Rezension

[Rezension] Selbstakzeptanz statt Selbstanpassung: „Liebe geht immer“ von Myriam Klatt

Eigentlich lese ich kaum New Adult, denn ich fühle mich zu alt für jugendliche Charaktere, deren Figurenentwicklung meist nicht allzu stark ist und deren kindische Probleme mich gelinde gesagt oft schon nach der Hälfte des Buches langweilen. Als Myriam Klatt mich fragte, ob ich ihr frisch gedrucktes Buch lesen wollen würde, habe ich daher lange gezögert. Dann habe ich mich doch dafür entschieden, weil sie mir versprach, dass sie mit der gängigen Entwicklung in diesem Genre bewusst spielen wollte.

Liebe geht immer von Myriam Klatt

Für Charlotte sieht es gerade gar nicht gut aus: Nicht nur stellt ihr Freund eine schlanke und gut aussehende neue Moderation ein, er gibt ihr auch wenig charmant zu verstehen, dass sie für den Job einfach ein paar Kilo zu viel drauf hat. Empört trennt Charlotte sich auf der Stelle. Ein neuer Job ist schnell gefunden, aber die begehrte Moderationenstelle ist immer noch in weiter Ferne. Also beschließt Charlotte mehr für ihr Glück zu tun: Abnehmen und selbstbewusster werden.

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Dabei versuchen ihr ihre Freunde zu helfen, doch natürlich ist Charlotte nicht immer glücklich mit deren Ratschlägen und Einmischungen. Und am Ende stellt sich die Frage: Passt man sich seinen Wünschen an oder werden die Wünsche an die eigene Person angepasst?

Ist das nun New Adult oder nicht?

Obgleich der Titel (und auch das Genre) eher eine Liebesgeschichte andeutet, geht es im Kern nicht um das Verlieben zweier Personen. Charlotte, arbeitslos und orientierungslos, sucht nicht nur einen neuen Job, sondern auch eine neue Richtung für ihr Leben. Interessant fand ich, dass sie Mitte 30 sein sollte, dafür wirkte sie mir anfangs noch gar zu jugendlich und sprunghaft. Im Laufe des Romans bekommt sie immer wieder gute Ratschläge, sowohl von ihren Freunden als auch aus einem à la Ratgeber verfassten Selbsthilfebuch. Und insgesamt wirkt Charlotte denn auch nicht sonderlich erwachsen. Zwar verurteilt sie die Bewertung rein über Äußerlichkeiten, wie ihr Ex-Freund sie bei ihr vornahm, ihre Strategie um ihr Traumziel zu erreichen ist dann aber doch recht eindeutig: Abnehmen! Dennoch bleibt das Buch nicht an Oberflächlichkeiten haften, sondern widmet sich verstärkt dem Thema der Selbstliebe – und Selbstakzeptanz – einem Bereich, der in New Adult oft ausgeblendet wird. Das fand ich sehr gelungen. Gleichwohl irritierte mich ihr kindliches Verhalten zu Anfang sehr, das ich eher einer Anfang 20-Jährigen zugeordnet hätte.

Was mich insgesamt an dem Genre New Adult häufig stört, ist nicht nur das oftmals völlig aufgebauschte Problem der jugendlichen Protagonistin, sondern die meist völlig abwegige Lösung. Hier gelingt Klatt ein gutes Aufbrechen von gängigen Mustern. Zwar bleibt Charlotte auch zum Ende hin eher unbeholfen und naiv, einen Entwicklungsprozess macht sie jedoch durch. Besonders gefiel mir dabei, dass der Fokus nicht nur auf Teillösungen lag. Wer seine Ziele erreichen möchte, so die Botschaft, darf sich nicht nur äußerlich ändern, sondern muss auch innerlich an sich arbeiten. Gleichzeitig geht es nicht in erster Linie um eine Veränderung sondern um eine Akzeptanz der eigenen Person. Der lockere Stil des Buches und die Feel-Good-Atmosphäre machen das Buch zu einer guten Zwischendurchlektüre. Dem New Adult-Bereich bleibt das Buch insgesamt trotzdem treu, auch wenn einige Muster durchbrochen werden. Zum Ende hin verliert sich der Roman dann glücklicherweise nicht, wie mir zu oft im New Adult untergekommen, in einer wunderbaren Wende auf den letzten 10 Seiten, sondern schafft ein rundes Ende mit Entwicklungsprozess und sogar einer kleinen Überraschung. Und der Kater dürfte sofort bei mir einziehen!

Fazit: Ein schön-seichtes Buch für Zwischendurch, mit Feel-Good-Atmosphäre und schöner Botschaft. 


Weitere Meinungen

„Herrlich amüsant geschrieben, tolle Charaktere und eine wichtige Nachricht an die Leser und Leserinnen! Für mich ein Herzensbuch!“ bei Pialalama


Das Buch

Liebe geht immer von Myriam Klatt
Aufbau Verlag

Herzlichen Dank an Myriam Klatt für das kostenfreie Exemplar!

