Rezension

Ist Freundschaft die bessere Beziehungsform? | „Nackt im Hotel“ von Jo Schück

Vor einer Weile habe ich mich mit Alles, was ich weiß über die Liebe von Dolly Alderton schon einmal mit der Freundschaft beschäftigt. Daher hat mich Nackt im Hotel. Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft von Jo Schück schon alleine aufgrund des Titels interessiert. Wie mir das Buch gefallen hat und was ich daraus mitgenommen habe, möchte ich euch heute erzählen.

Freunschaft vs. Liebe

Jo Schück ist Kulturjournalist und Moderator der Sendung aspekte. In seinem Sachbuch wirft er einen kulturhistorischen Blick auf die Freundschaft und vergleicht diese Beziehungsform mit Formen romantischer Liebe. Ein großer Fokus liegt dabei auf der Frage, warum die eine Beziehungsform gesellschaftlich gewürdigt wird, während die andere eher unbeachtet bleibt. Dazu aber später noch mehr. Das Buch ist unterhaltsam geschrieben und wartet dennoch mit vielen Fakten auf. Allen sieben Kapiteln ist eine kurze Geschichte vorangestellt, die einen Aspekt von Freundschaft aufzeigen möchte und thematisch inhaltlich an die Kapitel angelehnt ist. Allerdings muss ich sagen, dass ich diese Geschichten als (literarisch) schwächsten Teil des Buches empfunden habe. Die Storys sollen Stimmung und Atmosphäre vermitteln, wirken allerdings ein wenig platt durch die Gefühlstaumeligkeit der Ich-Erzähler, die sich selbst und ihre Freundschaft einfach nur geil finden. Das ist aber nicht weiter tragisch, denn die Kapitel selbst sind dafür umso spannender…

Was ist Freundschaft gesellschaftlich wert?

Jo Schück untersucht die Freundschaft in seinem Buch von verschiedenen Standpunkten aus: Was ist der Kern der Freundschaft? Warum befreunden wir uns mit manchen Menschen – und mit anderen wiederum nicht? Spielt es eine Rolle, ob die Freundschaft gleichgeschlechtlich ist? Und was passiert, wenn aus Freundschaft Liebe wird – oder umgekehrt? Was ich sehr gelungen fand, war, dass eine Vielzahl an Fragen in den verschiedenen Kapiteln gestellt werden. Manche mögen dabei vielleicht platt oder simpel wirken, aber man bemerkt trotzdem recht schnell: Ganz so einfach lässt sich das alles nicht beantworten. Und eigentlich geht es auch genau darum: Dass uns das alles so schwer fällt. Dabei ist Freundschaft etwas ganz Alltägliches. Aber scheinbar beschäftigen wir uns eher mit der Liebe als mit der Freundschaft. Nicht nur als Einzelpersonen, sondern auch als gesamte Gesellschaft. Oder warum gibt es so viele Liebes-Beziehungsformen die füreinander Sorge tragen können, von der Ehe über eingetragene Lebensgemeinschaften und so weiter? Während Freundschaft gesellschaftlich eher selten gewürdigt wird. Schück sammelt Fakten und teilt seine Überlegungen über die Freundschaft. Mitunter hätte ich mir noch mehr konkrete popkulturelle Beispiele für die Darstellung von Freundschaft gewünscht, das kommt meiner Meinung nach etwas kurz und zielt eher auf das Fernsehen als auf andere Medien ab. Aber im Grunde geht es eben genau darum: Dass der Freundschaft bisher jene Beachtung fehlt, sowohl popkulturell als auch gesellschaftlich. So liefert dieses unterhaltsame Sachbuch viele Fakten und Anregungen zum Nachdenken über das Wesen der Freundschaft. Ich werde das Buch jedenfalls im Freundeskreis weiterreichen und freue mich schon auf die anschließenden Diskussionen!

Fazit: Faktenreiches und nachdenklich machendes Sachbuch rund um die Freundschaft. Schück nimmt alle Formen von Freundschaftsbeziehungen, ob kurz oder lang, tief oder flach, online oder offline, in den Blick und sammelt Kenntnisse und Denkanstöße.

Kleine Randgeschichte zum Titel „Nackt im Hotel“

Der Haupttitel Nackt im Hotel bezieht sich übrigens auf eine der erwähnten Geschichten über Freundschaft, die Schück seinen Artikeln vorstellt. Da ich das Buch oft in der Bahn oder am See gelesen habe, konnte ich wunderbar beobachten, wie der Titel manches mal falsche Erwartungen erzeugte und die eine oder andere Person wurde glatt rot, weil sie wohl dachte, dass ich Erotikgeschichten lese.


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Nackt im Hotel – Wie Freundschaft der Liebe den Rang abläuft von Jo Schück
256 Seiten, Taschenbuch
erschienen im März 2020
bold (dtv)


Dieses Buch habe ich privat geschenkt bekommen!
Es handelt sich nicht um ein Rezensionsexemplar der Verlags.

2 Kommentare

  • Tina

    Uuuh, was für eine provozierende Überschrift liebe Jenny!

    Das Buch habe ich schon öfter gesehen und wusste über den Inhalt grob bescheid, von daher wäre ich nicht in der Bahn rot angelaufen 😉

    Ist freundschaft die bessere Beziehungsform? Tja, schwierig, für jeden lautet die Antwort anders und heutzutage wohl vielfältiger als in früheren, ja strengeren Zeiten.
    Für mich sind Freundschaften zum Großteil langlebiger als die „Liebesbeziehung“. Andererseits gibt mir die klassische Beziehung etwas, und ich gebe dann auch etwas, was bei einer reinen Freundschaft nicht passieren würde.

    Auf jeden Fall eine gelungene Vorstellung der Lektüre.

    Liebe Grüße
    Tina

    • Jennifer

      Hi Tina,

      freue mich, dass du mal wieder bei mir vorbei stöberst 🙂 Na klar, gibt einem eine Beziehung „mehr“ als eine Freundschaft, besonders wenn letztere nicht besonders eng ist. Ich muss sagen, dass ich (für mich) auch sehr stark zwischen Freunden (mit denen ich alles teilen kann, auch Probleme) und eben Bekannten (auch sehr engen) unterscheide. Meine wirklichen tiefen Freundschaften begleiten mich über Jahre hinweg, da kommt so manche Paar-Beziehung nicht unbedingt heran. Von daher finde ich die Überlegung im Buch schon spannend, warum die Freundschaft gesellschaftlich den geringeren (im Vergleich zur Beziehung) Stellenwert hat.

      Habe auf jeden Fall einige spannende Gedanken für mich mitgenommen 🙂
      Wenn du magst, leih ich dir das Buch bei Gelegenheit, gib bei Bedarf einfach Bescheid…
      Liebe Grüße
      Jennifer

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