Rezension

Zwischen Selbstoptimierung und individueller Freiheit: „Das Ting“ von Artur Dzuik

Hinweis: Diese Rezension enthält grundlegende Spoiler den Aufbau des Romans betreffend. Es werden zwar keine detaillierten Geschehnisse geschildert, wer aber absolut spoilerfrei bleiben möchte, sollte diesen Text nicht lesen! Das Fazit ganz unten ist spoilerfrei….


Ein technisches Gerät, das Handlungsempfehlungen für ein besseres Leben gibt? Als ich von diesem Buch erfuhr, war ich sofort neugierig. Nachdem ich jedoch die ersten Seiten gelesen hatte, folgte eine große Enttäuschung. Trotz grandiosem Schreibstil und spannendem Thema, bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück…

Worum geht es in Das Ting?

Als die beiden Freunde Linus und Adam mit ihrem Leben in einer Sackgasse landen, gründen sie ein Start-up. Zusammen mit der Programmiererin Niu und dem Geschäftsführer Kaspar, wollen die beiden Jungunternehmer ein einzigartiges Tool entwickeln: Das Ting. Dieses soll körperbezogene Daten seiner Nutzer:innen sammeln, auswerten und auf dieser Grundlage Handlungs- und Entscheidungsempfehlungen geben. Keine Entscheidungen mehr treffen zu müssen, um zum perfekten Menschen zu werden, das klingt für die vier wie der Beginn einer neuen Welt. Die Idee schlägt in der Branche hohe Wellen – doch sie benötigen dringend Investoren. Und so beschließen die vier, ihr Tool persönlich zu testen und sich allen zukünftigen Empfehlungen des Tings zu verpflichten…

Warum habe ich 3 Monate für das Buch gebraucht, obwohl es doch so vieles richtig macht?

Die Grundidee des Buches ist so spannend! Was passiert, wenn einem alle Entscheidungen für das eigene Leben abgenommen werden? Entwickelt man sich zum perfekten Menschen? Und vermisst man die fehlende Freiheit überhaupt? Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, war ich wahnsinnig aufgeregt. Und obwohl der Schreibstil mir sehr zusagte, kam bereits nach wenigen Seiten die erste Ernüchterung. Denn der Klappentext, der mich so begeistert hatte, gibt das Buch dann doch nicht so akkurat wieder. Stattdessen werden sehr umständlich die vier Figuren eingeführt, es werden familiäre Probleme geschildert und es wird auf die im Klappentext angekündigte Situation hingearbeitet. Das alles auch wirklich nicht schlecht gemacht, nur leider völlig abseits meiner Erwartungen. Erst auf Seite 202 (!) kommt es zu der den Klappentext abschließenden Situation. Und darauf zu warten, während man geduldig weiterliest, war gelinde gesagt mühselig.

Insgesamt ist die Entwicklung des Romans sehr gut aufgebaut. Die familiären Probleme der vier Freunde waren mir zwar stellenweise zu ausführlich, sie sind aber notwendig für das geschilderte Dilemma: Im Streben nach Optimierung treibt das Ting seine vier Nutzer:innen zur Aufgabe von persönlichen Beziehungen an. Ob nun die Trennung von der Freundin oder der Kontaktabbruch zur Familie, immer wieder stellt sich die Frage, ob die Empfehlungen des Tings wirklich richtig für das Individuum sind. Auch die Schilderung der Start-up-Szene und der modernen schicken Arbeitswelt waren sehr realistisch und tun ihr übriges um den Roman abzurunden. Was die Figuren angeht habe ich mit der Programmiererin Niu, die ihr Leben am liebsten einfach und messbar hätte, und Kaspar, der sich als einziger moralische und ethische Fragen über die Macht des Ting stellt, zwei eindeutige Favoriten. Leider kamen mir beide im Vergleich zu Linus und Adam zu kurz.

Generell finde ich es schade, dass das Hinterfragen des Tings ein wenig in den Hintergrund rückt. Diese Leerstelle müssen die Leser:innen selbst füllen, auch wenn erste Ansätze zur Reflektion von den einzelnen Figuren geäußert werden. Insgesamt eine gelungene Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz, angestrebter Perfektion und persönlicher Selbstoptimierung. Alleine dafür lohnt sich die Lektüre!

Fazit: Künstliche Intelligenz meets Selbstoptimierung! Vier Freunde gründen ein Start-up und entwickeln ein erstaunliches Tool. Eigentlich ein Roman über freie Entscheidung und persönliche Probleme. Dennoch sehr lesenswert!

P.S.: In QualityLand gibt ein Konzern Empfehlungen für Kaufentscheidungen. Im Gegensatz dazu wirkt das Ting auf den ersten Blick eher nutzerfreundlich. Erst bei näherem Hinsehen springen die Dimensionen ins Auge und es gruselt einen ein wenig…


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Das Ting von Artur Dziuk
464 Seiten, Hardcover
erschienen September 2019
bold

Dieses Buch habe ich vom Verlag kostenfrei zur Besprechung erhalten.
Herzlichen Dank!

