Hörbuch "Im Grunde gut" von Rutger Bregman
Rezension

Eine positive Geschichte der Menschheit: „Im Grunde gut“ von Rutger Bregman

Wenn die Geschichte der Menschheit uns eines lehrt dann dies: Im Grunde unseres Herzens sind wir alle gut. Das klingt unglaublich? Dann schenkt euch dieses Buch ein bisschen Zuversicht. Denn Rutger Bregman zeigt in unzähligen Beispielen das Gute im Menschen – oft dort wo man es gar nicht erwartet.

Was steckt hinter dem Stanford-Prison-Experiment?

Das Stanford-Prison-Experiment ist wohl eines der bekanntesten Experimente in der Geschichte der Psychologie. Stanford teilte eine kleine Gruppe von Studenten nach einem zufälligen Prinzip in zwei Gruppen auf. Die eine Hälfte wurde zu Gefangenen, die andere Hälfte zu ihren Wärtern. Das Experiment ist ein bekanntes Beispiel für die hemmungslose Grausamkeit und Unmenschlichkeit gegenüber anderen Menschen. Und gleichzeitig ist die Geschichte des Experimentes, wie viele sie kennen, nur die eine Seite der Erzählung. Der Historiker Rutger Bregman hat sich die anderen Hälfte angesehen.

Das Experiment wurde vom dem US-amerikanischen Psychologen Philip Zimbardo durchgeführt. Getreu nach dem Motto ‚Der Mensch ist im Kern schlecht‘, wollte er die grundlegende Bereitschaft eines jeden Menschen zu grausamen Handlungen zeigen. Als er sein Experiment begann, wurden die Studenten scheinbar zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Zimbardo, der die Rolle des leitenden Vollzugsbeamten übernahm, ebenso wie sein Assistent übernahmen Wärter-Rollen.

Im Laufe des Experiments griffen die beiden immer wieder in das Geschehen ein und instruierten die studentischen Wärter: Von allgemeinen Verhaltensweisen bis hin zu expliziten Strafen wurde den studentischen Wärtern das erwartete Verhalten vorgegeben. Zögerten die Studenten so wurden sie unter dem Deckmantel der Notwendigkeit ihre Handlung für das laufende Experiment bedrängt – oder sie schieden aus dem Experiment aus. So entwickelte sich statt einem wissenschaftlichen Experiment ein Improvisationstheater, so jedenfalls bezeichneten es einige Studenten bei späteren Befragungen. Wer sich näheres zum Experiment durchlesen möchte, kann beispielsweise mit dem Wikipedia-Artikel beginnen, hier ist ebenfalls ein Abschnitt zur Kritik und fehlenden Reproduzierbarkeit des Experiments enthalten.

Eine neue Geschichte der Menschheit

Das Stanford-Experiment ist nur eines von vielen Beispielen der Menschheitsgeschichte, mit denen die vermeintliche Grausamkeit und fehlende Empathie belegt werden sollte. Doch so wie die Geschichte von den Siegern erzählt wird, so belegen die mehr oder weniger bekannten Erzählungen eigentlich nur die Erwartungshaltung ihrer eigenen Erzähler. Und lassen Bregman fragen: Müsste man die Geschichte der Menschheit vielleicht aus einer ganz neuen Perspektive – einer positiven gar – erzählen?

Bregman entwirf in seinem Buch die Vorlage für eine solche positive Menschheitsgeschichte. Beginnend mit dem nomadischen Zusammenleben über die Entstehung der ersten Nationen bis in unsere Gegenwart zeichnet er die Entwicklung des Menschen nach. Während die ersten nomadischen Völker ihr Zusammenleben durch Kooperation sicherten und die Gruppe stets als Korrektiv wirkte, bedingen die beginnende Sesshaftigkeit und das aufkommende Bedürfnis nach Besitz kriegerische Auseinandersetzungen. Dabei ist Bregman schonungslos kritisch und benennt Entwicklungen ohne zu beschönigen, spart auch die Rolle von Staaten und Kirche und deren Einfluss auf das Individuum nicht aus. Zugleich greift er immer wieder die Geschichte hinter der Erzählung auf und ordnet in größere Zusammenhänge ein. Am Schluss bleibt eigentlich nur noch die Frage unbeantwortet: Wer profitiert von einem negativen Menschenbild und warum wollen wir eher an das Schlechte als das Gute im Menschen glauben?

Fazit: Ein beeindruckendes Zeugnis vom Guten im Menschen! Bregman macht an vielen Beispielen deutlich, woher der Glaube an das Schlechte im Menschen kommt und zeigt zugleich, warum dieser Glaube oftmals ein Irrglaube ist. Einordnend und zugleich kritisch spürt er dem Wesen der Menschheit nach und weckt dabei zugleich Hoffnung für eine bessere Zukunft…


[Werbung]

Hörbuch

Im Grunde gut von Rutger Bregman
Gelesen von Julian Mehne
13 Stunden 13 Minuten
Erschienen im Juni 2020
Argon Verlag

Buch

Im Grunde gut von Rutger Bregman
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrich Faure und Gerd Busse
480 Seiten
Erschienen August 2021
Rowohlt Taschenbuch

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.