Rezension

[Rezension] Über die Schattenseiten von öffentlicher Aufmerksamkeit: „Ein wirklich erstaunliches Ding“ von Hank Green

Gemeinsam betreiben John und Hank Green den YouTube-Kanal vlogbrothers. John Green ist bereits bekannt in Deutschland, beispielsweise durch den Roman Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Nun veröffentlicht auch sein Bruder seinen ersten Roman und dtv erwartet sich wohl zurecht gute Verkaufszahlen!

Zuerst einmal muss ich jedoch gestehen, dass ich John und Hank Green zwar dem Namen nach kannte, aber weder ihre Videos schaue noch auch nur einen einzigen Roman von John Green gelesen habe. Thematisch sprachen mich diese bisher einfach nicht an. Der Erstling von Hank Green dagegen machte mich mit seiner Thematik sofort neugierig: Wie verändert sich der Mensch, wenn er plötzlich ins öffentliche Interesse gerückt wird?

Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green

Als die junge Frau April May nachts in den New Yorker Straßen eine riesige Roboterstatue trifft ist sie sofort fasziniert. Sie ruft ihren Freund Andy herbei und gemeinsam drehen sie ein kurzes Video über das Kunstobjekt und stellen es auf YouTube. Als April am nächsten Tag erwacht ist ihr Video – und ihr Gesicht – weltweit bekannt. Über Nacht tauchten die Carls, wie April sie nennt, in zahlreichen Städten auf der ganzen Welt auf. Und während sich alle Fragen, worum es sich nun handelt, begibt sich April in ein Spiel um öffentliche Aufmerksamkeit und Meinungsmacht.

Über das Leben  in der Öffentlichkeit

April May erzählt rückblickend über das Auftauchen der Carls und die folgenden Ereignisse. Man bekommt als Leser immer wieder Eindrücke davon, wie berühmt sie wirklich geworden ist, wenn sie über weltweit bekannte Videos spricht und die Ereignisse um die Entstehung dieser Videos offenlegt. Vor allem kann man jedoch verfolgen, wie sie selbst sich entwickelt angesichts der Aufmerksamkeit, die ihr nach den Ereignissen entgegengebracht wird.

„Ich mache mir Sorgen, weil ich glaube, dass wir uns gerade erst an die Auswirkungen gewöhnt haben, die die sozialen Medien auf uns haben. Und zwar sowohl in gesellschaftspolitischer als auch emotionaler Hinsicht und überhaupt unser ganzes Miteinander betreffend. Ich meine, schon vor der Sache mit den Carls hat das Internet uns nicht gerade enger zusammengeschweißt, oder?“

Ein wirklich erstaunliches Ding, Seite 215

Dabei entwirft Green ein allzu realistisches Bild von öffentlicher Aufregung und dem Kampf um die richtige Meinung in einer Sache. Die Handlung entwickelt sich sehr schnell, gleichzeitig hat man durch die Perspektive durch Aprils Augen sehr viele innere Gedanken und Entwicklung von ihr. Aber gerade dadurch, dass sie sich mit und vor dem Leser reflektiert und dabei auch einiges über ihre Welt offenbart, erhält man vielfache Einblicke in die Schattenseiten einer gesteigerten öffentlichen Aufmerksamkeit. April wird quasi über Nacht zur Person öffentlichen Lebens und sie weiß diese Tatsache zu nutzen. So beginnt sie sich selbst und die Geschichte immer stärker zu vermarkten, bis sie sich irgendwann fragt, ob sie um ihrer selbst Willen in Talkshows sitzt oder weil sie eine Meinung hat, die sie der Welt mitteilen möchte. Hier fand ich besonders ihre Einsicht spannend, dass ihr schlichtweg die Erfahrung und das Wissen fehlen, sich zu verschiedenen Themen zu äußern. Aber auch ihre Social Media-Nutzung reflektiert May unglaublich stark:

„Ich war süchtig – nach der Aufmerksamkeit, der Empörung und dem konstanten Erregungszustand, in den es mich versetzte, Schlüsselfigur eines Ereignisses von so historischem Ausmaß zu sein, aber in erster Linie war ich schlicht und einfach süchtig.“

Ein wirklich erstaunliches Ding, Seite 374

Anfangs irritierte mich diese starke Reflexion ein wenig, da ich mir dachte, dass sie schon sehr, sehr reflektiert ist, dafür, dass sie sich gleichzeitig an einen imaginären Leser ihrer Welt richtet. Doch mit der sich entwickelnden Handlung wird deutlicher, warum May so offen und auch kritisch über ihre eigene Person spricht.

Die Handlung des Romans reicht schlussendlich bis in Science Fiction-Bereiche hinein, obwohl der Fokus doch sehr auf der Entwicklung von April liegt. Die Erzählung entwickelt durch die Perspektive und Aprils Vorausdeutungen ein enormes Tempo, dennoch bleibt das Buch bis zur letzten Seite fesselnd, weil es immer wieder Wendungen gibt, die man nicht vorhersieht. April bleibt dabei durchweg sympatisch, auch wenn sie  mitunter egoistisch handelt. Ich mochte viele Grundaussagen des Buches sehr und habe mir einige Stellen markiert. Empfehlen werde ich das Buch daher garantiert noch öfter!

