Rezension

[Rezension] „Greenwash Inc.“ von Karl Wolfgang Flender

Lange habe ich nicht die richtigen Worte für dieses Buch gefunden. Den ersten Teil des Romans las ich in einem Rutsch durch, dann folgte eine lange Pause, bevor ich den Rest in einem weiteren langen Zug las. Danach war ich erst einmal eine lange Zeit sprachlos. Warum, erfahrt ihr im Folgenden:


Wenn Hope Storys das Gewissen beruhigen

Herzerweichende Storys, die von Problemen ablenken – sogenannte Hope-Storys – sind das Geschäftsmodell der Agentur Mars & Jung. Wann immer einer ihrer großen und gewinnträchtigen Kunden ein Problem mit der öffentlichen Wahrnehmung hat, wenn es schlechte Presse gibt, sind sie zur Stelle. Der Chef Mars bleibt jedoch im Hintergrund und zieht nur die Fäden, oft schickt er seine skrupellosen Manager. Thomas Hessel ist einer von ihnen und wenn er geschickt wird, für gute Presse zu sorgen, dann ist es egal, auf welche Art das geschieht. Positive Aktionen oder einfach mal der Konkurrenz illegales Handeln in die Schuhe schieben. In diesem Markt ist alles erlaubt. Hessel ist dabei so selbstgefällig und ekelhaft, so zynisch, dass ich immer wieder Abstand von diesem Roman brauchte. Und doch zog mich dieses Debüt von Flender in den Bann.

greenwash

Wie weit würdest du gehen?

Wir schauen mit Thomas auf eine so inszenierte Welt, dass man sich unwillkürlich fragt, ob es ein echtes grünes Gewissen überhaupt geben kann. Oder ist alles nur Schein?

Auch die Frage, wie weit man gehen darf, schwingt immer wieder latent mit: Im Affekt handelt Thomas nur mit dem Gedanken, seinen Auftrag zu einem positiven Ende zu führen, Konsequenzen bedenkt er selten. Und obgleich er selbst manchmal mit sich zu Hadern scheint, er sich geradezu mit Pillen betäubt, treibt sein zynischer Blick auf all die Leichtgläubigen seiner Welt ihn immer weiter an. Nach Hessels Philosophie lassen sich alle Gutmenschen und Bio-Käufer durch ein gutes Image täuschen. Er selbst sowie seine Kollegen wissen genau um die Hintergründe des Greenwashings. Das hält ihn freilich nicht davon ab, Bio einzukaufen, weniger für das eigene Gewissen als für sein eigenes Image – und sei es nur vor den Augen der Supermarkt-Verkäuferin. Gegenwind bekommt Hessel von seinem ehemaligen Mentor und hartnäckigem Journalist, der immer wieder versucht, Hessel zurück zum Journalismus zu treiben. Der Journalismus wird nahezu glorifiziert: Zwar fällt er ebenso auf die Maschen der Agenturen und Firmen herein, bemüht sich aber in Form mehr oder weniger eifriger Schreiberlinge zumindest um Transparenz. Gleichzeitig lenken Hessel und seine Kollegen die Journalisten natürlich sorgsam und lassen sie nur Skandale entdecken, die gewollt provoziert wurden, etwa um noch größere Skandale zu vertuschen oder einfach die Konkurrenzfirma zu verleugnen. Auf der anderen Seite gibt es auch innerhalb der Agentur Mars & Jung so einiges an Manipulation und Beeinflussung. Beinahe schon genugtuend realisiert man als Leser: Wenn Skrupellosigkeit zum Business erhoben wird, macht es auch vor der eigenen Haustür nicht halt!

Fazit: Insgesamt scheint mir Thomas Hessel wie die Karikatur eines bösen und skrupellosen PR-Managers. Er war glaubwürdig, da für mich unausstehlich. Ein Buch für alle, die das Verhältnis von (grünem) Schein und Sein hinterfragen, aber nichts für schwache Nerven!


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Greenwash Inc. von Karl Wolfgang Flender
Dumont Buchverlag
392 Seiten, 19,99 Euro // Hardcover
392 Seiten, 11 Euro // Taschenbuch
ISBN 978-3-8321-9764-3

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