche – genauso gut hätte sich die Handlung noch weitere 400 Seiten drehen können. So lässt der Roman mich irgendwie verwirrt und trotz seiner erzählerischen Leistung unbefriedigt zurück.

Fazit: Dicht gedrängte Handlung und viele Verwirrungen für Daniel, aber auch den Leser. Für Fans von Psychosen und Wahrnehmungen, von Drogen-Exzessen geprägten Ermittlungstechniken und Dadaismus! Ein bisschen Durchhaltevermögen sollte man jedoch aufbringen…


[Werbung]

Der letzte Huelsenbeck von Christian Y. Schmidt
400 Seiten, 22 Euro
Rowohlt

Dieses Buch wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt!

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.