Rezension

[Rezension] Das Scheitern als Lebensform: „So oder so ist das Leben“ von Benedikt Feiten

Manche scheitern an kleinen Aufgaben, manche am gesamten Leben. Benedikt Feitens Figur des Anton Lobmeiers gehört zu letzterer Gruppe. Den Roman kann man jedoch nicht als gescheitertes Werk bezeichnen.

So oder so ist das Leben

Anton Lobmeier hat es nicht leicht: Was er auch anpackt geht schief. Als seine Beziehung zerbricht, seine beste Freundin von einem Tag auf dem anderen von der Bildfläche verschwindet und seine Mutter unerwartet verstirbt, beschließt er von nun an aus dem Scheitern eine Kunst zu machen. Er kündigt seinen Arbeitsplatz und fährt von nun an Pizzen aus. Und entdeckt, dass es im Leben um mehr geht als den schönen Schein. Denn im Scheitern liegt eine ganz eigene Freiheit!

Das Scheitern als Lebensform

Es ist gar nicht so einfach aus dem Hamsterrad des Immer-Mehr und Immer-Besser auszusteigen. Anton Lobmeier gelingt dies jedoch auf eine anrührende Weise. Irgendwo zwischen liebenswert und liebensbedürftig krebst er sich durchs eigene Leben. Selbst der Vater – Vorbild des Beinahe-Scheiterns – kann ihm in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen. Abwechselnd in Rückblicken und im Jetzt begleiten wir Anton mit seinen inneren Gedanken und Zweifeln.

„Im Büro fragte niemand nach, wie es mir ging. Natürlich wussten sie alle, was passiert war. Doch was würde nun folgen, ein neuer Start des demütigen Anton Lobmeiers? Ja, so hätten sie es sich gedacht. Ich hätte mich so gekleidet, wie ich dachte, dass es gewünscht gewesen wäre. Ein kräftiger Händedruck. Freundliches Auftragen. Sicher, aber bestimmt. Jahahaha, Herr Lobmeier. Ich hätte nach Entwicklungsmöglichkeiten fragen können. Das mochte sie, ich hätte mich eingebracht. Ich hätte den Senior Key-Account-Manager bekommen, nicht zu den Konditionen, die ich mir vorgestellt hätte, aber es hätte mir ein gutes Gefühl gegeben.“

So oder so ist das Leben, Seite 166

Anton ist dabei sehr liebenswert, auch wenn mich der Humor im Buch nicht immer abholen konnte. Gemütliche und dennoch nachdenkliche Stunden bescherte mir der Roman dennoch. Die oft selbst gehörten und doch platten Lebensweisheiten, die Anton allüberall zu hören bekommen, amüsieren ebenso wie seine inneren Gedanken zum Stellenwert von Arbeit in unserer Gesellschaft. Schlussendlich konnte mich die innere Selbstsuche von Anton und die folgende Suche nach seiner besten Freundin aber nicht gänzlich fesseln. Möglicherweise hätten dem Buch einige Kapitel weniger gut getan. Andererseits wiederum passt diese unbefriedigende ewige Selbstsuche perfekt zur Stimmung des Romans und vielleicht war das alles auch genau so gewollt.

„Aber der Job in der Agentur…“, wendet er ein.
„Der Job in der Agentur war dümmer als Pizzafahren“, unterbreche ich ihn, „dümmer als Schneeschippen, dümmer als den Hof fegen. Vielleicht muss man erst mal unten aufschlagen, um das so klar sehen zu können. Weil man da eben nicht an etwas andere denken kann, weil das verhindert wird, mit Tausenden kleinen Aufgaben, die über den Tag verteilt hineinprasseln, per Mail, per Kalendererinnerung, und du wirst nie wirklich fertig, und viele verwechseln den Stress auch noch mit Anspruch, aber Stress kann man immer machen, könnte man sogar beim Schneeschippen, mit Deadlines und Ablenkungen und Meetings, in denen man darüber diskutiert, wie man Dinger besser priorisieren kann, die sowieso viel zu viele sind. Deshalb ist das noch viel, viel dümmer, weil es dich zwingt, mit dem Kopf dabei zu sein.“

So oder so ist das Leben, Seite 172

Fazit: Scheitern als oberstes Lebensziel: Zugleich humorig und dennoch mit erstem Unterton erzählt Feiten von gesellschaftlichen Zwängen und dem Druck nach absoluter Selbsterfüllung. Ein Buch für ruhige und nachdenkliche Abendstunden


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So oder so ist das Leben von Benedikt Feiten
288 Seiten
Voland & Quist

Dieses Buch habe ich kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen

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