Rezension

Soll das Feminismus sein? | „Das weibliche Prinzip“ von Meg Wolitzer

Obwohl es mich inhaltlich sehr interessierte, konnte ich mit Das weibliche Prinzip von Meg Wolitzer lange nichts anfangen. Auch heute noch frage ich mich: Was genau hat die Autorin mit dem Buch bezweckt? Und ist das wirklich Feminismus, was hier thematisiert wird? Glücklicherweise habe ich das Buch gemeinsam mit einer Freundin gelesen, denn es gab wirklich viel Aufregungs- und Diskussionspotential!

Alte und junge Feministinnen in Das weibliche Prinzip

Die Geschichte ist komplex, der Umfang des Romans mit fast 500 Seiten auch nicht zu knapp. Im Mittelpunkt steht die junge Greer Kadetsky, die bereits im College mit dem Thema Feminismus in Kontakt kommt. Ihre beste Freundin Zee nimmt sie mit zu einem Vortrag der bekannten und beachteten Feministin Faith Frank. Obwohl Zee die weitaus aktivistischere der beiden Freundinnen ist, ist es ausgerechnet Greer, die die Aufmerksamkeit Faiths auf sich zieht. Obwohl die Begegnung kurz bleibt, startet sie einen inneren Wandel in Greer: Die intelligente und talentierte Schreiberin lässt das Thema Feminismus nicht mehr los. Nach ihrem Abschluss erkämpft sie sich eine Stelle in Faiths feministischer Organisation und schreibt fortan Kolumnen und Reden. Doch je näher sie und Faith sich kommen, desto kritischer sieht Greer ihr ehemaliges Vorbild ohne sich ganz von ihrer Abhängigkeit lösen zu können. Dieses Aufeinandertreffen von jungen und alten Feministinnen, der Generationenkonflikt, wenn man diesen Begriff an dieser Stelle verwenden möchte, bildet das Kernstück des Romans.

Was für ein Feminismus wird hier geschildert?

Der Roman ist umfangreich, persönliche Tragödien und alltägliche Schilderungen ohne nennenswerte Entwicklung verlängern die Handlung unnötig. Dennoch sorgte ein anderer Punkt für heiße Diskussionen: Was ist das nur für ein Feminismus, der hier dargestellt wird? Faith Frank als früher bedeutsame nun bedeutungslos gewordene Feministin ist polarisierend angelegt und weckte immer wieder Assoziationen zu Alice Schwarzer (ohne dass diese tatsächlich ein Role Model für die Figur darstellt). Sie ist über die Jahre pragmatisch geworden und trifft mitunter Entscheidungen, die sie als mehr als kritikwürdig dastehen lassen. Im Gegenzug dazu ist die junge Greer als unbeschriebenes Blatt konzipiert, die auf den ersten Blick frischen Wind in den Feminismus bringen kann. Gleichzeitig ist der Feminismus Greers ein sehr ambivalenter: Einerseits analysiert sie gesellschaftliche Missstände, andererseits zerbricht ihre Beziehung an ihrem persönlichen Erfolg und dem persönlichen wie beruflichen Misserfolg ihres Partners. Greer selbst kann sich nicht aus Geschlechterrollen befreien, sie scheint diese nicht einmal kritisch zu reflektieren. Ihr starkes Bedürfnis, ihrem Freund ein Heim zu schaffen (bis hin zum kuschligen Sofa mit dekorativen Kissen) wird zwar geschildert, aber nicht weiter thematisiert, um ein einziges Beispiel zu nennen. So bleibt der Feminismus Greers sehr oberflächlich und bemüht sich eher um die Veränderung anderer Frauen als um eine eigene Reflexion. Soll die These des Romans dementsprechend lauten, dass junge Feministinnen die älteren Generationen nicht ablösen können?


Als Anmerkung zu dieser Rezension kam von meiner Lesepartnerin noch der Hinweis, dass beide Hauptfiguren uns während des Lesens unsympathisch waren. Beide verfügen über hohe Ideale, die sie zugunsten von Macht und Öffentlichkeit verraten, während die Figur der Zee, die man als „wahre“ Feministin lesen könnte, zwar ihren Idealen treu bleibt, aber keinerlei Erfolg erfährt und somit zur unbedeutenden Nebenfigur wird. So kann man den Roman auch als „Spiegel jener käuflichen Scheinfeministinnen“ sehen, die „im ursprünglich feministisch begonnenen Kampf um Gehör und Macht auf dem Weg ihre Werte verlieren“ (Zitate: Laura).

Außerdem beschwerte sie sich über die an vielen Stellen misslungene Übersetzung, aber vielleicht kann ich sie dazu überreden, euch davon einmal selbst zu erzählen, denn damit kennt sie sich besser aus als ich und hat sicherlich viel Material mit Beispielen zur Hand 😉


Meg Wolitzer und das weibliche Schreiben

Nun muss man als Hintergrund wissen, dass Meg Wolitzer 2012 einen Essay in der Sunday Book Review der New York Times veröffentlicht hatte, in dem sie die Mechanismen des Literaturbetriebs kritisiert. Autorinnen, so Wolitzer, würden im Literaturmarkt nicht ernst genommen, ihre Bücher landeten häufig auf dem zweiten Regal (second shelf) für die nicht so wichtigen Neuerscheinungen. Dies betrifft sowohl den reinen Verkauf von Büchern wie auch die optische Gestaltung von Covern oder die Frage, welcher Verlag Literatur von Frauen veröffentlicht und welche Gewichtung diese in der Literaturkritik hat. Von der Hand zu weisen sind Wolitzers Überlegungen nicht, daran anknüpfende Diskussionen ziehen immer wieder durch verschiedene Teile der Literaturbranche und Wolitzer war auch beileibe nicht die Erste, die sich dem Thema widmete. Fun Fact: Nach der Veröffentlichung ihres Essays wandte sich Wolitzer im Übrigen dem Schreiben großer gesellschaftskritischer Romane zu, wie sie sonst eher von Männern verfasst werden, und erlangte damit große Popularität.

Und nun?

Würde ich das Buch empfehlen? Noch immer bin ich in dieser Frage sehr unschlüssig. Einerseits bietet der Roman wirklich viel Diskussionspotential, besonders, wenn man etwas themenfest ist. Andererseits haben unnötige Streckungen (wie beispielsweise die Lebensgeschichten von Nebenfiguren) die Geschichte unnötig aufgebläht. Schlussendlich muss ich leider sagen, dass man die Lesezeit besser investieren kann, dennoch ist das Buch ein interessanter Mix aus Gesellschafts- und Feminismuskritik.

Fazit: Das weibliche Prinzip möchte ein großer Roman über Feminismus und Gesellschaft sein, verstrickt sich aber leider in persönlichen Tragödien und Vorhersehbarkeiten. Ein Buch mit Diskussionspotential, aber keine unbedingte Leseempfehlung. 

Wer sich für das Thema weibliches Schreiben interessiert, dem sei ganz stark A Room of One’s Own (dt. Ein eigenes Zimmer) von Virginia Woolf ans Herz gelegt!


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Das weibliche Prinzip von Meg Wolitzer
übersetzt von Henning Ahrens
496 Seiten, Hardcover (bereits im Taschenbuch erschienen)
Dumont Buchverlag

Dieses Buch war ein kostenfreies Leseexemplar!
Herzlichen Dank an den Verlag

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