Rezension

[Rezension] „Ellas Schmetterlinge“ von Eva-Maria Obermann

Ellas Schmetterlinge

Die junge Miri zieht mit ihrem Freund Jan aufs Land. Jan hat Karriereaussichten nach einem Jobwechsel, Pendeln wäre zu anstrengend. Zwar ist Miri noch ohne Job, aber sie bewirbt sich bei der örtlichen Bank. Doch auf dem Lande kann sie nicht ankommen, sie fühlt sich nicht heimisch. Während Miri mürrischer wird, entzweit sich die Beziehung.

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Wessen Schmetterlinge?

Wer jetzt zwischen dem Namen der Hauptfigur und dem titelgebenden Namen verwirrt ist, dem geht es wie mir anfangs. Der Roman kommt zwar als Liebesroman her, laut Autorin soll es jedoch um Freundschaft gehen. Die Nachbarin Ella, eine junge alleinerziehende Mutter, bietet ihre nachbarschaftliche Hilfe an. Jan findet das Angebot nicht nur sehr nett, sondern Ella auch eine gute Gesellschaft für Miri. Er drängt daher darauf, dass Miri Zeit mit Ella verbringt. Miri allerdings hat nicht nur Vorurteile gegenüber dem Landleben, sondern auch gegenüber Ella, sodass die Beziehung am Anfang sehr steinig scheint.

Liebesroman oder doch nur Freundschaft?

Vielleicht grundsätzlich einmal: Ich finde es ok, wenn es nicht immer um Liebe, sondern um Freundschaft geht. Das Cover erinnert jedoch meiner Meinung nach an einen Liebesroman und auch der Klappentext thematisiert zwar die Freundschaft der beiden Frauen, es klingt jedoch so, als ob Miri ihren Jan zurückerobern wollte. Und auf diese Entwicklung habe ich ziemlich lange gewartet. Zudem fasst der Klappentext so im Nachhinein betrachtet die komplette Handlung zusammen, das ist ja eigentlich nicht der Sinn eines Klappentextes.

Die Figuren

Normalerweise halte ich mich nicht so sehr mit den Figuren  auf, in diesem Fall finde ich sie aber erwähnenswert. Die Hauptfigur Miri ist eine junge Frau mit reichlich Vorurteilen über das Landleben im Kopf. So weit, so gut. Leider sind die Klischees zum Teil überzogen und werden im Buch auch nicht wirklich aufgearbeitet. Zudem wiederholen sich bestimmte Dinge immer wieder und beim dritten Mal lesen, ist das Klischee nun mal nicht besser geworden. Der Freund Jan wirkt auf den ersten Blick wie die „positive“ und „erwachsenere“ Figur, nach und nach entpuppt er sich jedoch als ziemlich berechnend. Zum Teil wird dies als Motivation geschildert, von seinen Problemen auf Miris zu lenken, und zum Teil agiert er frei nach dem Motto „Ich weiß, was gut für dich ist“. So ein Verhalten finde ich jedoch weder fürsorglich, noch sonderlich ehrlich in einer Beziehung. Dass dies nebenbei also als eine „normale“ Beziehungsebene dargestellt wird, stieß mir ziemlich auf.

Dass Miri als Figur anecken soll, finde ich erstmal nicht problematisch. Durch das wiederholte gebetsmühlenartige Stakkato an Klischees wird aber kein unangepasster Charakter dargestellt. Miri schwangt als Figur irgendwo zwischen „sehr, sehr unangenehmer Charakter“ und „Warum zum Teufel verhält sie sich nicht ihrem Alter angemessen?“. Von einer Anfang zwanzigjährigen Bänkerin erwarte ich einfach ein anderes Verhalten. Ansonsten ist die Figur unglaubwürdig. Und wer auch nach wiederholtem Kontakt mit Dorfbewohnern immer noch nur Dorftrampel sieht, beweist keinen Sarkasmus sondern das Gegenteil von Empathie. Warum sollte das jemand lesen wollen? Es gab keinerlei Begründungen für diese starke Abneigung gegen das Dorfleben und die allzu oft vorgebrachten Klischees sorgten bei mir am Ende für Langeweile. Zudem gibt es keinerlei nennenswerte Entwicklung der Figuren, bis am Ende plötzlich alles überraschend ganz anders aufgelöst wird als zu den Figuren passen würde.

Show don’t tell

Die erwähnten Klischees sind dabei nicht einmal das Problem, sondern die Art der Darstellung. Durch die Wahl der Ich-Perspektive und den inneren Blickwinkel, kommt außer Miris Sichtweise keine andere so richtig heraus. Vielfach werden dabei Dinge wie eben die Klischees von Miri behauptet, aber nicht von den restlichen Figuren im Roman gezeigt. Ein Beispiel:

Klischee: Im Dorf wird nur getratscht.

