Rezension

[Rezension] Konservative Familienbilder: „Abifeier“ von Eric Neil

Normalerweise hätte ich Abifeier wohl abgebrochen. Zwar klang die Handlung ganz amüsant, der Stil entpuppte sich für mich jedoch nicht wirklich als lustig. Doch die Rollenbilder haben mich beim Lesen mehr als einmal irritiert und daher gibt es hier nun eine kleine spezifische Kritik, nur diesen Punkt betreffend.

Abifeier von Eric Neil

Der namenlose Erzähler hat sich von seiner Frau getrennt. Die Scheidung ist lange her, die Tochter folgte dem Vater nach Hamburg, der Sohn blieb bei der Mutter und brach den Kontakt ab. Jetzt steht die Abiturfeier der Tochter kurz bevor und nun müssen sie alle zusammenkommen: Die alten Familienmitglieder und die neuen Patchworkfamilien. Da scheint Ärger vorprogrammiert.

Schwierige Familienkonstellationen?

Ich glaube, Scheidungen sind heutzutage nicht mehr arg unüblich und auch Patchworkfamilien sind schon länger keine Neuheit mehr. Natürlich können sich aus verschiedenen Familienmodellen trotz allem verschiedene Probleme entwickeln. Das liegt aber eher daran, dass Beziehungen und Gefühle ins Spiel kommen und kommt genauso gut in ‚intakten‘ Familienstrukturen vor, sofern man von solchen reden mag. Die Ausgangslage in Abifeier ist also erst einmal gar nicht so ungewöhnlich, verspricht eher amüsante und vielleicht auch emotionsgeladene Aufeinandertreffen.

Familie oder nicht?

Was mich bereits zu Anfang irritierte war die Art, wie der Erzähler von seiner neuen Lebensgefährtin spricht. „Die Anderen“ so nennt er seine Freundin mit ihren beiden Kindern, übrigens tatsächlich auch im Roman kursiv geschrieben. Die Anderen sitzen also mit am Küchentisch, wo vorher eine Familie (also die Hälfte der alten Familie, der Vater und die Tochter) saß. Vielleicht liegt es daran, dass ich es merkwürdig finde von Familie nur in der strengen Bedeutung von (Bluts-)Verwandtschaft zu lesen. Wenn ich an meine Familie denke, dann denke ich auch an mir sehr, sehr nahe stehende Menschen, die ich mit in den Familienkreis aufnehmen würde. Natürlich nicht jede Freundschaft, jede Bekanntschaft. Aber Familie, das sind doch mehr als Mutter, Vater und die durchschnittlichen anderthalb Kinder. Weitere Verwandte wie Großeltern oder Tanten und Onkel schließt der Erzähler zwar nicht per se aus seinem Bild einer Familie aus. Sie tauchen allerdings, bei allen Gedanken zu Familie, erst überraschend spät im Buche auf und spielen im Vergleich zur Kernfamilie eine untergeordnete Rolle. Doch die Freundin, mit der er langjährig zusammengehört, die gehört für ihn nicht zu seiner Familie? Und die Tochter schließt sich dieser Auffassung an? Das ist schon merkwürdig.

Familie: Mann und Frau in einer unlösbaren Beziehung

Diese starke Einschränkung der Familiendefinition führt natürlich zu einigen Verrenkungen beim Festlegen der Sitzordnung auf der Abifeier. Denn schließlich würde die Ex-Frau es sicher nicht allzu rücksichtsvoll finden, den ganzen Abend mit der neuen Freundin am Tisch zu sitzen. Also getrennte Tische, nicht die neuen Konstellationen sitzen beisammen, sondern die alten. Doch Vorstellen muss man sich um der Höflichkeit willen einmal. Was alle mit einer gewissen Fassung ertragen, nur der Erzähler nicht. Obgleich die Beziehung Jahre her ist, missfällt ihm das Äußere seiner Ex-Frau. Weil sie schließlich eine alte Beziehung, eine Verbindung zu ihm, repräsentiert, müsse sie doch vorzeigbar sein. Und die neue Freundin überstrahlt alle anderen Anwesenden. Was eine Freude für den Erzähler. Wenn da nur nicht ihr Ex-Ehemann wäre, der wegen seinem Sohn auch an der Abifeier teilnimmt. Aufgrund des Hin und Hers in seiner Familie sitzt die Freundin mit ihrem Ex zusammen und das symbolisiert natürlich nach außen hin etwas ganz und gar abwegiges. Man müsse doch schließlich sehen können, von außen, welche Paare zusammengehören? Und dass die Freundin mit ihrem Ex-Mann tanzt, weil der Erzähler dies eben nie tut und er daraufhin natürlich doch mit seiner Ex-Frau tanzen muss, das wird dann immerzu klischeehafter.