7 Kommentare

  • Myriam

    Liebe Jennifer,

    vielen Dank! 🙂 Ich gebe zu, mir fällt jetzt doch ein kleiner Stein vom Herzen 😀 Denn ich freue mich wirklich sehr über deine guten Worte (und auch über die, die man am ehesten die kritischen nennen könnte & die ich total nachvollziehen kann – und die mir übrigens einen exzellenten Hinweis für meine nächste Protagonistin geben, danke also schon mal dafür!). Und jetzt gehe ich sehr fröhlich und happy in meinen Sonntag! Liebe Grüße,

    Myriam

    • Jennifer

      Liebe Myriam,
      das freut und erleichtert mich sehr, ich hatte schon befürchtet, dass du mir ob der Rezension zürnst 🙂
      Wegen dem Alter der Protagonistin: Da bin ich übrigens vorbelastet, weil ich mal ein Seminar zu Jugend und Adoleszenz im Gegenwartsroman hatte und ich es seitdem furchtbar finde, wenn Figuren über 30 sich noch so kindisch verhalten. Damit wird eben suggeriert, dass sich die Entwicklung zum Erwachsenen heute langsamer vollzieht, was ja auch stimmt, aber eben zu oft auch Verhalten legitimiert bzw. Verantwortung für Handeln (oder Nicht-Handeln) abgewiesen und das fuchst mich dann tierisch…
      Schönen Sonntagabend dir noch,
      Jennifer

      • Myriam

        Liebe Jennifer,

        das finde ich einen extrem spannenden Gedanken (den ich so zugegeben noch nicht hatte). Habt ihr auch darüber gesprochen wie man das eventuelle Dilemma lösen kann, dass ein erwachsener, vernünftiger Charakter im Kontext solcher Romane gar nicht in entsprechende Problemlagen kommen, beziehungsweise diese schnell und effizient lösen würde? Ich mag die Idee auf jeden Fall, da reifere Ansichten zu zeigen … komme spontan aber erstemal nur auf die schlichte Lösung, die Prota jünger zu machen – und das fühlt sich nun doch gemogelt an 😀

        • Jennifer

          Liebe Myriam,
          nein unser Fokus liegt im Seminar ja nicht bei „Wie sollte es besser gemacht werden“ 🙂
          Ich muss allerdings noch nachschieben, dass wir sehr viel Glavinic, Herrndorf, und so was gelesen haben und der Fokus auch stark auf Antihelden lag. Es ging eigentlich nicht um NewAdult, was sich vielleicht auch wirklich nur über jüngere Protagonist*innen lösen lässt?
          Ansonsten schau dir doch vielleicht einmal „Winternähe“ an. Da geht es um eine Mittdreißiger Berlinerin, die jüdisch erzogen wurde, aber Probleme hat sich selbst als jüdisch anzusehen und die nach einem rassistischen Vorfall nach TelAviv auswandert. Sie ist eher heimatlos, aber eben auch sehr unerwachsen, weil sie noch sehr unstet lebt (keine feste Arbeit, sondern nur Jobs, häufig wechselnde Beziehungen usw).
          Ist halt keine NewAdult-Geschichte, aber falls du daraus Inspirationen ziehen kannst, kann ich dir „Winternähe“ gerne schicken. Ich denk derweil mal nach, was wir noch gelesen hatten. „Auerhaus“ fand ich auch stark, hat aber die klassischen Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

          Ansonsten finde ich ältere Protagonistinnen auch gar nicht per se schlecht. Aber vielleicht sollten bestimmte kindische Denkmuster (meine so Naivitäten wie: Oh, ich muss abnehmen um meinen Traumjob zu kriegen und mich anders kleiden und kann dann nicht mehr mit meinen Freunden abhängen, übertrieben gesagt) abgewandelt oder erweitert werden. Etwas erwachsenere Lösungen (nur etwas) und dafür auch die Problemstellung anpassen (keine Ahnung, wie das dann aussehen soll? Wie krieg ich einen festen Arbeitsplatz, statt nur kleinere Jobs? Wieso ist es zwar cool als freie Künstlerin auf Partys Musik machen zu dürfen, zahlt aber nicht meine Miete?)
          Ok, ich merke gerade, ich sollte nie NA schreiben, ich halt mich einfach nicht an die vorgegebenen Rahmen 😀

          Na ja, ich beende den Kommentar jetzt mal und hoffe, dass er dir trotzdem irgendwas sagt 🙂
          VG Jennifer

          • Myriam

            Ja, ich gebe zu, ich habe da im kreativen Prozess manchmal tatsächlich auch Schwierigkeiten in den Genregrenzen zu bleiben 😄… Und, das weil ich jetzt auch mal gestehen, ich neigte doch sehr lange auch selbst zu eher sehr simplen Lebenshoffnungen, war (und bin manchmal immer noch) also auch oft eher unerwachsen….. 😆

            „Winternähe“ klingt echt super interessant (zumal ich im Juni eine Woche in Tel Aviv bin!), würde mich sehr darüber freuen wenn du es mir zuschickst – oder ich besorge es einfach selbst, freut sich meine liebe Buchhändlerin 😄

  • Pialalama

    Hey Jennifer,

    Schöne Rezension! Ich habe das Buch irgendwie nie als YA Buch gesehen. Aber ich kenne mich mit dem Genre dann auch nicht so gut aus. Danke für die Verlinkung!

    • Jennifer

      Hi Pia,
      ich weiß gerade gar nicht, wo das YA her kam, ob das die Verlagseinteilung ist oder mal in einer Mail geschrieben wurde.
      Vielleicht sollte ich das noch ergänzen 🙂
      Viele Grüße
      Jennifer

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