Rezension

[Rezension] „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ von Rachel Joyce

Als ich dieses Buch auspackte und meinem Freund zeigte, meinte er direkt: „Schön, da geht’s um Musik. Aber das ist ein Liebesroman, oder?“ Ich verneinte direkt und meinte, es ginge um einen Ladenbesitzer und um Musik, aber es sei keine Liebesgeschichte. Eigentlich war ich mir dessen ziemlich sicher, dabei hatte ich noch nie etwas von Rachel Joyce gelesen. Wie es sich herausstellte, hatte ich unrecht.


Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie

Frank führt einen kleinen Plattenladen und findet für jeden die richtige Musik. Für jeden? Eines Tages erscheint eine junge Frau in seinem Laden, doch dieses Mal kann Frank nicht in sie hineinhören, um ihr zu sagen, welche Musik sie glücklich machen wird. Und damit stürzt ihn die Begegnung in ein Gefühlschaos, dem er sich nicht entziehen kann. Je mehr er von Ilse erfährt, desto weniger kann er sie vergessen. Aber ist er bereit für eine Beziehung, er, der bisher jede Beziehung sorgsam vermied?


Rührend, gemächlich und musikalisch

Die Geschichte plätschert sanft vor sich hin, ich mochte die ruhige Erzählweise von Joyce sehr gerne. Frank wirkt wie ein gutmütiger und herzensguter alter Bär, der sich in seinem Plattenladen vor der Welt versteckt. Warum, dass erfährt der Leser erst nach und nach in Rückblicken auf die Beziehung zwischen Frank und seiner Mutter. Gerade diese Rückblenden mochte ich besonders, denn neben der Beziehung erfährt man allerlei musikalisches Hintergrundwissen, dass ich in mich aufgesogen haben. Was mich ernsthaft überraschte, war, dass ich nach einer Weile bemerkte: Frank ist wesentlich jünger als ich ihn mir zuerst vorgestellt hatte. Ob es nun die Beschreibung als tapsiger Mann war oder die altertümliche Art sowie Nostalgie-Liebe, in meinem Kopf stellte ich mir Frank als etwas älteren Herren vor. Ich war überzeugt, mit ihm gemeinsam auf sein Leben zurückzublicken, dabei entpuppte er sich plötzlich als junger Mann mit reichlich wenig Erfahrung über Frauen. Da half auch sein Zigarettenrauchen nichts – wäre es wenigstens Pfeife gewesen, passend zu seiner Liebe für Altes – ihn gedanklich zu verjüngen, zu unattraktiv finde ich rauchende Figuren. Dies alles irritiere mich nachhaltig, ebenso wie die rasch aufblühende Liebesgeschichte mit Ilse, die ja eigentlich noch einen Verlobten hatte.

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Da hat der Klappentext ausnahmsweise einmal sogar zu wenig verraten, denn ich wurde völlig überrascht! Nicht, dass mich eine Liebesgeschichte generell stören würde, in diesem Falle fand ich sie aber oft allzu unpassend. Andere interessante Figuren wie die Tätowiererin Maud, die ebenfalls in Frank verliebt ist, der Jungspund Kit oder der gutmütige ehemalige Pfarrer wurden leider von der Liebesgeschichte zu stark an den Rand der Geschichte gedrückt. Und auch das Alleinstellungsmerkmal, Franks fabelhaftes Talent für Musik, kann sich nicht recht entfalten: In den Musikstunden, die Frank Ilse gibt, sind die beiden so nervös, dass mir zu oft schrilles Lachen oder andere Übersprungshandlungen ausbrachen, dies beraubte mich der Freude an den gelungenen musikalischen Beschreibungen. Denn hier liegt die klare Stärke des Romans: Nicht nur Faktenwissen, sondern eine Liebe und ein Verständnis von Musik werden durch Frank vermittelt, die herzergreifend sind. Oftmals können sich dem auch Randfiguren wie eine Kellnerin nicht entziehen: Frank schleicht sich in die Herzen von allen, auch den Lesern. Für diese Erzählung hätte es keiner Liebesgeschichte bedurft – und wenn, dann einer anderen.

Fazit: Wundervolle Passagen über Musik, das Musik-Hören und interessantes Wissen über die Musikgeschichte, herzliche Figuren und drollige Ladenbesitzer, für diesen Roman war die Liebesgeschichte überflüssig! Ein leichtes Buch für gemütliche Stunden 🙂


Was denkt ihr?

Habt ihr Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie bereits gelesen? Wart ihr insgesamt zufrieden?

Welche anderen Romane von Rachel Joyce sollte man unbedingt noch gelesen haben?

 


Andere Stimmen

Rachel Joyce hat in mir genau das ausgelöst, was Mister Franks Kunden erleben, wenn er ihnen Musik empfiehlt: sie hat die richtigen Töne getroffen, die Melodie in mir geweckt, die darauf wartete abgeholt zu werden. – Nanni von Fantasie & Träumerei

Liest man Rachel Joyces Buch „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ als Wohlfühlbuch, das in die Magie der Musik einweiht, so kann man es mit großem Gewinn lesen. Darüber hinaus allerdings hat das Buch recht wenig zu bieten und wirkt recht unsolide zusammengekleistert. – Thomas von Bücherbar

Ein Buch für alle, die sich vielleicht ein wenig traurig oder melancholisch fühlen – „Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie“ schenkt Trost und Hoffnung. – Sonja von Buchweiser

Neben interessanten Ausfügen in die Vergangenheit, in der auch über die Erlebnisse der Komponisten gesprochen wird, hat der Roman leider nicht sehr viel Inhalt. – Gabriela von Lesen und Hören

Es ist eine emotional berührende Erzählung durch mancherlei Hochs und Tiefs des Lebens. – Ingrid von Buchsichten

–> System ganz frech von Nela geklaut 🙂

Hier geht’s zum Buch

Mister Franks fabelhaftes Talent für Harmonie von Rachel Joyce
S. Fischer Verlag
384 Seiten, 19,99 Euro
ISBN 978-3-8105-1082-2

Herzlichen Dank an den S. Fischer Verlag und LovelyBooks für das kostenfreie Buch!

