Rezension

[Rezension] „Der Tiger in der guten Stube“ von Abigail Tucker

Ich muss vorab sagen, dass ich mich tatsächlich eher als Katzen- denn als Hundemensch bezeichnen würde. Ich liebe Katzen einfach sehr und bin ebenso fasziniert wie die Autorin dieses Sachbuches von den Samtpfoten. In meiner Stadtwohnung kann ich jedoch keine Katze halten – und genau das führt wohl dazu, dass ich mir meinen letzten Rest Verstand noch bewahrt habe und nicht zum totalen Katzenfan geworden bin. Ich finde es weder sinnvoll Katzen sonderlich zu beschmusen (das mögen die meisten nämlich nicht), noch ihnen teuere Katzenspielzeuge oder einen super teure Katzenhöhle zu kaufen, wenn sie ebenso gern in einen leeren Karton hüpfen. Dennoch quietsche ich bei jeder Katze erfreut auf und streichle auch sehr gerne, wenn die Katze es zulässt.

Wissenswertes über unsere Stubentiger

Abigail Tucker erklärt in diesem locker geschriebenen Sachbuch, wie „der Tiger in die gute Stube kam“. Das ist nämlich nicht nur evolutionär gesehen interessant. Andere Heimtiere wie beispielsweise Hund, Kaninchen oder Schaf schafften es nämlich auch in die Siedlungen der Menschen, nur erfüllten sie stets einen konkreten Zweck und passten sich zudem dem Menschen an. Damit gehen nicht nur äußerliche Merkmalsänderungen einher (vor allem durch Zucht), sondern beispielsweise eine Verkleinerung des Gehirns. Dies ist nötig, da sich das Angstzentrum verkleinern muss, damit die Tiere mit allen fremden Geräuschen umgehen können, die mit der menschlichen Umgebung einhergehen. Katzen sind jedoch längst noch nicht so weit, dass sie sich wirklich an den Menschen angepasst hätten. Und doch haben sie gelernt mit uns zusammenzuleben und beispielsweise ‚Miauen‘ auszustoßen, was wir als „Gib Futter“ interpretieren. Das spannende an Tuckers Buch ist, dass sie sich den Katzen immer von zwei Seiten nähert und sich einerseits mit den knuffigen Hauskatzen beschäftigt und andererseits auch die vielen, vielen Straßenkatzen im Blick behält, die sie zwar als wild, aber eben nicht als Wildtiere kategorisiert. So benennt sie Entwicklungen und Probleme zu beiden Formen und knüpft auch Verbindungen, die man auf den ersten Blick selbst nicht ziehen würde. Dass es weltweit ca. 600 Milliarden Katzen gibt, birgt nämlich nicht nur Grund zur Freude: Die Umwelt wird enorm belastet, Katzen (auch Hauskatzen) sind für ein vielfaches Artensterben verantwortlich und Toxoplasmose* überträgt sich dank Katzen auf der ganzen Welt und verbreitet sich über katzenkot-fressende Nutztiere. Dennoch merkt man auch Abigail Tucker ihre Hingabe an die süßen Fellbälle an und sie schafft es bemerkenswert, Probleme zu benennen und gleichzeitig nicht die Freude an Katzen zu verlieren.

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Ein verstörendes Buch

Das Buch war für mich ebenso interessant wie gruselig, habe ich doch eine ganz neue Seite an Katzen entdeckt. Die Sachverhalte an sich sind sehr nachvollziehbar (auch für Laien, wobei mir mein Bio-Leistungskurs sicher zugute kam) verständlich. Mich störte zu Anfang, dass es keine chronologische Erzählung gab, wie ich sie bei einem solchen Buch erwarten würde. Die Autorin nimmt sich stattdessen Kapitel für Kapitel verschiedene Themen vor und stellt diese immer abgeschlossen dar. Dennoch streut sie geschichtliches wie nebenbei ein und schafft es sehr gut, verschiedene Problemfelder miteinander zu verknüpfen. Dabei geht sie einerseits auf die Katzen ein, andererseits nimmt sie jedoch auch die Auswüchse allzu großer Katzenliebe unter die Lupe. Im Kapitel „Alles für die Katz'“ besucht sie Amerikaner, deren Katzenliebe quasi ihr komplettes Leben beherrscht: Die komplette Inneneinrichtung wird zum Katzenparadies, mit Klettermöglichkeiten und in Möbeln versteckten Katzentoiletten (sind das dann schon Designerstücke?). Im Gegensatz dazu stehen die eher nüchternen Wissenschaftler, die sie für ihre Recherche besuchte, die jedoch in der überwiegenden Mehrzahl zwar Katzen als Forschungsobjekte untersuchen, selbst aber auch Katzenbesitzer sind. So schwanken alle vorgestellten Personen zwischen einem Ernst ob der Probleme der Ausbreitung von Katzen und einer Faszination, die sich wohl nicht so einfach abstellen lässt. Was mich am meisten erschütterte, war die Beschreibung, das freilebende Wildkatzen nicht etwa von der Aufmerksamkeit profitieren, sondern die Hauskatze auch diese zu verdrängen scheint. Weltweit gab es 2009 noch 2300 Tiger [WWF]. Die Hauskatze ist ein schöner Ersatz, wir lieben sie zwar, aber wir interessieren uns nicht wirklich für ihre großen Verwandten.

Was das Buch für mich definitiv abrundete waren die kleinen Illustrationen am Rand, die oft einfach Katzenpfoten zeigten. Diese waren zwar fast zu niedlich für die ernsten Themen, lockerten aber für mich den Text optisch einfach sehr auf. Ebenso begeistert bin ich übrigens von dem Cover, dass mit der überdimensionalen Katze auf dem heimischen Sofa, die bestimmt jeden „Besitzer“ unter sich begräbt, ein wahrlich sprechendes Cover ist!

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Was mich mitunter ein wenig irritierte, war, wie begeistert die Autorin von den Samtpfoten war, obwohl sie beispielsweise auch große Probleme der weltweit steigenden Katzenpopulationen angesprochen. Andererseits kann ich es ihr nicht verdenken, saß ich doch selbst vor einigen Tagen erst auf der Couch einer Freundin, diskutierte heiß über Toxoplasmose* und die Entwicklung von Katzen und streichelte dabei drei junge Katzenbabys, während die Mama durchs Wohnzimmer streifte.

Fazit: Ein rundum gelungenes Buch, dass ich nicht nur Katzenfans empfehlen kann. Klärt auf, liefert viele Hintergründe und lehrt einen einen ganz neuen Blickwinkel auf die wahren Herrscher unsere Erde…


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Der Tiger in der guten Stube von Abigail Tucker

Theiss Verlag (Wissenschaftliche Buchgesellschaft)

304 Seiten, 19,95 Euro (277 Seiten Text, dazu viele Fußnoten)

fester Einband

ISBN 978-3-8062-3647-7

Vielen Dank an die WBG und Vorablesen für das kostenfreie Exemplar!

*Hier stand zuerst fälschlicherweise Taxoplasmose. Bin halt keine Biologin, sondern Germanistin 😉

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