Rezension

[Rezension] Eine Streitschrift gegen Single Shaming! „Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht“ von Gunda Windmüller

Wenn man sich in unserer Gesellschaft umschaut, kommt man leicht zu dem Schluss das die nicht-gleichgeschlechtliche Paarbeziehung das erstrebenswerteste Beziehungsmodell ist, das die Gesellschaft jemals hervorgebracht hat. Dabei ist dieses Modell aber erstens gar nicht so erstrebenswert und zweitens auch ein Konstrukt, das noch gar nicht so lange in unserer Gesellschaft vorherrscht, wie Windmüller mit ihrer Streitschrift erläutert.

Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht von Gunda Windmüller

Es steckt schon im Titel: Dieses Buch möchte provozieren und sich gegen die öffentliche Meinung stellen. Das gelingt ihm mal mehr und mal weniger gut. Eine der großen Stärken dieser Streitschrift ist es, dass sie allgemein verständlich und sehr anschaulich geschrieben ist. Das Buch wimmelt nur so von Beispielen und persönlichen Erfahrungen sowohl der Autorin als auch verschiedener anderer Gewährsfrauen, die Windmüller zu Wort kommen lässt. Dabei sind Szenen aus der Kultserie „Sex and the City“ zu Anfang noch charmant, gegen Ende störten sie mich hingegen immer stärker (Ich habe die Serie zugegebenermaßen aber auch nie geschaut, wobei ich sie auch nicht aktiv gemieden habe. Ich fühlte mich von ihr nur nie abgeholt). Dabei ist das Thema des Buches sehr wichtig: In unserer Gesellschaft herrscht ein immenser Druck eine*n Partner*in zu finden und sich gegenseitig glücklich zu machen. Dass dieses Modell der Paarbeziehung (und der daran anschließenden Kleinstfamilie) erst seit der Industrialisierung und damit etwa seit dem 18 Jahrhundert populär und aus ökonomischen Gründen überhaupt erstrebenswert ist, wird dabei gerne übersehen. Kein Wunder, werden wir doch von Pseudostudien über die erhöhte Lebenserwartung von verheirateten Menschen und knallbunter Werbung von Parship erfolgreich abgelenkt. Doch das unbedingte Streben nach einer*m Partner*in macht höchstens unglücklich und Menschen, die in einer unglücklichen Beziehung leben, leben nicht unbedingt gesünder. Windmüller hat viele wichtige Fakten versammelt und einige Zusammenhänge aufgedeckt. Sie widmet sich der Liebe ebenso wie der Ehe, spricht über Beziehungen freundschaftlicher Natur und warum diese in unserer Gesellschaft niemals gleichwertig zu romantischer Liebe anerkannt werden, und überhaupt die Verknüpfung von Romantik, Paarbeziehung und Ehe! So vieles Wahres spricht sie an…

Über Gesellschaft und die von uns allen verinnerlichten Sichtweisen

Ich selbst würde mich für hinreichend sensibel bezeichnen was Geschlechterrollen und Mechanismen des Patriarchats angeht. Doch selbst ich merkte beim Lesen, wie ich manche gesellschaftlich anerkannten Sichtweisen verinnerlicht hatte. Dass ich Windmüllers Tonfall mitunter als zu emotional empfand und ob sie dieses in meinen Augen so wichtige Thema nicht etwas sachlicher darstellen könnte. Dann würden es vielleicht mehr Menschen ernst nehmen, dachte ich. Dabei ist Windmüller gar nicht besonders emotionalisierend, sie spricht einfach in einem sehr saloppen Tonfall, den ich eher bei einem Kaffeekränzchen erwarten würde. In Verbindung mit wissenschaftlichen Fakten und tiefergehenden Zusammenhängen rissen mich die manchmal persönlichen Schilderungen, die Anekdoten irgendwelcher Fernsehserien aus meinem Lesefluss. Dennoch waren sie genau richtig: Weil sie zum einen zeigen, wie tief verankert das Thema in unserem medialen Umfeld ist und weil sie zum anderen nachvollziehbar sind. Und zwar auch für eine Single-Frau, die sich vielleicht noch niemals mit dem Thema Single Shaming oder den Mechanismen gesellschaftlicher Erwartung und wie diese unser Handeln und unsere Gedanken beeinflussen beschäftigt hat. Denn für genau diese ist ein Buch mit diesem Titel doch gemacht. Sicherlich, wünscht sich der eine oder andere Single (ob nun weiblich oder männlich, auch darauf geht Windmüller übrigens kurz ein)  eine Anti-Haltung gegen die Paarbeziehung solange bis der oder die perfekte*r Partner*in auftaucht, nur um dann dennoch glücklich bis zum Ende der Ehe zu bleiben. Doch in Zeiten, in denen neue Familienmodelle entstehen und sich auch das Beziehungsbild langsam ändert, kommt eine solche Streitschrift genau richtig.

