"Identitti" von Mithu M. Sanyal
Rezension

Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion, Fiktion und Wirklichkeit: „Identitti“ von Mithu M. Sanyal

Mithu Sanyals erster Roman Identitti ist eine rasante Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität. Ich habe mich sehr gefreut, dass Identitti auf die Shortlist des deutschen Buchpreises 2021 kam!

Was ist schon Identität?

Es ist ein Skandal: Prof. Dr. Saraswati, Professorin für Postcolonial Studies in Düsseldorf, ist WEISS. Sie ist die Leitfigur jeder Debatte über Identität und wird allgemein als Person of Color wahrgenommen. Aufgebracht diskutiert das Netz über eine eventuelle Konstruiertheit von Identität und kulturelle Aneignung und erste Studierende fordern bereits Saraswatis Entlassung. Währenddessen sucht deren langjährige Studentin Nivedita nach Antworten – und findet doch nur weitere Fragen. Über Saraswatis alte und neue Identität, aber noch mehr über ihre eigene…

Gesellschaftliche Diskussion im Wandel

Zugegeben, der Anfang machte es mir nicht unbedingt leicht in der Geschichte zu versinken. Denn Nivedita, die als Identitti auf ihrem Blog über das Leben, Identität, aber vor allem Sexualität bloggt, hat einen ganz eigenwilligen Schreibstil. Besonders die Zwiegespräche mit der hinduistischen Göttin Kali, ob nun in Form von Blogbeiträgen oder als innere Mono-Dialoge, sind eine kleine Herausforderung. Aber davon ausgesehen birgt der Roman einen ganz eigenen Sog!

Als Saraswati, Niveditas großes Vorbild, 2020 als weiß entblößt wird ändert sich für Nivedita schlagartig ihre gesamte Welt. So gut wie alles, was sie über Postcolonial Studies und ihre eigene Identität zu kennen glaubt, hat sie von Saraswati gelernt. Wie viel davon kann wahr sein, wenn Saraswatis eigene Identität eine Lüge ist? Nivedita ist tief getroffen – und entschlossen Antworten von ihrem einstigen Vorbild zu erhalten. Während die meisten ehemaligen Studierenden von Saraswati ihrer Wut im Netz und bei Demonstrationen vor deren Haus freien Lauf lassen, klopft Nivedita bei Saraswati an die Tür.

Um Antworten zu erhalten, nimmt sie das Angebot Saraswatis an und zieht vorübergehend bei dieser ein. Doch statt eindeutiger Erkenntnisse wecken die Gespräche mit Saraswati in Nivedita nur immer neue Fragen – als würde Saraswati eine ihre berühmten theoretischen Vorlesungen halten und als wäre die öffentliche Diskussion nicht längst eine ganz untheoretisch persönliche. Denn die für Nivedita sehr persönliche Suche nach der eigenen Identität lässt sich nicht anhand akademischer Theorie beantworten. Und so treffen in den beiden Frauen zwei gänzlich gegensätzliche Positionen aufeinander: Nivedita empfindet die kulturelle Aneignung Saraswatis als äußerst schmerzlich, während Saraswati argumentiert, dass es bei einer, aus ihrer Sicht, so konstruierten und diffusen Größe wie Identität gar keine Aneignung geben könnte.

Der Roman lebt dabei von seinem Mix aus akademischer Debatte und allzu aufgebrachten Netzdiskussionen. Immer wieder werden die Gespräche im Hause Saraswati durch Interviewausschnitte, Tweets oder Stellungnahmen von verschiedenen Akteuren kultureller und gesellschaftlicher Debatten durchbrochen. In ihren mal mehr, mal weniger bekannten Twitter-Namen kann, wer selbst viel Zeit im Netz verbringt, ihre realen Bezugspersonen erahnen. Und schließlich lässt sich in der Danksagung nachlesen, welche realen Menschen auf Grundlage eines fiktiven Falles öffentliche Worte gespendet haben. So wird die öffentliche Debatte im Roman trotz ihrer Konstruiertheit zu einer beinahe wirklichen öffentlichen Debatte.

Mit voller Wucht treffen im Roman theoretische Diskussionen auf eine aufgebrachte Netzkultur und lassen die Frage stellen, wer eigentlich die öffentliche Debatte bestimmt: Die aufgebrachte Menge oder die Suche nach Antworten. In rasantem Tempo erzählt Sanyal von einer aufgepeitschten Suche nach der Wahrheit ebenso wie nach Wiedergutmachung. Und lässt dabei glatt vergessen, wie kurz der geschilderte Zeitraum ist und wie schnelllebig das im Netz vorherrschende Thema ersetzt werden kann. Was für ein packender Roman, ich hätte ihm den deutschem Buchpreis sehr gegönnt!

Fazit: Rasant erzählt und absolut am Puls der Zeit! Sanyal verknüpft akademische Debatten mit aufgepeitschten Diskussionen im Netz und balanciert dabei auf einem schmalen Grat zwischen Konstruktion, Fiktion und Wirklichkeit.


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Identitti von Mithu M. Sanyal
432 Seiten
Hardcover
Erschienen Februar 2021
Hanser Verlag

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