Rezension

[Rezension] „Niemand verschwindet einfach so“ von Catherine Lacey

Dieses Buch habe ich in einer Leserunde bei LovelyBooks gelesen. Das Buch wurde als eindrucksvolles Debüt der Autorin beworben. Dennoch lässt es mich nur halb zufrieden zurück. Ich habe es während meines Marseille-Urlaubs gelesen, kam dann aber nicht recht mit der Rezension voran, weshalb diese nun erst erscheint.


Das Verschwinden

Niemand verschwindet einfach so - Catherine Lacey
Niemand verschwindet einfach so – Catherine Lacey

Auf den ersten Blick grundlos verlässt Elyria ihren Ehemann. Ihre Gedanken bezeugen ihre wirren Zustand, während sie sich auf eine Reise nach Neuseeland begibt. Doch die eigentliche Reise führt sie in ihr Inneres. Und nach und nach enthüllen sich ihre schrecklichen Geheimnisse: Die Vernachlässigungen als Kind, die zerrütteten Familienbande, der plötzliche Tod der Adoptiv-Schwester. Und die beginnende Abhängigkeit zu ihrem späteren Ehemann, der als letzter Kontakt der Adoptiv-Schwester die Erinnerung für Elyria erhalten muss. Elyria versucht ihrer Vergangenheit, aber auch sich selbst zu entkommen. Und stellt fest: Niemand verschwindet einfach so.

Ich legte mich ins Bett, obwohl es kaum acht Uhr war, und mein Mann saß am Bettrand, als wäre er gesund und ich krank, und so begann ich mich auch zu fühlen – meine Krankheit wurde wahrer und wahrer, sie wuchs und wuchs, sie füllte das ganze Zimmer, füllte meinen Körper, füllte meine nähere und fernere Vergangenheit. Wann war ich so krank geworden? War ich es schon immer gewesen?

Niemand verschwindet einfach so, Seite 47


Wer verschwindet da eigentlich?

Sprachlich zog mich der Roman sofort in den Bann, wenn ich auch jedesmal niedergeschlagener durch das Lesen wurde. Glücklicherweise waren die Kapitel recht kurz, sodass ich sie in kleinen Häppchen lesen konnte. Dennoch ist der Roman sprachlich wirklich eindrucksvoll und berührte mich sehr. Man erfährt als Leser Elyrias Leben durch ihre Augen und bekommt nach und nach auch Eindrücke ihrer Probleme, die sie im Laufe des Romans immer deutlicher ausspricht. Sind es anfangs nur Andeutung so verstärkt sich nach und nach das beklemmende Gefühl, das geschildert wird. Der Roman selbst ist handlungsarm, da vor allem Elyrias Gedanken im Fokus stehen. Zwar bewegt sich Elyria auf der Suche nach einem Zufluchtsort, zwar begegnet sie immer wieder Personen oder nimmt Kontakt zu ihrem alten Leben auf, doch innerlich scheint sie abgeschnitten von Ort, Zeit und Emotionen.

Doch dieser kleine Polizist war von meinem Alleinsein weniger belustigt, er fragte nur nach meinem Pass, sah ihn sich an, dann mich und sagte, ich solle nicht in der Öffentlichkeit schlafen – es sei einfach nicht sicher -, und mir schien, dass es ihm wirklich wichtig war, dass er sich ernsthaft Sorgen machte und die ganze Menschheit liebte, dieser Polizist, aber das stimmte wahrscheinlich nicht, und ich fragte mich, warum manche Beziehungen zwischen Menschen unhörbare Geräusche erzeugen und andere nicht, und der Polizist ging weg, als wäre ich nichts, gar nichts, nur ein harmloses, verlorenes kleines Tier mit einem Pass.

Niemand verschwindet einfach so, Seite 160

Einerseits bewundere ich die Autorin dafür, wie sie dieses beklemmende Gefühl erzeugt, andererseits ließ mich das Buch nach jedem Lesen in einer solch negativen Stimmung zurück, dass ich kaum weiterlesen wollte. Insgesamt konnte ich mit dem Buch wenig anfangen. Durch die starke Innensicht Elyrias, die möglicherweise an Depressionen leidet, was aber im Roman nicht ausdrücklich thematisiert wird, fehlte mir ein Bezugspunkt. Zudem fand ich die sprachlichen Bilder teils wirklich grausig. Der Verlag warb damit, dass man im Herzen dieses Romans und seiner Protagonistin ein wildes Biest treffen würde, doch Elyria war so abgekoppelt von jeglichen Gefühlen, sie schien quasi neben sich zu stehen. Wenn sie gedanklich über sich reflektierte, dann auf eine so abstrakte und desinteressierte Weise, dass man glauben könnte, es ginge um eine ganz andere Person. Auch bin ich mir nun schlussendlich immer noch nicht sicher, ob es nun um Depression ging oder nicht, was mich zusätzlich frustriert.

Fazit: Versetzte mich in eine sehr negative Stimmung, sprachlich durchaus eindrucksvoll, aber ich habe ein wenig das wilde Biest vermisst! Ich empfehle die Leseprobe (hier direkt beim Aufbau Verlag) vorab zu lesen, da das Buch teils sehr unterschiedlich aufgenommen wurde 🙂


Weitere Meinungen

Die anderen Rezensenten haben das Buch auch durchmischt aufgenommen, sodass es ein wilder Mix ist:

Fruehlingsmaerchen – positiv

umgebucht – negativ

letteratura – positiv

World of Tination – negativ

Buecherkraechzen – positiv


Hier geht’s zum Buch

Niemand verschwindet einfach so von Catherine Lacey

Aufbau Verlag

266 Seiten, 22 Euro (gebunden mit Umschlag)

ISBN 978-3-351-03680-5

Vielen Dank an den Aufbau Verlag &  LovelyBooks für das Exemplar!

 

3 Kommentare

  • Pialalama

    Hey Jennifer,
    Ich muss gestehen, Cover und Titel machen mich ja wirklich neugierig. Und natürlich auch die Geschichte. Aber das Buch scheint die Gemüter wohl wirklich zu spalten! Da warte ich wohl noch ein paar Monate mit der Kaufentscheidung!

    Liebe Grüße!

    • Jennifer

      Hi Pia,
      lies auf jeden Fall noch eine weitere Rezension, ich habe extra ein paar angefügt. Das Buch hat wirklich sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Ich fand es einerseits sprachlich auch wirklich eindrucksvoll, während es mir andererseits aber auch schwer im Magen lag (nicht nur wegen der gewollten depressiven Stimmung). Oder lies mal in die Leseprobe rein 🙂 Vielleicht entscheidet es sich dann ja schon für dich 🙂
      LG Jennifer

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