Rezension

[Rezension] Was soll man davon halten? „The Future is Female!“ von Scarlett Curtis (Hrsg)

Feministische Bücher sind meistens richtig gut oder richtig schlecht, aber selten irgendwas dazwischen. Aufgrund vieler begeisterter Rezensionen wollte ich unbedingt ebenfalls einen Blick in The Future is Female! werfen. Nach einem kurzen Schreckmoment habe ich das Buch dann aber schnell wieder beiseite gelegt und danach lange gemieden. Über Ostern habe ich es dann doch gelesen und seitdem überlege ich, ob ich das Buch denn nun gelungen oder furchtbar finden soll.

The Future is Female. Was Frauen über Feminismus denken

Heute gibt’s statt eigener Zusammenfassung ausnahmsweise mal den Klappentext, meine Meinung und Erläuterung dann wie gewohnt unten und dabei werde ich auch auf den Inhalt eingehen!

„Die Welt, in der Frauen heute leben, ist trotz #MeToound immer größer werdenden öffentlichen Protesten gegen die Geschlechterungleichheit noch immer massiv vom Gender Pay Gap, der Sehnsucht nach dem perfekten Bikinibody und Mansplaining definiert. »The future is female! Was Frauen über Feminismus denken« ist das Buch für Mädchen und Frauen, die sich mit diesem ungenießbaren Cocktail nicht länger zufriedengeben wollen, eine einzigartige und vielstimmige Textsammlung. Frauen von der Hollywood-Ikone bis zur Teenie-Aktivistin erzählen darin ihre ganz persönliche Geschichte; alle Geschichten zusammengenommen entwickeln eine Kraft, die die alte Welt aus den Angeln heben kann und dem F-Wort einen ganz neuen Glanz verleiht. Der Feminismus von heute definiert sich über das Dafür und Miteinander und nicht ewig gestrig über das Dagegen, er ist eine unwiderstehliche Notwendigkeit – und jede Einzelne von uns gehört dazu!“

Quelle: Klappentext by Goldmann

Feminismus, wild gemischt?

Zuerst muss man einmal sagen, dass sich Scarlett Curtis (die Herausgeberin) mit ihrem Band ein sehr interessantes Projekt vorgenommen hat. Ich finde es wahnsinnig spannend, die verschiedenen Ansichten und – vielleicht ist Ausprägungen nicht das richtige Wort, aber mir fällt zurzeit kein besseres ein – Ausprägungen von Feminismus darzustellen. Dabei sind viele verschiedene interessante Frauen, die darlegen, woher ihr Feminismus herrührt, worüber sie wütend sind oder was sie inspiriert. Das ist erst einmal eine spannende Idee und auch sehr lehrreich. Tatsächlich war dies zu Anfang die erste Schwierigkeit für mich, mich auf die Schilderungen von so vielen unterschiedlichen Frauen überhaupt erst einmal einzulassen! Doch so toll das Projekt in der Theorie klingt, beim Lesen stellten sich mir zwei große Fragen, die mich immer wieder aus dem Lesefluss rissen:

Wer schreibt mir da?

Natürlich ist das Buch zuerst auf englisch erschienen, Frau Curtis ist Britin, aber ich vermute, dass ein großer Teil der Beitragenden aus Amerika ist. Nachprüfen kann ich das nicht (ok, ich könnte, wenn ich mir die Mühe machen wollte, alle Namen zu googeln), denn neben den Namen findet sich immer nur eine kurze Vorstellung, die manchmal irgendwelche feministischen Projekte beinhaltet, unter denen ich mir zumindest etwas vorstellen kann, manchmal aber auch einfach aus dem Wort „Schauspielerin“ besteht. Nichts gegen den Berufsstand, aber was sagt mir das über die Person, die mir da ihren Feminismus näher bringen möchte? Auf dem Umschlag wird natürlich werbewirksam mit Emma Watson und Keira Knightley geworben, das waren dann aber auch schon alle wirklich bekannten Namen. Am vertrautesten waren mir noch Katrin Bauerfeind, Milena Glimbovski und Karla Paul, die alle Teil der erweiterten deutschen Ausgabe waren. Nun gehe ich stark davon aus, dass einige der Beitragenden in England und den USA breiter bekannt sind, dennoch finde ich es schade, dass ich so wenige Informationen zu den Frauen erhalten habe. Das machte es nämlich auch mitunter schwierig, ihre Texte einzuordnen. Apropos Texte, wie könnte man die in einem solch bunt durchmischten Sammelband denn am besten sortieren?

