Rezension

[Rezension] „Kind aller Länder“ von Irmgard Keun

P1010996.JPG

Irmgard Keun verließ Deutschland im Jahre 1936. Ihre Romane waren beschlagnahmt und verboten worden. Zwei Jahre später erschien ihr Roman Kind aller Länder im Exil, der in wundervollen Tonfall die geschichtlichen Ereignisse vorweg nimmt und die lange Reise einer kindlichen Migrantin aufzeigt. Keun selbst blieb nur vier Jahre im Exil, bevor sie illegal nach Deutschland zurückkehrte. An ihren literarischen Erfolg vor dem Verbot konnte sie nicht wieder anknüpfen, erst in den 70er Jahren wurde sie wiederentdeckt. 2016 druckte der Verlag Kiepenheuer & Witsch dieses Werk nach, wodurch ich auf den Roman aufmerksam wurde.

Kind aller Länder

Bald ist Weihnachten, was soll ich meiner Mutter schenken?

Meine Mutter will manchmal sterben, dann hat sie Ruhe und keine Angst mehr. Aber sie weiß nicht, was dann aus mir werden soll.

Ich will noch nicht sterben, weil ich noch ein Kind bin.

Meine Mutter möchte Zimmermädchen sein und arbeiten, damit sie Geld verdient. Aber die Länder erlauben ihr nicht, dass sie ein Zimmermädchen ist.

Die Welt ist dunkel geworden, denn es gibt Regen und Krieg.

Herr Krabbe weiß alles vom Krieg. Krieg ist etwas, das kommt und alles totmacht. Dann darf ich nirgends mehr spielen, und immerzu fallen Bomben auf meinen Kopf.

Kind aller Länder, Seite 87

Die zehnjährige Kully lebt ein unstetes Leben: Ihr Vater, ein Schriftsteller und Systemkritiker, muss Deutschland verlassen. Sie und ihre Mutter reisen mit ihm, doch die Geldnot treibt sie oft auseinander. Und während der Vater nach neuen Geldquellen sucht, bleiben sie und ihre Mutter in Hotelzimmern zurück. Die Kleine versteht die Erwachsenen oft nicht und sie versteht diese Welt nicht, in der alles so furchtbar kompliziert ist. Aber sie lernt, sie lernt immer neue Menschen kennen, sie lernt die Sprachen und vor allem lernt sie, worauf es im Leben wirklich ankommt: nicht auf Besitz, sondern auf die Liebe ihrer Familie.

Ein naiver Tonfall

Wie auch Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne ergreift auch dieses Buch durch seine kindlich naiven Erzählstimme. Diese lässt die Grausamkeiten der Zeit und die geschichtlichen Ereignisse in den Hintergrund treten vor der Naivität des kindlichen Geistes. Dadurch, dass man sich während des Romans außerhalb Deutschlands aufhält, werden geschichtliche Ereignisse kaum thematisiert. Nur durch kleine Kommentare am Rande lassen sich historische Ereignisse in der erzählten Zeit wiederfinden. Vor allem geht es um die Themen Migration und Heimatlosigkeit, die an Kully beispielhaft aufgezeigt werden.

P1010995

 

Die kleine Kully erlebt eine Reise voller Unwegsamkeiten durch verschiedene Ländern, in denen ihre kleine Familie – mal mit, mal ohne den Vater – ein zumindest zeitweiliges Zuhause findet. Sie nimmt die Probleme der Erwachsenen, den Verlust der Heimat und die Unsicherheit durch die schlechte wirtschaftliche Versorgung durch den Vater nur am Rande wahr. Stattdessen lernt sie die Länder rings um Deutschland kennen und in jedem Land trifft sie auf freundliche Kellner, kurzweilige Spielpartner und nette Hotelportiers. So lernt sie Sprachen und Kulturen kennen. Und stellt für sich fest: Ihre Heimat ist doch dort, wo ihre Familie ist. Selbst wenn die kleine Familie zeitweilig getrennt wird, so finden sie sich doch immer wieder. Dass der Vater oft genug Geld erschwindeln muss, damit das Hotelzimmer gezahlt werden kann und die Familie aus einem Land ausreisen darf, das leuchtet Kully vollkommen ein. Andere haben ja mehr Geld als sie brauchen, während ihre Eltern Nöte erleiden, da scheint es nur logisch, dass andere ihnen aushelfen müssen. Von ihrem Vater mit zweifelhaftem Gewissen, von ihrer Mutter eher mit haushälterischen und sparsamen Fähigkeiten ausgestattet, dafür ohne Schuldbildung, so spaziert Kully mit kindlicher Naivität und Herzenswärme durch alle Länder.

