Rezension

[Bücher in Büchern] Über die Liebe zu Worten

Vor drei oder vier Jahren habe ich den Film Nachtzug nach Lissabon im Rahmen einer Filmreihe gesehen, bei der Literaturverfilmungen vorgestellt wurden. Damals habe ich mich vor allem auf die historischen Ereignissen konzentriert und mich von der Geschichte gefangen nehmen lassen. Allerdings hatte ich schon damals Lust, das Buch zu lesen um beides miteinander vergleichen zu können. Als ich also einige Wochen später den Roman für einen Euro im Antiquariat entdeckte, musste ich ihn gleich mitnehmen. Dann wandere das Buch jedoch auf den Stapel ungelesener Bücher und ich nahm mir erst einmal andere Romane vor. Als Nela in der Ankündigung zu ihrem Themenmonat It’s all about Swiss Books auch den Nachtzug auf ihrer Leseliste stehen hatte, habe ich mich ihr spontan angeschlossen und den Roman parallel zu ihr gelesen.


Einfach alles hinter sich lassen

„Das ist die Einleitung“, sagte der Buchhändler und begann zu blättern. [….] Er übersetzte:

Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht mit dem Rest?

„Ich möchte das Buch haben“, sagte Gregorius.

Nachtzug nach Lissabon, Seite 29

Raimund Gregorius lehrt Latein, Griechisch und Hebräisch an einer Berner Schule. Die Liebe zum geschriebenen Wort, zu alten Sprachen treibt ihn an, doch ihm ging es nie um eine große Karriere oder einen Lehrstuhl an einer Universität. Stattdessen begnügt er sich mit seinen privaten Studien und damit, seine Sprachliebe an seine Schüler weiterzugeben. Doch eines Tages beschließt er, sein altes Leben hinter sich zu lassen und sich von seiner Neugier treiben zu lassen: Aus einer Begegnung mit einer jungen Portugiesin entspinnt sich eine Reise nach Lissabon, in die Vergangenheit eines jungen Autoren und zugleich in Gregorius eigene Gegenwart. Gregorius macht sich auf die Suche nach dem jungen Autor Prado, einem Arzt und Philosophen, dessen Buch er sich kauft ohne das portugiesische Original verstehen zu können. Dennoch macht er sich auf nach Lissabon, in der Tasche nicht viel mehr als Prados Buch und ein Wörterbuch mit dessen Hilfe er die Sprache lernt. Schlussendlich wird diese Reise nicht nur eine Reise in ein längst abgeschlossenes Kapitel Portugals, sondern vor allem eine Reise in sein eigenes Inneres.

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Wunderschöner Roman für Sprachliebhaber

Während des Films habe ich mich vor allem auf die geschilderte Handlung konzentriert, vor allem auf die historischen Begebenheiten, die ich erst einmal verstehen musste. Während des Lesens fiel mir nun auf, mit welcher Liebe Gregorius Verhältnis zur Sprache geschildert wird. Gregorius übt seinen Beruf als Lehrer nicht als Arbeit aus, er wird getrieben von seiner Liebe zur Sprache, die er weitergeben möchte. So kann er sich der Faszination gegenüber den Sprachen gar nicht entziehen. Ich selbst kannte den Namen Gregorius bisher nur als mittelhochdeutschen Namen aus dem Werk von Hartmann von Aue [Gregorius oder Der gute Sünder bei Wikipedia]. Gregorius ist in diesem mittelalterlichen Epos ein Suchender, er strebt Vergebung an, fragt aber auch nach einem Sinn für sein Leben. Auch der Gregorius aus Der Nachtzug nach Lissabon ist auf der Suche und die oft sehr philosophischen Textpassagen, die innerhalb des Romans „zitiert“ werden, führen ihn gedanklich weit von seinem alten Leben weg. Durch diese Doppelstruktur erhält das Buch eine unglaubliche Tiefe, denn streng genommen liest man nicht nur ein Buch, sondern gleichzeitig auch das Buch Prados im Buch. Die vielen ausführlichen Textpassagen aus Prados fiktivem Werk lassen das fiktive Werk fast real wirken. Durch Gregorius Suche nach der Vergangenheit des Autors wird auch dieser für den Leser greifbar. Sprachlich wunderschön, wenn auch manchmal nicht ganz einfach zu lesen, wurde ich dadurch in die Geschichte gezogen. Die eben schon erwähnte historische Geschichte um den Widerstand gegen das System, der Gregorius in Lissabon nachgeht und die ihn bis tief in die Revolution gegen die Salazar-Diktatur in Portugal führt, lehrte mich viele dunkle Ecken der portugiesischen Geschichte, die ich noch nicht kannte. Verschiedene Figuren erzählen ihren Teil der Geschichte, sodass sich ein komplexes Bild ergibt: Die eine Wahrheit gibt es nicht, alles ist tiefschichtig.