11 Kommentare

  • Sonja

    So ünerflüssig fand ich die Liebesgeschichte gar nicht. Frank hatte nach dem Tod von Peg Angst vor zu engen Bindungen, aber genauso wie sich die Einkaufsstraße und sein Laden im Umbruch befanden, so musste sich auch Frank dem eigenen Umbruch stellen – eins war mit dem anderen untrennbar verbunden. Ich fand lediglich die Zeitspanne bis zum Happy End zu lang und etwas unrealistisch.

    • Jennifer

      Hallo Sonja,
      mich störte auch weniger, dass es eine Liebesgeschichte gab, als das es eben DIESE Liebesgeschichte mit Ilse gab. Zwischenzeitlich hätte ich mir einfach eine Liebesgeschichte mit Maude gewünscht, man wächst aneinander, entwickelt sich gemeinsam (und die Unity Street gleich mit), das hätte für mich irgendwie mehr Sinn gemacht. Aber Frank und Ilse waren immer so bemüht um „verliebt“, dass es mir irgendwann sehr die eigentlich schöne Geschichte vergällte…

      Wie fandest du denn den letzten Teil mit dem Zeitsprung? Da wurde es für mich noch mal richtig interessant. Die Suche nach all den Personen, wie sie sich weiterentwickelt haben usw.

      • Sonja

        Zu Maude gab es zu wenig Gemeinsamkeiten, ich denke, da hätte er sich nie öffnen können. Die Zeitspanne war mir zu groß. Wer sucht denn nach 20 Jahren nochmal die große Liebe und findet sie (und alle anderen) auch noch? Das Happy End hätte durchaus früher stattfinden können und in einem Epilog ein Rückblick erfolgen kömnen. Aber dennoch lese ich immer wieder sehr gern Bücher dieser Autorin, sie haben eigentlich alle ein paar „flaws“.

        • Jennifer

          Ich weiß nicht. Über Maude erfuhr man ja so wenig. Seine Musik mochte sie jedenfalls und man muss ja nicht in allem gleich sein. Ich glaube, Maude war in gewisser Hinsicht genauso verletzt und beziehungsinkombatibel wie Frank auch. Hätte es spannend gefunden, wie sich deren Geschichte entwickelt hätte.
          Ja, das Ende erinnerte mich an verschiedene dramatische Abschlussszenen von Filmen. Kennst du „10 Dinge, die ich an dir hasse“? So in etwa. ^^
          Insgesamt hat es mir ja schon gefallen.
          Ich habe noch „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ hier liegen, das werde ich wohl demnächst mal mit in den Urlaub nehmen und da durchlesen. Bin schon gespannt, ob es mir sprachlich auch so gut gefällt und ob mir die Figuren da besser gefallen.

  • Pialalama

    Hallo Jennifer!

    „Eines Tages erscheint eine junge Frau in seinem Laden, doch dieses Mal kann Frank nicht in sie hineinhören, um ihr zu sagen, welche Musik sie glücklich machen wird. Und damit stürzt ihn die Begegnung in ein Gefühlschaos, dem er sich nicht entziehen kann. Je mehr er von Ilse erfährt, desto weniger kann er sie vergessen. Aber ist er bereit für eine Beziehung, er, der bisher jede Beziehung sorgsam vermied?“ –> Hier musste ich wirklich schmunzeln, denn das hätte auch eine Einleitung zu Twilight sein können 😀 Vielleicht sind Frank und Edward ja verwandte!

    Das mit dem Alter passiert mir auch ganz oft beim Lesen! Plötzlich steht da irgendwann: Hansi ist 50 Jahre alt und ich habe mir die ganze Zeit einen Mann um die 30 vorgestellt! Oder auch das Aussehen entspricht plötzlich nicht mehr der Vorstellung…. tztztz

    Liebe Grüße!

    • Jennifer

      Hallo Pia,
      also, das mit der Twilight-Ähnlichkeit muss ich mir wohl leider selbst zuschreiben, das ist nicht der Klappentext, sondern meine Zusammenfassung zum Buch 😀

      Ich bin für kurze Lebensläufe zu den wichtigen Figuren vor dem ersten Kapitel! Wie im Theater! 🙂

  • jacquysthoughts

    Schöne Rezension, auch wenn ich hinterher leider trotzdem nicht weiß, ob ich das Buch nun lesen möchte (was aber nicht an dir liegt!). Generell klingt die Geschichte gut, aber mich stört es momentan sehr, wenn zwanghaft noch eine Liebesgeschichte in ein Buch gepackt wird, was auch gut ohne ausgekommen wäre. Da ist das vielleicht gerade nicht das richtige für mich. 🙂
    Liebe Grüße!

    • Jennifer

      Nun, eigentlich hätte ich es bei Rachel Joyce ahnen können, es klingelte nur irgendwie nicht bei mir…

      Die Liebesgeschichte war auch nicht total fehl am Platz, wie ich es manches mal auch schon gesehen habe, aber irgendwie schien es mir eben so wie ein nicht entscheiden können, ob es nun eine Liebesgeschichte werden soll oder nicht. Schau dir sonst vielleicht noch ein paar andere Rezensionen zu dem Buch an, viele fanden die Liebesgeschichte auch sehr schön.
      VG Jennifer

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