Rezension

„Supercrash: Das Zeitalter der Selbstsucht“ von Darryl Cunningham | Graphic Novel

Ausgehend von der Finanz- und Immobilienkrise von 2008 beleuchtet Darryl Cunningham in Supercrash die Verknüpfungen zwischen ungezügelter Finanzwirtschaft, der Philosophie des Individuellem über die Gemeinschaft und deren fataler Folgen. Kein einfaches Thema für eine Graphic Novel, aber ein lehrreicher Blick auf zentrale Akteure hinter den Geschehnissen und deren Denkweisen. Dabei lernt man nicht nur etwas über Amerika, sondern gleichsam über den Wunsch nach ungezügelter Freiheit allgemein.

Ayn Rand, der Crash und das Zeitalter der Selbstsucht

Im ersten Abschnitt der Graphic Novel zeichnet Cunningham die Biographie von Ayn Rand nach. Mit ihrer Philosophie des Objektivismus hat sie die amerikanisch politische Rechte enorm beeinflusst. Ihre Schüler nahmen später Schlüsselrollen bei der Ausgestaltung der Gesetze ein, die den Handel mit Derivaten und die daraus resultierende Spekulationsblase, die zur Immobilienkrise führte, erst ermöglichten. Der amerikanische Bankensektor und die Hypothekenbranche werden im zweiten Abschnitt ausführlich untersucht. Dieser Abschnitt setzt keinerlei Finanzwissen voraus, da sämtliche Prozesse und Begrifflichkeiten vorgestellt werden. So werden auch komplexe Themen für Laien verständlich. Im letzten Abschnitt schließlich analysiert Cunningham die nach der Finanz- und Immobilienkrise herrschenden gesellschaftlichen Denkmuster: Die Stärken und Schwächen sowohl des konservativen als auch des linken Denkens werden vorgestellt, zudem wird die Wirkung des schwindenden Einfluss der Linken analysiert. Hierbei wird noch einmal auf Rands Philosophie zurückgegriffen, indem der Einfluss von Moralvorstellungen auf Politik und Ökonomie verdeutlicht wird…

Finanzgeschichte in Bildern?

Mit Supercrash ist Cunningham ein beeindruckendes Unterfangen gelungen: Verständlich und umfassend beleuchtet er die jüngsten Entwicklung der amerikanischen Finanzwirtschaft. Die drei Abschnitte der Graphic Novel behandelt für sich getrennt einzelne Themenkomplexe, wobei diese sich schlussendlich miteinander verknüpfen. Besonders mit dem ersten Abschnitt über Ayn Rand tat ich mich beim Lesen schwer. Rand begründete eine Philosophie des Egoismus, die sich mir nur schwer erschließt. Sie stellte die Freiheit des Individuums über alles und sah in der kapitalistischen Marktwirtschaft ein Moralsystem, das diejenigen, die sich nicht genug anstrengten, folgerichtig mit Armut bestrafte. Hier bemerkt man schon welchen Einfluss moralische Ansichten über die Welt Einfluss auf die Ausgestaltung des Wirtschaftssystems haben. Ausführlich erklärt Cunnigham Theorien und Denkmuster und zeigt deren Einfluss auf spätere Entwicklungen auf. So lernt man nicht nur die amerikanische Gesellschaft kennen, sondern kann direkte Vergleiche zum eigenen Moralverständnis ziehen. Die Zeichnungen haben die komplexen Themen aufgelockert, auch wenn man kritisch sagen muss, dass es eigentlich keine Bilder zur Erzählung gebraucht hätte. Vor allem die eher theoretischen Abschnitte hätten sich eigentlich gänzlich ohne erzählen lassen. Allerdings lockern die fast schon groben Zeichnungen die Komplexität auf und bringen so vielleicht mehr Menschen dazu, sich mit dem Inhalt zu beschäftigen. Bei mir wurde diese Wirkung auf jeden Fall nicht verfehlt!

Fazit: Finanzwirtschaft zwischen individueller Freiheit und Einschränkungen zugunsten der Gemeinschaft: Darryl Cunningham rollt mit seiner Graphic Novel die Finanz- und Immobilienkrise von 2008 auf und vermittelt gleichermaßen Wissen über jüngste amerikanische Philosophie und die Ausgestaltung des amerikanischen Wirtschaftssystems. Ein beeindruckendes Werk!


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Supercrash. Das Zeitalter der Selbstsucht von Darryl Cunningham
aus dem englischen von Thomas Pfeiffer
erschienen 2016
246 Seiten
Hanser

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