Familiäre Nachteile

Und dann folgt auf die Abifeier ein gemeinsames Abendessen und der obligatorische Streit um den Unterhalt. Der Vater zahlt nicht, obwohl er laut Ehevertrag müsste, die Frau hat doch bei der Scheidung jede Menge Gewinn (eine Wohnung) gemacht, übrigens wie im Ehevertrag festgelegt, und die Kinder versuchen erfolglos die Situation zu retten. Familie ist wohl, wo man ums liebe Geld streitet. Und als dann der Alltag langsam wieder einkehrt, die Eindringlinge, die doch eigentlich die hochheiligen Familienmitglieder waren, wieder in den Flieger gestiegen sind, da droht das nächste Ungemach: Meine Tochter und dein Sohn scheinen sich zu verlieben. Ja, dürfen die das denn? Das geht doch nicht, sie sind schließlich Geschwister. Und warum sie das sind, wo er doch vorher ein Anderer war, das erschloss sich mir dann leider bis zum Ende des Buches nicht mehr.


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Abifeier von Eric Neil
160 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 17 Euro
Galiani Berlin

2 Kommentare

  • Lisa

    Ich finde es ziemlich spannend, wie die Ansichten und „Definitionen“ von Familie doch so unterschiedlich sein können. Ich muss zugeben, dass ich eher mit der Definition des Erzählers mitgehe und für mich die „Kernfamilie“ tatsächlich nur aus meinen Eltern und mir besteht. Würde sie noch unter uns weilen, würde ich auch meine Oma hinzu zählen. Die Familie im Allgemeinen umfasst dann für mich natürlich auch noch Onkel, Tante, Cousin, Cousine und meinen Verlobten. Aber ich habe da auch ein recht „beschränkt/begrenztes“ Familienbild und dieses orientiert sich tatsächlich , bis auf meinen Verlobten, an der Blutsverwandtschaft.

    Dennoch finde ich es auch ein bisschen befremdlich, wenn von den Anderen gesprochen wird. Da ich das Buch jedoch nicht kenne, weiß ich nicht, inwiefern der Autor das bewusst so einsetzt. Da es, wie du sagst, kursiv geschrieben ist, vermute ich ja fast, dass er sie gezielt so überspitzt benennt und dann lässt sich natürlich wieder darüber diskutieren.

    Liebe Grüße,
    Lisa

    • Jennifer

      Liebe Lisa,
      ich glaube, es kommt ganz darauf an, wie man Familie definiert. Meinen Freund kenne ich erst seit zweieinhalb Jahren und würde ihn dennoch bereits zur Familie zählen. Den einen oder anderen Onkel dagegen eher nur unfreiwillig, weil ich ihnen kein großes Vertrauen und keine Gefühle entgegenbringe. Das hält jeder wie er oder sie mag.
      Aber das die Ex-Frau immer noch zur Familie zählt, die neue Freundin dagegen nicht, das war so furchbar konstruiert. Das wirkte eindach sehr unnatürlich und auch gewollt um dann Witze über die Schwierigkeiten von Familienleben machen zu können. Das hat mich das ganze Buch über immer wieder zum grummeln gebracht. Auch wenn ich das Buch nicht gegen die Wand geschmissen habe, es wäre kein Buch, dass ich empfehlen würde.
      Sicherlich hat der Autor das mit den Anderen (in Kursiv) bewusst gemacht. Aber es regte halt nicht wirklich zum diskutieren an, sondern brachte mich allenfalls zum Kopfschütteln. Falls du das Buch lesen willst, gib mir Bescheid, dann lasse ich es dir gerne zukommmen 🙂
      Liebe Grüße
      Jennifer

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