Die Partnersuche wird zum Teil des Lebens wie die Jobsuche. Und ähnlich gewissenhaft gehen wir sie auch an. Denn natürlich denken wir nicht, dass die Liebe käuflich ist. Dann wäre sie ja nichts wert. Die wirklich wichtigen Dinge gibt es umsonst, damit auch jeder etwas davon haben kann. Wie Luft und Liebe eben. […] Liebe kann man nicht kaufen, aber man kann sie sich verdienen, mit einer tollen Persönlichkeit zum Beispiel. Das wissen wir. Und wenn wir sie nicht bekommen, dann investieren wir. In uns selbst.

Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht, Seite 75

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Ein Buch für Singles?

Ist Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht also ein Buch für Singles? Sicherlich! Aber eben nicht nur für solche. Ich habe das Buch im Zug begonnen, mein Freund saß neben mir und fragte anfangs scherzhaft, ob er sich um unsere Beziehung Sorgen machen müsste. Recht schnell jedoch diskutierten wir über die Inhalte und über die Frage, ob es einen Unterschied macht als Mann Single zu sein oder als Frau. Ob wir selbst Single sind oder nicht, wir sind umgeben von einer Gesellschaft in der das Singlesein in bestimmten Altersgruppen, die sich beim Mann und bei der Frau stark unterscheiden, als Stigmatisierung gilt. In der eine Frau, die noch nicht den „Richtigen“ gefunden hat eben noch ein wenig aufs glücklich sein „warten“ muss. Und in der in einer festen Beziehung alle automatisch auf die frohe Botschaft von Nachwuchs warten. Und Frauen eben oft genug gesagt wird, dass sie sobald sie schwanger sind, sich schon noch auf Kinder freuen werden. Kann man vorher schließlich nicht wissen.
Und da wird mir bewusst, dass man dieses ganze Thema wohl nicht anfassen kann ohne ein wenig emotional und auch wütend zu werden! Klar ist aber auch, dass Windmüller, wenn sie von emanzipierter Frauen und der Entscheidung zwischen Karriere und Familie spricht, nur eine ganz bestimmte Gruppe von Frauen meint. Und daher frage ich mich, ob dieses Buch wirklich alle Frauen erreicht, die meiner Meinung nach auf das Thema aufmerksam gemacht werden sollte. Dass das nämlich durchaus möglich ist, zeigt Margarete Stokowski mit Untenrum frei, für mich noch immer DIE zentrale Empfehlung feministischer Literatur unserer Zeit!

Fazit: Erhellende Gedanken und jede Menge Fakten zum Singlesein, zur Paarbeziehung und der gesellschaftlich normierten Suche nach dem Glück im Partner. Ein Plädoyer gegen Single Shaming und für das sich selbst glücklich machen! Nicht nur für Singles, sondern für alle Menschen. 

P. S. Sehr schön fand ich, dass Windmüller kurz die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Singles herausarbeitet und erläutert, dass sie sich aufgrund des gesellschaftlichen Bildes auf die heteronormative (also die nicht-gleichgeschlechtliche) Beziehung konzentriert und andere Beziehungsformen nicht einfach außen vorlässt. Es geht in dem Buch ganz klar immer um die gesellschaftliche Erwartung und nicht um persönliche Neigungen.


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Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift von Gunda Windmüller
285 Seiten
Taschenbuch
Rowohlt Polaris

Dieses Buch habe ich von Rowohlt kostenfrei zur Rezension zur Verfügung gestellt bekommen! Herzlichen Dank!

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