Es gab die Menschen, die lasen, und es gab die anderen. Ob einer ein Leser war oder ein Nichtleser – man merkte es schnell. Es gab zwischen den Menschen keinen größeren Unterschied als diesen. Die Leute staunten, wenn er das behauptete, und manche schüttelten den Kopf über so viel Verschrobenheit. Aber es war so. Gregorius wußte es. Er wußte es.

Nachtzug nach Lissabon, Seite 96

Dass Gregorius Altphilologe ist, merkt man ihm mehrfach an. Wann immer er von alten Sprachen zu sprechen anfängt, scheint seine Liebe zur Sprache durch. Durch das Erlernen des Portugiesischen entdeckt er nun auch die „moderneren“ Sprachen für sich. Er lässt sich verführen von der Sinnlichkeit und Klanghaftigkeit der Sprache wie auch der Sprecher. In Lissabon erfährt Gregorius eine neue Sicht auf die Welt, sehr schön sinnbildlich dargestellt durch den Verlust seiner alten Brille und des Kaufs einer neuen. Als er seine neue Brille aufsetzt, da meint er eine Tiefe der Welt zu spüren, die er vorher nicht kannte und auch durch das Lesen in Prados Buch offenbaren sich ihm neue Gedanken. So hält das Buch die Waage zwischen Alt und Neu, zwischen Vergangenem und Gegenwart und regte auch mich beim Lesen immer weiter an.

Er liebte es, vor den dunklen Schaufenstern der Buchhandlungen zu stehen und das Gefühl zu haben, daß, weil die anderen schliefen, all diese Bücher ganz allein ihm gehörten.

Nachtzug nach Lissabon, Seite 75

Empfehlung

Ich kann den Nachtzug nach Lissabon jedem empfehlen, der Sprache liebt, besonders Germanisten werden sicher ihre Freude daran haben! Aufgrund der Tiefschichtigkeit empfehle ich allerdings viel Ruhe und Gelassenheit beim Lesen, sonst fällt es sicher schwer, sich auf die besondere Erzählung einzulassen.


Kennt ihr noch andere Bücher, bei denen eine solche Liebe zum Wort beschrieben wird? Bücher mit einem philosophischen Touch und dem Fokus auf der Sprache als Mittel zur Kommunikation, zum Austausch, zur Anregung?


Ich empfehle als weitere Rezension besonders die wundervolle Besprechung von Nela

Auch der Trailer zum Film ist sehr sehenswert

Außerdem findet ihr hier weitere Meinungen:

Buchhexe

Literatur[handbuch]

Perspektiven und Blickwinkel

Petras Bücherapotheke

Alles mit Links


Hier geht’s zum Buch

Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier

btb – Verlagsgruppe Random House (dort gibt es auch eine Leseprobe)

Taschenbuch

496 Seiten, 9,99 Preis

ISBN 978-3-442-73436-8

13 Kommentare

  • Siri

    Hey Jennifer,

    ich lese das Buch auch gerade und habe eure beiden Rezensionen schon im Vorfeld verschlungen. Ich dümple derzeit irgendwo auf Seite 100 rum und kann noch nicht viel sagen. Aber mich würde mal interessieren, wie du die grotesken Szenen bewertest, zum Beispiel die am Anfang, als die Portugiesin die Telefonnummer auf die Stirn schmiert? Ich muss sagen, dass mir das doch zu gewollt dramatisch ist und ich damit nichts Positives anfangen kann.

    Liebe Grüße!

    • Jennifer

      Hi Siri,
      ich habe die Portugiesin einfach als Katalysator für die Reise empfunden. Ich finde, irgendwo spielt sie auch gar keine große Rolle. Sie führt Gregorius ja nur seine Vergänglichkeit und das Ablaufen der Zeit vor Augen, die ihn bewegen, aus seinen gewohnten Mustern auszubrechen. Ich glaube, solche Szenen sollen nur alte Muster durchbrechen, aber ja, ich bin auch ein wenig darüber gestolpert.
      Allerdings habe ich mich beim Lesen dann doch eher auf die Sprache konzentriert und das dann einfach ausgeblendet 😀
      Es gibt aber auch viel Kritik an Mercier, zB dass die Figur des Prado so überhöht sei. Da können wir gern nochmal drüber diskutieren, ich will dich jetzt nicht spoilern 😉
      VG Jennifer