Erleuchtung, Zorn, Freude, Poesie, Aktion und Bildung?

So heißen die Kategorien unter denen die Texte einsortiert waren. Besonders die Erleuchtung, die irgendwie suggeriert es gäbe einen zentralen Moment in dem man sich auf einmal dem Feminismus zuordnet, hat mir anfangs Kopfschmerzen bereitet, sodass ich zwischendrin sogar mit Abbruch-Gedanken zu kämpfen hatte. Zorn zumindest ist eine Emotion, die ich nachvollziehen konnte und Freude ebenfalls. Mit der vorgestellten Poesie wurde ich danach wiederum leider nicht warm, aber insbesondere Aktion und Bildung fand ich dann die stärksten Teile des Sammelbandes. Insgesamt stehen die einzelnen Texte für sich, was natürlich einerseits positiv ist, weil die Frauen offenbar alle Freiheit hatten zu schreiben worüber sie möchten. Andererseits gibt es dadurch viele thematische Dopplungen und mitunter wirkte es auch nicht so als wären die Texte gezielt gesetzt worden, sondern als hätte es zu Beginn eine durchnummerierte Reihenfolge gegeben, unabhängig davon, was für ein Text denn am Ende geschrieben wurde. Dadurch wirken die Texte mitunter beliebig aneinandergereiht, es gibt beim Lesen eigentlich keine Entwicklung, was nachvollziehbar, aber dennoch schade ist (und was man vielleicht durch eine andere Reihenfolge hätte stärker fokussieren können).

Besonders die Abschnitte Aktion und Bildung fand ich inhaltlich interessant und die Texte auch um einiges stärker als die Schilderungen von persönlicher Erleuchtung. Hier wurden Themen verhandelt, die mich interessierten und es waren noch einige neue Ideen oder Gedanken für mich dabei, genau was ich mir von einem solchen Buch erhoffte.

Was nehme ich für mich positives mit?

Damit dieser Text nicht zu negativ wird, möchte ich euch kurz noch mitteilen, was ich mir positives aus dieser Lektüre mitnehme:

  • Die Erinnerung, dass Feminismus und Weiblichkeit viele verschiedene Facetten haben und es nicht an mir ist, über anderer Menschen Vorstellungen zu urteilen
  • Dass noch viel Ungerechtigkeit auf der gesamten Welt herrscht und man auch im Kleinen Veränderungen bewirken kann
  • Dass es an uns liegt, etwas an den Verhältnissen zu ändern und neuen Generationen mehr Bewusstsein für Geschlechterungerechtigkeiten mitzugeben!
  • Und die interessante Lektüreliste, die Emma Watson am Ende vorstellt, mit einigen Buchtiteln, auf die ich neugierig geworden bin. Emma Watson verweist ebenso auf ihr Projekt Our Shared Shelf, das ich sowieso bewundernswert finde

Wem kann ich The Future is Female! empfehlen?

Diese Frage lässt sich dieses Mal gar nicht so einfach beantworten. Feminismus ist wichtig und daher empfehle ich eigentlich grundsätzlich sich mit dem Thema vertraut zu machen. Ob dieser Sammelband allerdings tatsächlich repräsentativ für Frauen insgesamt sein kann, wage ich zu bezweifeln. Dennoch stecken gerade in der zweiten Hälfte einige schöne Texte. Wer also Facetten von Feminismus kennen lernen möchte und an anderen Menschen interessiert ist, für den könnte dieser Band interessant sein. Wer dagegen hofft, den Feminismus insgesamt besser zu verstehen oder die wirklich problematischen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten präsentiert zu bekommen, der sollte sich vielleicht doch lieber Untenrum frei von Margarete Stokowski oder Wenn Männer mir die Welt erklären von Rebecca Solnit anschauen oder als Grundlage für die feministische (theoretische) Entwicklung Queer – Eine illustrierte Geschichte von Meg-John Barker und Julia Scheele.

Fazit: Ein bunt gemixter Haufen Essays von verschiedenen Frauen und ihrem Blick auf Geschlechterunterschiede. Keine repräsentative Übersicht, aber verschiedene Einblicke in vielfältigen Alltag mit Feminismus. Zeigt in diversen Facetten, warum Feminismus leider immer noch nötig ist, vermittelt aber eher Nachdenklichkeit als Inspiration fürs eigene Leben.


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The Future is Female!  Was Frauen über Feminismus denken von Scarlett Curtis (Hrsg.)
416 Seiten
Taschenbuch
Goldmann

Dieses Exemplar wurde mir vom Bloggerportal und Goldmann zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

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