Die Macht der Geographie von Tim Marshall
Rezension

Tim Marshall analysiert „Die Macht der Geographie“ auf die Weltpolitik | Sachbuch

Ich weiß gar nicht mehr genau, wo ich auf das Buch Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt von Tim Marshall aufmerksam wurde. Der Titel hat mich auf jeden Fall neugierig gemacht, auch wenn ich mich alleine nicht an ein Sachbuch über die Macht von Geographie und ihren Einfluss auf die Politik getraut hätte. Mit meinem Lesetandem habe ich das Buch aber vor einiger Zeit gelesen und wir haben den Inhalt heiß diskutiert! Ein Buch voller Fakten und Erkenntnisse über Politik, Geografie, Geschichte und jeder Menge unerwarteter Zusammenhänge…

Einmal rund um den Globus

Tim Marshall ist Sky News- und BBC-Journalist und langjähriger Experte für Außenpolitik. In Die Macht der Geografie analysiert er geographische Lagen verschiedener Länder und zeigt auf, wie diese Einfluss auf Gesellschaft und Politik nehmen. In ausführlichen Kapiteln geht es um Russland, China, die USA, Westeuropa (ja, zusammengefasst), Afrika, den nahen Osten, Indien und Pakistan, Korea und Japan, Lateinamerika und zum Abschluss die Arktis. Damit betrachtet er nicht nur eine große Bandbreite ganz unterschiedlicher Länder, sondern auch viele verschiedene Vegetationszonen und Kulturkreise. Leider kann man den stark europäischen Blickwinkel, mit dem er analysiert, mitunter schwer übersehen. Dennoch liefert das Buch viel Wissen und eine neue Sensibilität beim Blick auf andere Länder, weshalb es alleine deshalb schon ein Gewinn für mich war.

Was ist eigentlich Geopolitik?

Auch wenn ich mich für Politik und (nicht ganz so stark) für Geographie interessiere, war mir der Begriff Geopolitik neu. Ebenso die (eigentlich recht simple) Erkenntnis, dass die länderspezifische Geographie einen starken Einfluss auf Politik und gesellschaftliche Entwicklungen hat. Global betrachtet bestehen natürlich starke Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern & Gesellschaften. Dass diese Unterschiede sehr durch die jeweiligen vorliegenden geographischen Unterschiede der Regionen geprägt werden, war jedoch neu für mich, auch wenn es bei genauerer Betrachtung nur logisch erscheint.

Westeuropa und die Welt

Vielleicht zeigt sich hier mein eigener europäischer Hintergrund, aber ich war zu Anfang sehr irritiert, dass die europäischen Länder im gemeinsamen Kapitel Westeuropa behandelt wurden. Da ich viel über europäische Politik lese, habe ich für den gesamten europäischen Raum große Unterschiede erwartet. Umso erstaunter war ich, dass die europäischen Länder so stark zusammengefasst wurden (ich spreche nicht nur von Deutschland, welches gemeinsam mit Frankreich noch am ausführlichsten betrachtet wurde).

Dass die Unterschiede zwischen den einzelnen europäischen Ländern gar so groß nicht sind, wurde besonders beim Blick auf die anderen Länder und Regionen deutlich. Hier fand ich es spannend, wie Marshall Geographie und geschichtliche Entwicklung eines Landes oder einer Region zunächst vorgestellt hat, um anschließend auf die gesellschaftlichen und die politischen Entwicklungen einzugehen. Er hat mich dabei viel neues gelehrt, besonders was die Erfassung von größeren Zusammenhängen angeht. Immer wieder habe ich gemerkt, wie gering mein eigenes Wissen über die Welt(politik) ist, auch wenn ich mich eigentlich als ziemlich nachrichtensüchtig bezeichnen würde. Leider kann ich Marshalls Analyse deshalb nur schwer nachprüfen und musste viele seiner Standpunkte übernehmen. Dass dies durchaus problematisch sein kann, zeigt sich besonders wenn er über Europa und auch über Großbritannien spricht, denn natürlich hat auch Marshall einen sehr eurozentristischen Hintergrund. Dennoch wirkten seine Analysen auf mich sehr sachlich und vor allem differenziert. So habe ich nicht nur jede Menge Wissen, sondern auch ein größeres Verständnis für die Welt mitgenommen.

Jede Menge Hintergrundwissen und eine größere Sensibilität für die Unterschiede

Hier liegt – neben der Faktentiefe – meiner Meinung nach der eigentliche Mehrwert für das Sachbuch: Ausgestattet mit Hintergrundwissen zu Geschichte und Geographie eines Landes entwickelt sich eine größere Sensibilität für die (kulturellen) Unterschiede von verschiedenen Regionen. Ein paar ganz einfache Beispiele gefällig? Flüsse und Gebirge trennen Regionen räumlich und erschweren Handel aber auch wohnliche Ausbreitung. Gebirge und Wälder verändern Wind und Wetter, da Luftströme unterbrochen oder umgeleitet werden. Zugang zu Flüssen oder dem offenen Meer stellen ebenfalls einen Handels-Vorteil dar, schaffen aber auch Angriffspunkte. Ertragreiches Land (im Sinne der Landwirtschaft) sorgt für mehr Sesshaftigkeit im Vergleich zu kargen oder unwirtlichen Gegenden, die dafür neben Gebirgen einen natürlichen Schutzwall gegen militärische Bewegungen von Feinden darstellen. Dies alles sind sehr simple Tatsachen, die aber zusammen mit dem historischen Kontext viel über Gesellschaft und Mentalität ihrer Bewohner:innen lehren können. Am Ende des Buches bin ich im wahrsten Sinne des Wortes einmal um die Welt gereist und habe Wissen über jede Vegetationszone erworben, sodass ich in Zukunft vielleicht ein bisschen besser abschätzen kann, welche geographischen und historischen Einflüsse Länder durchlebt haben können.

Fazit: Ein Sachbuch voller Wissen über Geographie, Vegetation, Geschichte und Politik, das mit Hintergründen für kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede sensibilisiert. Ein lehrreicher Gesamtüberblick über die Weltpolitik!


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Die Macht der Geographie. Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt von Tim Marshall
aus dem Englischen von Birgit Brandau
322 Seiten; Taschenbuch
erschienen 2015 als Prisoners of Geography, deutsch 2017
dtv

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