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Gesucht: Fiktionale Zimmerpflanzen

Heute mal ein Aufruf einer lieben Freundin, die Literatur für eine Masterarbeit sucht. Hinweise und Tipps gerne in die Kommentare oder per Mail an info[at]leseninleipzig.de, ich leite alles weiter!

Gesucht: Fiktionale Zimmerpflanzen

Sie sind stille Mitbewohnerinnen, das Grün im Hintergrund, ein Stück Natur in den eigenen vier Wänden und sie haben seit wenigen Jahren ein Revivial neuen Ausmaßes: die Zimmerpflanzen. Wer in den Sozialen Medien im Interior-Bereich oder in größeren Städten in neue, hippe Cafés oder gar Pflanzen-Pop-up-Stores unterwegs ist, der oder dem ist der „Urban Jungle“ ein Begriff. Viele Grünpflanzen exotische Herkunft in einem Raum, ungewöhnliche Formen, große Blätter, es wuchert von allen Seiten – und schon entsteht der Eindruck eines privaten kleinen Dschungels. Die Monstera beispielsweise ist eine der aktuellen Modepflanzen, die es gerade in die heimischen Wohnzimmer, aber auch auf allerlei Dekoartikel oder gar als Tattoomotiv auf die menschliche Haut geschafft hat.

Judah Guttmann @ Unsplash
(c) Judah Guttmann @ Unsplash

In meiner Masterarbeit „Im Zimmerdschungel – Pflanzenwildnis in privaten Räumen“ untersuche ich das (Social Media-) Phänomen kulturwissenschaftlich: Wann und wo hat die (neue) Zimmerpflanzenbewegung ihre Wurzeln? Was zeichnet diesen kleinen Dschungel aus im Gegensatz zu anderen Dschungel/Urwald/Regenwald-Narrativen? Welche Versprechen werden durch die Pflanzen transportiert? Wohlbefinden, bessere Luft, mehr Konzentration und Glück sind nur einige davon. Und was passiert dabei eigentlich mit uns und den Pflanzen selbst? Sind sie einfach nur Einrichtungsgegenstände oder neue Familienmitglieder, ein Trend, ein grüner Lifestyle oder rücken sie endlich aus dem Hintergrund in einen neuen Fokus und können unser angeschlagenes (?) Verhältnis zur Natur verändern?

Bisher habe ich mich durch Ratgeber, die gerade in den letzten vier Jahren wirklich zahlreich erschienen sind, Instagram, Pinterest und Pflanzenblogs gearbeitet. Nun suche ich die fiktionalen Zimmerpflanzen und versteckten Dschungel und Gärten im Innern. Denn in literarischen oder filmischen Verarbeitungen kann die Zimmerpflanze noch mal ganz anders beleuchtet werden: Sie kann für ein spießbürgerliches Umfeld stehen oder die traurigen letzten Reste der Natur in einer dytsopischen Zeit darstellen. Sich völlig unerwartet auftuende Pflanzenwildnis in Gebäuden, in denen man es nie erwartet hätte, führen Figuren an Wunder- und Sehnsuchtsorte. Mein Problem ist nun: Meist findet man die Zimmerpflanze oder den privaten Stadtdschungel nicht im Klappentext eines Buches. Kennt ihr Bücher oder Filme, in den Zimmerpflanzen oder verborgene Gewächshäuser/ Wälder/ Dschungel/ Gärten in Gebäuden und privaten Räumen vorkommen?

Brina Blum@ Unsplash
(c) Brina Blum @ Unsplash

Einige Beispiele zum Verdeutlichen:

In Hermann Hesses „Steppenwolf“ (1927) belustigt sich die Hauptfigur Harry Haller über die fein säuberlich gehaltenen Topfpflanzen seiner Nachbarin.

Im Film „Leon – der Profi“ (1994) und im Roman „1Q84“ (2010) von Haruki Murakami haben die jeweiligen Protagonist:innen, beide Auftragsmöder:innen, Zimmerfplanzen als beste Freund:innen bzw. einzige Familienmitglieder.