8 Kommentare

  • Tina

    Hallöchen Jenny,

    „Das Ting“ war ja auch so ein Bold-Buch, das die Runde gemacht hat. Ich lese selten Bücher, die mit KI zu tun haben. Allerdings erscheinen KI und Selbstoptimierung immer zusammenzugehören. Ich sage nur „Schöne neue Welt“. Diese Bücher kommen immer wieder und regen zum nachdenken an bzw. sollten sie es auch.
    Manchmal fehlt mir die emotionale Ebene in diesen Geschichten oder es wirkt skurill,
    „Qualityland“ liebt bei mir noch auf dem SUB… Ach ja, was ich alles noch dringend lesen will.

    Liebe Grüße
    Tina

    • Jennifer

      Hi Tina,
      diesmal hab ich mir tatsächlich Zeit genommen für deinen Kommentar, weil ich erst einmal darüber nachdenken musste.

      Ja, das Ting hat ordentlich die Runde gemacht. Deshalb war es für mich umso frustrierender, dass ich so schlecht rein kam. Es stimmt auch, dass Selbstoptimierung und KI oft zusammen auftauchen. Ich frage mich, ob dass daran liegt, dass wir uns im Angesichts von KI noch weiter optimieren möchten, um mithalten zu können. Andererseits ist Selbstoptimierung auch irgendwie omnipräsent. Schon alleine jetzt in der Krise: Wie viele nutzen die „freie Zeit“ daheim um schnell noch ne Sprache zu lernen oder irgendwas anderes tolles zu machen. Statt einfach mal froh über die freie Zeit zu sein…

      Qualityland hatte ich auch gelesen. Das fand ich tatsächlich um einiges skuriller als das Ting, weil Kling ja auch zwanghaft lustig sein muss. Es war trotzdem kein schlechtes Buch, aber das Ting fand ich emotionaler. Ich kann dir das Ting gerne leihen, wenn du das irgendwann einmal möchtest 🙂 Kannst dich ja einfach melden!
      Ansonsten kann ich aber auch verstehen, wenn man mit dystopischen Sachen nichts zu tun haben will. Gerade in den aktuellen Zeiten brauche ich auch eher seichte oder aufmunternde Stoffe…

      Liebe Grüße
      Jennifer

  • Tina

    Hallöchen Jenny,

    ich glaube nicht, dass ich „Das Ting“ lesen möchte, aber danke, wie immer, für das Angebot.

    Zum Thema Selbstoptimierung: Ich denke, der Mensch braucht immer eine Motivation, um das Anzustreben. Hat er das nicht, wird er auch nicht anfangen einen neue Sprache zu lernen, wenn er Zeit dazu hat 😉

    Viele Grüße
    Tina

    • Jennifer

      Hallo Tina,
      das kann ich nachvollziehen, aber das Angebot gilt unbegrenzt und ich wollte es zumindest aussprechen.

      Grundsätzlich stimme ich dir natürlich zu und Selbstoptimierung schadet ja auch nicht per se. Nur wenn sie maßlos geschieht ist sie negativ, wie beinahe alles andere auch! Und ich finde sich zwanghaft immer weiter zu optimieren, unter persönlichem Stress, jetzt nicht unbedingt erstrebenswert 😉
      Aber das ist wohl auch eine Frage der eigenen Lebenssituation und ändert sich immer wieder…

      Liebe Grüße
      Jennifer

  • LeseWelle

    Hallo Jennifer!
    Ich mochte das Buch sehr gerne lesen und gerade weil die Charaktere so ausführlich beschrieben wurden gefiel es mir sehr gut. Klar, ich kann deine Kritik verstehen, das Ting gerät ein wenig in den Hintergrund, aber genauso fand ich es gut.
    Außerdem fand ich es gut, dass man am Ende keine „Lösung“ vom Autor geliefert bekommt, sondern mich hat das Buch sehr nachdenklich gestimmt.
    Wenn meine Rezension Ende des Monats kommt, werde ich deine aber gerne verlinken. 🙂
    Liebe Grüße
    Diana

    • Jennifer

      Liebe Diana,

      was die Charaktere angeht: Die und ihre Entwicklung mochte ich ja auch. Und eigentlich ist es auch ganz passend, wenn im Mittelpunkt eben nicht die Technik steht, sondern die Menschen und ihre Gefühle und auch ihr Umgang mit der sich entwickelnden Technik. Wahrscheinlich war meine Erwartungshaltung einfach falsch 🙂
      Ich war am Ende auch sehr nachdenklich, das fand ich auch super!
      Liebe Grüße
      Jennifer

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