Rezension

[Rezension] Über Macht und Manipulation

Wie viel Sicherheit kann man in Freiheit haben?
Wie viel Freiheit bleibt bei absoluter Sicherheit?

Fremdes Land von Thomas Sautner

Was für eine grandiose Zukunft: Der Staat ist stark wie nie und die Menschen zufrieden. Natürlich gibt es auch die Abgehängten, aber vor denen verschließt Jack Blind die Augen. Denn ihm steht eine große Zukunft bevor; mit seinem Chef, dem frisch gewählten Präsidenten zieht er ein in das Machtzentrum der Politik. Doch wer hält hier die Fäden in der Hand?

Ist es wirklich der Präsident, der souverän Entscheidungen auf der Grundlage von Beweisen trifft, die man ihm vorlegt? Ist es die Gräfin Juno, die stets mehr zu wissen scheint, als sie zugibt? Oder ist es der geheimnisvolle Vertreter der Wirtschaft, der stets das passende Angebot hat und die Regierung gerne gegen die ein oder andere winzige Gefälligkeit unterstützt? Benebelt vom Machtgefühl fragen sich das der neue Präsident und sein Protegé nicht einmal. Als jedoch Blinds Schwester des Terrorismus beschuldigt wird, offenbart sich ein Strudel, der festgeglaubte Ansichten ins Wanken bringt  – allerdings viel zu spät.

Ein authentisches Bild der Zukunft?

Sautner beschreibt eine düstere Zukunft, jedoch keine so unwahrscheinliche. Wenn die Bürger mit dem Gefühl der Unsicherheit in Freiheit und der scheinbaren Sicherheit durch den allmächtigen Schutz des Staates unbemerkt in Ketten gelegt werden, wenn Unwissenheit zu Unvermögen eigener Entscheidungen führt, dann legt Sautner den Finger auf eine offene Wunde im System. Während einerseits demokratische Prozesse durch falsche Informationsstreuung und Meinungsbeeinflussung unterlaufen werden und andererseits (Geheim-)Wissen bewusst nur einem winzigen Kreis an Personen kenntlich gemacht werden, wenn das Gefühl von Macht korrumpiert, dann klingt das einerseits ein wenig nach Verschwörungstheorie und andererseits gar nicht so weit hergeholt. Und während hinter dem Spannungsfeld von Sicherheit und Freiheit alle weiteren ethischen wie sonstigen Fragen zurücktreten, bleibt die Frage, wer denn eigentlich die Macht besitzt und wer sich nur dem Gefühl von Macht hingibt.

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Dabei vernachlässigt Sautner neben der zentralen Diskussion um Freiheit und Sicherheit auch andere Aspekte einer neuen Weltordnung nicht: Ähnlich wie auch in Monokultur. Alternative für Andi, dass ich zurzeit lese, scheint Arbeit einfach nicht die Lebensgrundlage zu sichern. So scheint die Wirtschaft bei Sautner zwar blühend, die Masse der Menschen allerdings eher unter sozialen Problemen zu leiden:

Die Wohnungen unterhalb waren dunkel, waren klein, teils auch feucht. Bewohnt ausschließlich von Menschen aus der untersten sozialen Schicht: Arbeitslose, Job-Hopper, Patchworker, Leiharbeitskräfte, Mindestrentner, Studenten, Sozialarbeiten, Selbständige, alleinerziehende Mütter und anderweitig Bedürftige.

Fremdes Land, Seite 11

Abgesehen von den schönen Variationen an Vokabeln für Geringverdiener erstaunt auch, dass Selbständige anscheinend ebenfalls bedürftig sind. Arbeit jedenfalls scheint die Lebensgrundlage nicht mehr zu sichern. Wie nebenbei werden auch weitere aktuelle Debatten angesprochen, wenn Jack Blind beispielsweise über die Lebenmittelproduktion resümiert:

Sieben Ost-Gemüse-Getreide-Mischungen. Damals war beinahe die Zeit überwunden, in der vorwiegend richtige Früchte, richtiges Obst und richtiges Getreide verwendet wurden. Viele Menschen hatten erkannt, dass das aufgrund der Umwelteinflüsse ganz einfach nicht gesund sein konnte.

Fremdes Land, Seite 10

Natürlich ist die Herstellung von Essen mittels Nanotechnologie gesünder, ein eigens entwickeltes Gütesiegel gibt Auskunft über das sicherere und gesündere Essen. Jack Blind ist als Figur indoktriniert und auffallend unkritisch, oftmals sogar so unkritisch, dass es mir unglaubwürdig erschien. Das freie Denken scheint er trotz gegenüber der Regierung kritischem Elternhaus, das seine Schwester durchaus prägte, jedenfalls nicht erlernt zu haben. Auch die Einfältigkeit des Präsidenten, der Manipulation nicht bemerkt, nicht bemerken will und sich sehr leicht lenken lässt, war nicht immer nachvollziehbar. Gleichzeitig ist dies wiederum spannend, denn die starken Figuren der Dystopie sind nicht die eigentlichen Hauptfiguren, sondern die Nebencharaktere; Machtmanipulatoren wie Dame Juno, die schon lange hinter den verschiedenen Präsidenten die Fäden zieht, über den freundlichen Wirtsschaftsvertreter bis zu Jacks Schwester Gwendolyn. Das Ende fiel ein wenig schwach aus und erinnerte mich in seiner Plötzlichkeit zu sehr an 1984, insgesamt fand ich das Buch jedoch gelungen.

Fazit: Eine insgesamt gelungene Dystopie, zum Nachdenken anregend über Macht und Manipulation von Massen.


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Fremdes Land von Thomas Sautner
Aufbau
Taschenbuch, 256 Seiten, 8,99 Euro
ISBN 978-3-7466-2864-6

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