Obgleich der Text 1936 geschrieben wurde, ist das Thema heute so aktuell wie lange nicht mehr: Was ist Heimat? Was bedeutet Migration für ein Kind? Eindrücklich schildert das Buch die Reise der kleinen Kully. Diese versteht die Borniertheit der Erwachsenenwelt oft nicht, sie sieht alles mit kindlicher Einfachheit.

Eine absolute Leseempfehlung für wirklich jeden!

Wir haben so viele Gefahren, das alles ist so schwer zu verstehen.

Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei in Frankfurt gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man ‚raus, aber in das andere darf man nicht ‚rein. Doch der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben können. […]

Meine Mutter hat mir aus der Bibel vorgelesen. Da steht wohl drin, dass Gott die Welt schuf, aber Grenzen hat er nicht geschaffen.

Über eine Grenze kommt man nicht, wenn man keinen Pass hat und kein Visum. Ich wollte immer mal eine Grenze richtig sehen, aber ich glaube, das kann man nicht. Meine Mutter kann es mir auch nicht erklären. Sie sagt: “ Eine Grenze ist das, was die Länder voneinander trennt.“ Ich habe zuerst gedacht, Grenzen seien Gartenzäune, so hoch wie der Himmel. Aber das war dumm von mir, denn dann könnten ja keine Züge durchfahren. […] Aber eine Grenze besteht aus gar nichts, worauf man treten kann. Sie ist etwas, das sich mitten im Zug abspielt mithilfe von Männern, die Beamte sind.

Kind aller Länder, Seite 36 und 37


Kennt ihr ähnliche Romane mit den Themen Migration, Heimatlosigkeit vielleicht auch aus einer anderen Perspektive geschildert? Ich freue mich über Empfehlungen 🙂


Hier geht’s zum Buch

Kind aller Länder von Imgard Keun

erschienen 1938, Nachdruck 2016

Kiepenheuer und Witsch

224 Seiten, 17,99 Preis / gebunden mit Schutzumschlag (auch als ebook erhältlich)

ISBN 978-3-462-04897-1

Zitate © Irmgard Keun: Kind aller Länder. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2016. Alle Rechte vorbehalten.

Herzlichen Dank an den Verlag für die Genehmigung der längeren Zitatpassagen!

2 Kommentare

  • Marion

    Dieses Buch habe ich auch sehr gerne gelesen. Auch in anderen Büchern mochte ich Keuns Stil sehr gern. Besonders „Das kunstseidene Mädchen“ hat mir sehr gefallen.
    Vor einiger Zeit habe ich „Die Mittellosen“ von Szilárd Borbély gelesen. Da geht es nicht direkt um Flucht, aber um eine Familie, die in dem Dorf, in dem sie lebt aufgrund ihrer Herkunft ausgeschlossen wird. Es wird nie ganz klar, weshalb, es scheint aber was religiöses zu sein. Der Roman wird auch aus der Perspektive eines Kindes erzählt, und ist, obwohl ein tolles Buch, wahnsinnig traurig und grausam. Eigentlich kann man das nur in strahlender Sonne lesen.
    In Abbas Khiders „Ohrfeige“ geht es direkt um Flucht, allerdings ist das weit weniger bedrückend. Erzählt wird der Roman nicht aus der Perspektive eines Kindes, sondern eines jungen Mannes.
    Und dann hätte ich noch Adichies „Americanah“ im Angebot, bei dem es um eine recht freiwillige Migration geht, die aber auch alles andere als einfach ist. Diesmal aus der Perspektive einer jungen Frau.

    • Jennifer

      Liebe Marion,
      vielen Dank für die vielen tollen Hinweise! Von Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ hatte ich anderweitig schon gelesen, nachdem du es auch als erstes nennst, wandert das wohl auf meine Wunschliste 🙂 Die anderen Bücher werde ich mir in einer ruhigen Minute einmal ansehen, sie klingen auf jeden Fall auch sehr gut!
      VG Jennifer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.