Rezension

Über Migration, Integration und innere Zerrissenheit: „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ von Karosh Taha

Obwohl ich die ersten Seiten sehr verschlungen hatte, lag Die Beschreibung einer Krabbenwanderung danach lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Dabei hatte ich Karosh Taha bereits auf dem Litcamp 2018 erlebt und war eigentlich sehr angetan von ihr und ihrem Roman. Mit frischem Kopf und an einem entspannten Abend habe ich mich noch einmal neu herangewagt – und das Buch fast in einem Rutsch verschlungen. Wäre ich abends nicht so müde gewesen, ich hätte einfach bis weit nach Mitternacht weitergelesen…

Worum geht es im Buch?

Mit ihrer Familie lebt Sanaa in einer Plattenbausiedlung. Sie studiert, hat einen Freund, den sie ihren Eltern nicht vorstellen kann, einen Liebhaber und träumt vom Ankommen in ihrer neuen Heimat. Wäre da nicht die alte Heimat, die sie immer wieder ruft: In Gestalt ihrer Mutter Asija, die in der Wohnung leidet und diese kaum verlässt, ihrem Vater Nasser, der der Wohnung wann möglich entflieht, der Schwester Helin, die von Tante Khalida in alte Traditionen gedrängt wird und sich nicht zu wehren vermag. Sanaa kämpft gegen Zwänge und Traditionen an und kann ihnen dennoch nicht entfliehen, denn auch die Nachbarschaft und die Verwandtschaft im Irak haben ein waches Auge auf sie.

Ein sprachgewaltiger Rausch!

Wenn an diesem Debüt eines erwähnenswert ist, so ist es die fantastische Sprache! Karosh Taha schreibt poetisch und kraftvoll, mit vielen sprachlichen Bildern. Das macht ihre Sprache besonders, allerdings musste ich mich gerade zu Beginn ein wenig in die Tonalität einfinden. In der Bahn hätte ich den Roman wohl nicht lesen können. Nach dieser ersten Eingewöhnung haben Sanaa und ihre Familienmitglieder mich jedoch vollständig in den Bann gezogen. Sanaas Probleme sind in weiten Teilen die einer jungen Frau, die sich von ihrer Familie lösen und eine gewisse Eigenständigkeit entwickeln möchte. Dazu kommt noch der familiäre und kulturelle Hintergrund, der ihr Ablösen nahezu unmöglich werden lässt. Und obwohl Sanaa eine starke Figur ist, kann sie sich dagegen doch nicht behaupten. Sie sehnt sich nach einem Wandel, nicht nur für sich selbst sondern auch für ihre gesamte Familie. Dieser Wandel muss jedoch zwangsläufig fehlschlagen, da die älteren Familienmitglieder noch an ihrem alten Heimatland und in ihren kulturellen Mustern festhängen. Damit zeichnet Taha einfühlsam und nachvollziehbar den Spagat zwischen Generationen aber auch Traditionen nach, wenngleich ihr Werk natürlich stark literarisiert ist.

Das Motiv des Krebses hat sich mir anfangs gar nicht erschlossen, zum Ende hin fühlte ich mich selbst wie zwischen Sand zerrieben: Während Sanaas harte Schale sie nur bedingt schützt und der weiche Kern sich dem Leser immer mehr entblößt, tritt die Handlung fast in den Hintergrund. Das ‚was‘ spielt gar keine Rolle mehr, während Gefühle, Wünsche und Sehnsüchte immer stärker werden. Und zum Ende schließt sich der Kreis, wenn die letzten Worte schon wieder einen ganz neuen Romananfang entfachen…

Fazit: Ein sprachgewaltiger Roman über Migration, (fehlgeschlagene) Integration, Heimat und den Spagat zwischen zwei Kulturen! Einfühlsam und eindrücklich, eine absolute Leseempfehlung…


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Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha
237 Seiten, Hardcover
erschienen im März 2018
Dumont Buchverlag

Dieses Buch habe ich kostenfrei vom Verlag erhalten!
Herzlichen Dank