Rezension

Vielschichtig und gnadenlos: „Swing Time“ von Zadie Smith

Da ich heute Morgen tatsächlich zwei Stunden vor meinem Wecker wach wurde, nutze ich die Gelegenheit und stelle euch eines meiner absoluten Lese-Highlights der letzten Monate vor:

Swing Time von Zadie Smith

Eine Geschichte über Freundschaft und unterschiedliche Chancen im Leben: Als Tracey und die namenlose Ich-Erzählerin sich beim Tanzunterrichtung kennen lernen, fühlen sie sich sofort voneinander angezogen. Ihre Leidenschaft für Tanz und für Musicals verbindet sie und schafft eine Freundschaft, die Jahre überdauert. Aber unterschiedliche Lebenswege trennen die einstigen Freundinnen. In unzähligen kleinen Szenen erzählt Zadie Smith von persönlicher Weiterentwicklung und von erreichten und misslungenen Träumen.

Über Freundschaft und Bildungschancen

Es ist einfach fesselnd, wie Zadie Smith in ruhigem und fast schon melancholischem Ton erzählt und dabei einen ganzen Strauß an Themen miteinander verwebt. Besonders hervorzuheben ist dabei ihre präzise Erzählweise, bei der jedes Wort und jeder Punkt sitzt und beinahe prophetische Bedeutung erhält. Knapper können Geschehnisse nicht erzählt werden und Gedanken nicht ausformuliert werden, aber dennoch schafft es Smith, dass sich jedes einzelne Kapitel beinahe wie eine ganze eigene Geschichte anfühlt. Dabei entblättert die Autorin die Geschichte stückweise, sodass man als Leser:in immer tiefer in ihre Welt hineingezogen wird. Auf zwei Zeitebenen erzählt sie von den Lebenssituation der beiden erwachsenen Frauen und ihrer kindlich-jugendlichen Träume. Welche Entscheidungen, welche Handlungen, welche Gründe führten die beiden so ähnlichen Mädchen zu ihrer heutigen Situation?

Doch am Ende ist Swing Time keine Geschichte über Freundschaft, auch wenn dies anfangs so wirken möchte. Es ist eine vielschichtige Geschichte über persönliche Entwicklung und Einflüsse der Gesellschaft. Im Fokus steht dabei die namenlose Erzählerin, denn sie begleiten wir durch ihren Alltag. Den Traum vom Tanzen hat sie aufgrund mangelnden Talents und fehlender Disziplin längst aufgegeben, stattdessen führt sie als Assistentin der weltbekannten Sängerin Aimee ein zwar anstrengendes, aber doch glamuröses Leben. In vielen, vielen kleinen Kapiteln werden Themen wie Rassismus, Klassengesellschaft, Bildungsungerechtigkeit, aber auch Feminismus und Emanzipation gestreift. Dabei ist die namenlose Erzählerin keinesfalls so reflektiert wie sie von sich selbst behauptet und allzu oft ist sie selbst diejenige, deren Verhalten man kritikwürdig nennen könnte. Besonders augenscheinlich wird dies bei ihren Afrika-Besuchen, wenn komplexe Themen der Entwicklungshilfe durch ein spontanes und einer Laune heraus folgendes Schulaufbau-Projekt von Aimee konterkariert werden, welches die Erzählerin mit viel Pathos und absolut fehlender Reflektion für ihre eigene Unpassenheit betreut.

Nicht durch eine tragende Handlung, die sowieso weitgehend in den Hintergrund tritt, sondern durch seinen Erzählstil und die Komplexität seiner Themen ist Swing Time ein Buch für lange Leseabende. Die Figuren hallen noch lange nach dem Lesen nach und regen zum Nachdenken über den eigenen Blick auf die Welt nach. Ein Buch, vielleicht nicht geeignet für laue Sommerabende, aber auf jeden Fall für den nächsten Herbst oder Winter und geeignet für ein gemeinschaftliches Leseprojekt!

Fazit: Ein melancholisches Buch über persönliche Entwicklung und fehlendes Reflektionsvermögen. Smith erzählt präzise und eng verwoben, wodurch ein vielschichtiges Bild von Figuren und Situation entsteht. Eine Geschichte für lange Leseabende und eine absolute Empfehlung!


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Swing Time von Zadie Smith
übersetzt von Tanja Handels
erschienen 17.08.2017
Handcover, ebenfalls erhältlich als Taschenbuch
640 Seiten
Kiepenheuer & Witsch

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