      • Siri

        Stimmt, das Durchbrechen der alten Muster würde ich auch so einschätzen. Vielleicht bin ich da zu pragmatisch oder nicht offen genug, um solche Momente nachvollziehen zu können. Mir kommt es so vor, als sollten manche Dinge in der Geschichte mit aller Gewalt komisch oder Freiheit suggerierend sein und wenn es so ist, finde ich diese Szenen nicht gelungen. Aber dann lese ich mal gespannt weiter! 🙂

        • Jennifer

          Ach, weist du, ich fand die Portugiesin so oder so unnötig, weil ja eigentlich das Buch in der Buchhandlung ihn nach Lissabon reisen lässt. Wozu es da noch diese Figur brauchte, weiß ich bis heute nicht. Aber man muss ja auch nicht jede Szene gelungen finden, was ich nicht verstehe, das ignoriere ich souverän 😀

      • Daniela | Livricieux

        Hi!

        Ich muss gestehen, ich habe dieser Portugiesin auf der Kirchenfeldbrücke auch keine grosse Rolle beigemessen, obwohl ich mich im Laufe der Lektüre gefragt habe, ob er sie wohl einmal wieder sieht. Für mich war sie, wie Jennifer schriebt, einfach der Auslöser (ich mag das Wort Katalysator, Jennifer), der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Ich persönlich habe dem Klang des portugisichen Wortes „Português“ und der portugisischen Sprache allgemein viel mehr Bedeutung beigemessen.

        • Siri

          Hey, danke für deinen Eindruck! Vielleicht hat der Autor auch einfach eine menschliche Begegenung schaffen wollen, damit der Klang der Sprache zur Geltung kommt und vom (natürlich hippen) Plattenspieler oder gar (uncoolen) Radio wäre dies weniger schön gewesen.

        • Jennifer

          Ja, manchmal kann ich mein Studium einfach nicht abschütteln und schalte einfach in den Analyse-Modus 😀

          Ich hatte ja im Gegensatz zu dir, Nela, den Vorteil, dass ich durch den Film schon die Handlung in weiten Teilen wusste.
          Oh ja, die portugiesische Sprache ist toll! Ich hätte mir fast noch mehr Wörter gewünscht, es war immer so ein herrlicher Klang, hat das Buch für mich sprachlich abgerundet! 🙂

  • Siri

    Hey, ich habe das Buch nun auch endlich zu Ende gelesen. Von Seite 100 bis 400 fand ich es ziemlich zäh, weshalb ich mich oft zum Weiterlesen zwingen musste und es letztendlich einen ganzen Monat dauerte. Ja, was soll ich sagen? Positiv finde ich den Gedanken, dass in der Geschichte eine Geschichte vorkommt. Dass Prado im letzten Abschnitt 3-4 interessante Gedankengänge hatte, die jeweils leider nur über fünf Zeilen gingen. Dass auch Gregorius ein paar dieser Gedanken in den Mund gelegt bekam. Die Negativ-Liste ist leider sehr viel länger. Mich hat noch nie ein Buch so genervt. Ich hätte gerne selbst Sympathie zu Prado entwickelt oder etwas über den Widerstand oder Lissabon erfahren. Aber warum muss ich mich durch schwülstige Sprache und fiktive Probleme einer fiktiven Figur im fiktiven Buch quälen? Es ist mir schlichtweg egal, welche Komplexe Prado mit seinem Vater hatte, nur weil Gregorius ihn toll findet – ja, ich aber nicht und deshalb werde ich das ganze Buch über bevormundet. Ich darf nur Zuschauer sein und mir keine Urteile bilden. Weiterhin finde ich es seltsam, dass der Autor Philosoph ist und – womöglich – seine Gedanken in Prados Mund legt, die von Gregorius unkommentiert und vorbehaltlos gehyped werden. Würde ich Ideologien verbreiten wollen, würde ich es genau so machen, ohne dass ich das jetzt konkret unterstellen möchte. Mir fehlt da die kritische Auseinandersetzung oder auch die Anleitung, was ich als Leser jetzt damit tun soll. Darüber nachdenken? Es in den Kontext der Geschichte bringen? Prados Gedanken als Wahrheit annehmen?
    Alles in allem verstehe ich den Hype um dieses Buch nicht, den Hype um Prado nicht und verbinde negative Emotionen damit.