Mögliche Umsetzung: Miri betritt einen Raum und hört den Rest eines Gespräches zweier Dorfbewohner, in dem über sie oder eine andere Person getratscht wird.

Umsetzung in der Geschichte: Miri sagt: In so einem Dorf tratschen doch eh alle nur!

Auch das ganze Setting der Kleinstadt passt irgendwie nicht: Im Buch wurde immer Dorf impliziert, aber ein Ort in dem es neben der Bank nicht nur 3 Supermärkte, Blumenladen, Delikatessengeschäft (!), ein Kino und vieles mehr gibt, ist nun mal kein Dorf mehr (ich komme aus einem, ich kenne mich da aus). Die Geschichte ist zwar locker geschrieben, durch die ständigen Wechsel zwischen Miris Ansichten, dem Handeln der Nebenfiguren oder eben die häufigen Wiederholungen, las sie sich dennoch nicht so flüssig. Es gab kaum Entwicklung der Figuren und ein paar dörfliche Charaktere, die auch wirklich handlungstragend sind und nicht nur in ein, zwei Szenen auftauchen, hätten der Geschichte ebenso gut getan. Aber so viel Entwicklung kann es in 150 Seiten (in meinem eBook) wohl nicht geben.

Die Schmetterlinge

In der Mitte der Kurzgeschichte werden auch die Schmetterlinge [gemeint ist das metaphorische Kribbeln im Bauch] erwähnt. Diese Stelle fand ich die stärkste der gesamten Handlung, denn hier werden auf einmal Beziehungsmodelle thematisiert. Es geht, am Beispiel verschiedener Figuren während eines gemeinsamen Filmabends, um Beziehung, Treue und die Frage, wo Betrug anfängt. Die einzelnen Figuren haben dort ganz unterschiedliche Vorstellungen, insbesondere Ella fand ich hier sehr interessant: Sie argumentiert, dass Menschen ab und an menschlichen Kontakt brauchen, eine (asexuelle) Umarmung beispielsweise, und dies kein Betrug sei. Das fand ich einen spannenden Ansatz, der gerne ausführlicher hätte thematisiert werden können.

Ellas Perspektive

Überhaupt war Ella die eigentlich spannende Figur. Zwar wird die Geschichte aus Miris Perspektive erzählt, sehr viel ausgefeilter und auch ambivalenter (und damit spannender) war die Figur der Ella. Ihre Probleme und auch ihre Sicht auf die Welt erhält man jedoch einzig aus der Perspektive Miris bzw. weiterer Nebenfiguren wie des Bruders. Dadurch konnte man sich eigentlich kaum tiefer in Ella einfühlen. In Miri war ein Einfühlen dagegen kaum möglich, weshalb mir durch die gesamte Geschichte eine Bezugsperson fehlte. Meiner Meinung nach hätte es daher mehr Sinn ergeben, die gesamte Geschichte aus Ellas Sicht zu erzählen.

Zudem wird die Freundschaft der beiden jungen Frauen auch wenig ausgebaut. Gefühlt ist Ella zwar den ganzen Roman über präsent, da sie auch oft in den Gesprächen zwischen Jan und Miri erwähnt wird, aber wirklich viel gemeinsam unternehmen scheinen die beiden Frauen nicht miteinander. Oft führen sie Zufälle zueinander oder nachbarschaftliche Zweckgemeinschaften, dass die beiden sich wirklich zu mögen beginnen, konnte ich einfach nicht herauslesen.

Fazit

Die kurze Geschichte war leider nicht, was ich erwartet hatte. Ich fand die titelgebende Stelle über „Ellas Schmetterlinge“ und ihre Sichtweise auf Beziehungen und menschliche Nähe am spannendsten. Da Ella und Miri aber so ein komisches Verhältnis hatten, reichte mir das einfach nicht als Freundschaftsroman, ein Liebesroman war es ja auch nicht und von Erwachsenwerden ist bei Miri auch keine Rede, daher fällt auch der Entwicklungsroman weg. Ich habe echte Schwierigkeiten, mich hier überhaupt für ein Genre zu entscheiden.
Ich fand die Klischees viel zu übertrieben und konnte mich gar nicht mit dem Tonfall anfreunden. Generell fehlte mir viel, um Zugang zu den Figuren zu finden. Ich hätte mir den Roman fast aus Ellas Sicht gewünscht und Miri als Stadtpflanze klischeehaft angegangen, das hätte witzig werden können. So sehe ich leider viel verschenktes Potential.

Empfehlen kann ich die kurze Geschichte leider nur Freunden allzu großer Dorfklischees, die daran möglicherweise ihre Freude haben.


Hier geht’s zum Buch

Ellas Schmetterlinge von Eva-Maria Obermann

bookshouse

208 Seiten / 10,99 Euro (als Taschenbuch, mein eReader zeigt mir 153 Seiten an, für 3,99 Euro)

978-9-963-537-075 [Link ausnahmsweise mal zu Amazon]

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