Rezension

[Rezension] Ein beeindruckendes Zeugnis: LTI von Victor Klemperer

Im Rahmen meines Studiums wurde mir mehrfach empfohlen die Lingua Tertii Imperii. Notizbuch eines Philologen (kurz LTI) von Victor Klemperer zu lesen. Aus einem spontanen Entschluss heraus, suchte ich mir dann ein paar Mitstreiter auf Twitter und wir lasen in einer lockeren Runde gemeinsam. Eine wundervolle Erfahrung, die ich nur weiter empfehlen kann!

Ein beeindruckendes Zeugnis Geschichte

Victor Klemperer lehrte ab 1920 Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden. Nach dem Inkrafttreten des Reichsbürgergesetzes wurde Klemperer aus seiner Professur heraus in den vorzeitigen Vorruhestand versetzt. Nach und nach wurden seine Möglichkeiten zu arbeiten, sich intellektuell zu betätigen, Teil der Gesellschaft zu sein immer weiter eingeschränkt. Klemperer las dennoch, ließ sich Bücher und Nachrichten von seiner deutschen Frau beschaffen und notierte, was ihm auffiel. 1947 erschienen seine Notizen und Überlegungen, tagebuchartig, als LTI zusammengefasst.

In 36 kurzen Kapiteln analysiert Klemperer einzelne Wörter, aber auch komplexe Tendenzen der NS-Sprache. So beschreibt er beispielsweise eindrucksvoll, wie in der NS-Zeit viele Begrifflichkeiten bis hin zu Handlungen sprachlich in den Bereich von Technik und Maschinen verschoben wurden und was diese Entmenschlichung mit ihren Sprechern aber auch den Hörern macht. Das Buch ist vieles in einem und daher so schwer zu beschreiben: Es ist historisches Zeugnis über einen Wandel der Zeit, aber es ist auch eine anregende sprachliche Analyse.

Über den Wandel von Sprache

Wenn wir von Sprache sprechen, dann sprechen wir oft von ihr als etwas Festes, Unveränderliches und allzu oft ist es genau dies, was wir anstreben: Das Sprache sich bitte nicht wandeln dürfe. Gerade wenn man über ehemals rassistische Begriffe redet, merkt man jedoch schnell, dass zu Sprache mehr als der Begriffsinhalt gehört. Der Kontext der jeweiligen Zeit, in welcher ein Wort genutzt wird oder wurde, muss immer mitberücksichtigt werden.

Die LTI war eine Gefängnissprache (der Gefangenenwärter und der Gefangenen), und zur Sprache der Gefängnisse gehören unweigerlich (als Akte der Notwehr) die Versteckworte, die irreführenden Mehrdeutigkeiten, die Fälschungen usw. usw.

LTI. Notizbuch eines Philologen, Seite 89

Die Mechanismen der NS-Sprache sind für heutige Generationen wohl nur schwer greifbar. Je weiter diese Zeit historisch von uns getrennt ist, desto schwieriger wird das Erfassen von Sprache und Denkmustern. Trotz seines aus unserer heutigen Sicht behäbigen Stils bildet die LTI einleuchtend und nachvollziehbar die Sprache und vor allem die sprachliche Entwicklung ab. Und entblößt gleichzeitig Denkmuster und schildert Handlungsweisen, auch wenn es ihr darum im Kern gar nicht gehen mag. Dennoch lässt sich auch Sprache natürlich nicht isoliert betrachten. Das fällt durch die ganze Lektüre hinweg durch auf, denn natürlich stolpert man immer wieder über spannende Stellen wie diese:

Weil man aber den deutschen Volksgenossen nicht nur vor den jüdischen Namen beschützen will, sondern noch viel mehr vor jeder Berührung mit den Juden selber, so werden diese aufs sorgfältigste abgesondert. Und eines der wesentlichsten Mittel solcher Absonderungen besteht in der Kenntlichmachung durch den Namen. Wer nicht einen unverkennbar hebräischen und gar nicht im Deutschen eingebürgerten Namen trägt, wie etwa Baruch oder Recha, der hat seinem Vornamen ein „Israel“ oder „Sara“ beizufügen.

LTI. Notizbuch eines Philologen, Seite 84

Hier wird über Sprache direkt die Identität angegriffen und versucht diese zu verändern. Denn natürlich macht es etwas mit einem, einen fremden Namen übergestülpt zu bekommen und diesen fortan in allen offiziellen Dokumenten zu benutzen gezwungen zu sein. Dennoch ist dies etwas, dass den Juden als Unterdrückten geschieht. Wie aber beschreibt Klemperer die Unterdrücker?

Spricht er von nazistischer Sprache, so spricht er von ihr als einer „Infektion“, die sich verbreitet und ihre Sprecher infiziert. Selten nur vermeint er negative oder böswillige Eigenschaften bei den Sprechern zu entdecken – dennoch fallen auch sie alle der NS-Sprache zum Opfer. Gleichzeitig beschränkt er sich jedoch nicht in einer simplen Opfer-Zuschreibung, die jegliche Verantwortung der Sprecher beiseite lässt. Doch ihm geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um die Veränderungen, die im Denken vorliegen und die sich sprachlich manifestieren. Diese versucht er zu erfassen, anfangs für sich selbst, als Beschäftigung und aus Neugier, im Laufe der Jahre jedoch auch mit dem Gedanken, dass diese Zeit vorüber gehen wird und es Zeugnisse brauchen wird, um den Wandel der Menschen erfahrbar zu machen.

Die LTI ist kein leicht zu lesendes Buch, man braucht viel Zeit für die Lektüre und man muss vieles durchdenken. Dennoch lohnt sich die Lektüre und es lohnt sich besonders, sie gemeinsam zu lesen, sich über den Inhalt auszutauschen. Ich bedauere im Nachhinein sehr, dass niemals ein Seminar zur Lektüre von Klemperer angeboten wurde, dieses hätte ich sehr gerne besucht!


Weitere Meinungen oder Anregungen

Aus einem Vortrag von Siegfried Jäger an der Uni Bonn: „Die Sprache bringt es an den Tag.“ Victor Klemperers Beitrag zum Verständnis des Faschismus und seiner Nachwirkungen in der Gegenwart

Eine sehr kritische Auseinandersetzung (auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht) findet sich im Forum Literaturkritik

Ihr kennt weitere interessante Artikel zu Klemperer oder der LTI? Lasst mir gerne einen Kommentar da und ich nehme euren Hinweis noch auf!

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