In „Die Pflanzen des Doktor Cinderella“ (1908) von Gustav Meyrink oder dem Musical und Film „Little Shop of Horrors“ (1960/1986) entwickeln die wahlweise würgenden oder fleischfressenden Pflanzen einen ungesunden Appetit auf ihre Pfleger:innen.

In „Wo die Wilden Kerle wohnen“ (1967), einem Kinderbuch von Maurice Sendak, verwandelt sich das Zimmer von Max plötzlich in eine Dschungelumgebung, die er erkundet bis er auf die Wilden Kerle, große Monster, trifft, ihr Anführer wird und am Ende wieder nach Hause zurückkehrt – wobei er sein Zimmer eigentlich nie verlassen hat.

Dabei bin ich für jeden Hinweis dankbar! Egal ob Kinderbuch, Fantasy, sozialkritischer Roman, Gruselgeschichte oder Pflanzenerotik (ja, die gibt es!). Wichtig ist nur, dass es Zimmerpflanzen und Dschungel IN Häusern und Wohnungen sind. Der Kinderbuch- und Filmklassiker „Der geheime Garten“ (1911)  von Frances Hodgson Burnett gehört also leider nicht dazu, denn der Garten ist ja draußen.

Über Hinweise und Gedanken von euch würde ich mich wahnsinnig freuen! Vielen Dank fürs Lesen bis hierher, alles Gute durch die Corona-Zeit und denkt an eure Pflanzen, wenn ihr welche habt.

Viele Grüße

Ida

Tattoo-grid.net_Monstera-in-a-jar
(c) Tattoo-grid.net: Monstera-in-a-jar

Für Pflanzenliebhaber:innen und wissenschaftlich weiter Interessierte:

Seit einigen Jahren gibt es auch in der Philosophie und den Literatur- und Kulturwissenschaften einen neuen Fokus auf Pflanzen. So hat sich 2016 das internationale Literary- and Cultural Plant Studies Network gegründet, an dem man sehen kann, dass Pflanzen mitnichten nur Thema für Botaniker:innen und ein paar wenige Liebhaber:innen sind. Oder wie es der Philosoph Emanuele Coccia in „Die Wurzeln der Welt“ ausdrückt:

Was die Welt ist, müssen wir von den Pflanzen erfragen – denn eben sie ‚machen Welt‘. Diese Welt ist für die allermeisten Organismen ein Produkt des pflanzlichen Lebens, Produkt der uralten Besiedelung unseres Planeten durch die Pflanzen. Nicht nur besteht der Organismus der Tiere vollständig aus den organischen Substanzen, die von den Pflanzen produziert wurden, sondern ’die höheren Pflanzen stellen 90 Prozent der eukaryotischen Biomasse der Erde dar’. Sämtliche Gegenstände und Werkzeuge, die uns umgeben, sind pflanzlichen Ursprungs (Nahrungsmittel, Möbel, Kleidung, Treibstoffe, Medikamente), vor allem aber ernährt sich sämtliches höheres (aerobes) Tierleben vom organischen Gasaustausch dieser Wesen (nämlich dem Sauerstoff). Unsere Welt ist ein pflanzliches Faktum, bevor sie zum tierischen Faktum wird.“ (S. 20f)

Spätestens seit sich der Klimawandel nicht mehr ignorieren lässt, wissen wir, dass wir ein neues Mensch-Natur-Verhältnis und -Denken brauchen und da lassen sich auch die grünen, vermeintlich stillen und imobilen Lebewesen nicht ausschließen. Und wer jetzt noch weiter lesen möchte, dem oder der kann ich Emanuele Coccia „Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen“, Bruno Latours Schriften und die Anthropozän-Debatte empfehlen.


Beitragsbild: (c) Brina Blum @ Unsplash

2 Kommentare

  • Jürgen Albers

    Ganz schnell und kurz: Im Film ‚V for Vendetta‘ nach dem gleichnamigen Comic pflegt der Innenminister des autoritäten Nordforse-Staates zuhause eine Orchideenzucht. Ob das auch im Buch so ist, kann ich gerade nicht überprüfen.
    LG, Jürgen

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