Fazit: Spannender Mix aus Dystopie und SciFi mit Fokus auf der Nutzung Sozialer Medien. Eine reflektierte Erzählung über die Entwicklung einer jungen, teils egoistischen Frau, die unvorhergesehen ins Licht der Öffentlichkeit tritt. Lesenswert!


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Ein wirklich erstaunliches Ding von Hank Green
448 Seiten, 22 Euro
erscheint am 28. Februar 2019
dtv

Herzlichen Dank an Vorablesen und dtv für das Exemplar!

7 Kommentare

  • Arwen1234

    Hey,

    die Bücher von John Green habe ich alle verschlungen doch dass sein Bruder auch schreibt, wusste ich nicht. Du hast mich mit deiner Rezension echt neugierig gemacht. 🙂

    • Jennifer

      Hallo Arwen,
      Hank Greens Buch ist ja auch noch ganz frisch quasi und erscheint erst am 28. Februar in Deutschland. In Amerika ist es, meine ich, letztes Jahr erschienen.
      Falls du es lesen wirst, wünsche ich dir viel Spaß damit!
      Viele Grüße
      Jennifer

  • Nicole

    Das Buch kannte ich bis dato noch gar nicht, auch die Person dahinter nicht. John Green ist mir zwar geläufig, aber von ihm habe ich eher die Verfilmungen geschaut ,die mich immer sehr berührt haben, in Buchform war das nichts für mich. Der Debutroman seineS Bruders klingt aber eher nach meinem Geschmack. Ist ja auch ein sehr aktuelles Thema und somit kann man da wundervoll Gesellschaftskritik einbauen und wenn das dann noch mit SciFi und Dystopischen Elementen verbunden wird, umso besser. Muss mir das Buch gleich auf meine Wunschliste setzen. Danke für die tolle Kritik und den Tipp.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Jennifer und entschuldige, dass ich nun so lange zum Antworten gebraucht habe. Ich finde den Film auch nicht komplett schlecht, der war schon unterhaltsam, ich hätte mir halt nur noch etwas mehr realistische Untertöne gewünscht, aber trotzdem ist es super, dass durch den Film zum ersten Mal eine homosexuelle Hauptfigur im Mainstream Kino zu finden war. Das darf man dann nicht unterschützen. Da ich halt nur selbst Freunde habe, die Homosexuell sind, betrachte ich das halt alles noch einmal aus einem anderen Standpunkt ,aber es ist nichts schlimm daran, wenn man Film und Buch toll findet und Spaß daran hat ;). Lass dir den auch nicht nehmen.

    • Jennifer

      Liebe Nicole,
      gar kein Problem, du merkst ja selbst, dass ich auch nicht sofort antworte.
      Greens Buch erscheint übrigens heute und dtv lässt als Marketing-Aktion in einigen großen Städten Bücher austeilen, also schau doch mal, ob deine auch dabei ist 😉

      Bei „love, Simon“ geb ich dir Recht: Es hätte durchaus noch realistischer und kritischer sein können. Aber wenn man sich anschaut, wie „the hate you give“ gerade nicht mal in die Kinos kommt, manchmal nur eine Vorstellung gezeigt wird, dann finde ich es wahnsinn, wie gut der Film allgemein angenommen wurde!
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • Lili

    Hey 🙂

    Vorab: Ich habe deine Rezension nicht gelesen (bis auf die Einleitung), da ich das Buch gerade selber für den dtv testlese und da möglichst unbeeinflusst bleiben sollte. Außerdem erscheint das Buch ja erst morgen. Ich selber habe „Margos Spuren“, „Eine wie Alaska“ und „Schlaft gut ihr fiesen Gedanken“ gelesen und „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ als Film gesehen, ich WEIß also, was John Green für ein Talent ist. Und er schreibt. VERDAMMT gut. Deswegen kann ich dir nur zustimmen, dass es für Hank Green nicht unbedingt super ist im Schatten seines Bruders zu stehen. Irgendwie kann er einem ja schon leid tun. Wer weiß, vielleicht war es ja ursprünglich SEIN Traum Schriftsteller zu werden.
    Sorry für einen langen und unnötigen Text. Ich bin nur so froh, dass das Buch jetzt erscheint und ich mich endlich mit jemandem austauschen kann. Irgendwie kann man ja kaum vermeiden, dass die große Diskussion noch kommen wird, oder?

    Liebe Grüße zum zweiten Mal

    Lili

    • Jennifer

      Liebe Lili,
      ich finde deinen Kommentar gar nicht unnötig 😀
      Wir reden viel zu oft nur über den Inhalt von Büchern und vergessen das ganze drumherum. Ich habe noch gar nicht so daran gedacht, wie es für die beiden Brüder wohl gewesen sein mag. Ich dachte nur, dass John Green seinem Bruder bestimmt viele Tipps geben konnte, aber du hast natürlich recht, dass es sicher auch nicht einfach für die beiden war!
      Ich wünsche dir noch ganz viel Spaß beim Lesen und lass mich gerne wissen, wie du das Buch fandest!
      Liebe Grüße
      Jennifer

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