    • Jennifer

      Hallo Siri,
      tut mir sehr Leid, dass das Buch so eine Enttäuschung für dich war. Ja, die Sprache war auch für mich anfangs ein wenig gewöhnungsbedürftig, daran konnte ich mich aber schnell gewöhnen und mir hat es dann tatsächlich sogar geholfen, schnell dem Alltag zu entfliehen, weil ich mich eben in die Geschichte ziehen lassen musste.
      Deine Kritik zu Prado als Figur kann ich nachvollziehen. Ich muss sagen, dass ich das philosophische an Prado sogar mochte (man kann es ja trotzdem durchdenken und muss es nicht ungeprüft glauben. Im Gegenteil. Weil Gregorius es nicht kritisch reflektiert, war ich da viel aufmerksamer), aber die persönliche Geschichte mit dem Vater und dessen Leiden war für mich auch eher nebensächlich und damit eigentlich nicht nötig. Vielleicht habe ich das beim Lesen aber auch stärker ausgeblendet, weil ich diesen Handlungsstrang schon aus dem Film kannte und mich da keine Entwicklung, keine Geschichte oder so gepackt hatte.

      Ich wusste bis eben gar nicht, dass es da so einen großen Hype um das Buch gibt (ich dachte, es sei eher durch den Film bekannt). Steht denn für dich Prado im Mittelpunkt dieses Hypes oder Gregorius? Bei G. könnte ich es nachvollziehen, weil ich diesen Teil der Erzählung wirklich gut fand…
      Ich hoffe, du kannst die negativen Emotionen ein bisschen abschütteln und lässt dir davon nicht dein nächstes Leseerlebnis trüben 🙂
      VG Jennifer

      • Siri

        Hey, danke für deine ausführliche Antwort!

        Tatsächlich wurde das Buch mehrfach in meinem Umfeld als lebensveränderndes Werk empfohlen. Es wurden generell die philosophischen Ansätze darin gelobt, die diese Personen wohl zu ausführlichen Diskussionen anregten – schön für diese, aber bei mir hat es leider seine Wirkung verfehlt 😀 Viele finden es auch toll, dass auf alt gemacht ist, also voll ins aktuelle Hipster-Nostalgie-Klischee passt. Und dass es 14 Jahre nach Ersterscheinung positiv rezensiert durch so viele Blogs geistert, zeigt zumindest eine gewisse Aufmerksamkeit, die es erzielt.

        Zu der Nicht-Kommentierung Prados Absätzen stimme ich dir mit einem Jein zu. Ich finde es auch gut, selbst darüber nachdenken zu können, allerdings werden sie vorher schon durch Gregorius als absolute Wahrheit gesetzt, er muss sie eigentlich nicht mal mehr kommentieren, da es sowieso positiv ausfallen würde. Da besteht die Gefahr, dass manche Leser/innen diese unreflektiert annehmen.

        Oh ja, das nächste, nicht bevormundende Buch kommt bestimmt! 😀

        • Jennifer

          Bitte, gerne doch 🙂 Danke dir, dass du trotz deiner Enttäuschung nochmal zum Kommentieren zurück gekommen bist 🙂

          Ich habe oft das Gefühl, dass wir in so stressigen Zeiten leben, dass niemand sich mehr philosophische Gedanken machen kann. So werden dann oft auch eigentlich simple Gedanken, wenn sie ausreichend nett sind, als große Philosophische Sprünge gefeiert. Es gab ja, wie ich glaube ich schon schrieb, auch viel Kritik an dem Buch, weil Mercier sich in der Figur des Prado angeblich selbst erhöht hätte. Für mich war Prado aber mehr Leinwand, oder vielleicht eher Landkarte, an der Gregorius sich entwickeln und der er folgen konnte…
          Insgesamt beweist dein Beispiel aber mal wieder, das positive Erwähnung bei anderen nicht zwangsläufig ein gutes Leseerlebnis versprechen müssen 🙂 Manchmal fehlt einem auch einfach der gewisse Zugang, die Ruhe um ein Buch wirklich gut zu finden, ich glaube, der Nachtzug ist so ein Buch. Zumal kein Buch jemals so gut ist, wie die Erwartungen, die an es gestellt werden…

          Ob andere Leser_innen Prados Absätze unreflektiert aufgenommen haben oder nicht, kann ich natürlich schwer einschätzen. Irgendwo ist es ja auch ein wenig eigene Verantwortung als Leser, das Buch eben zu durchdenken oder nicht. Einige lesen es sicher auch mit einem ganz anderen Anspruch, beispielsweise gut unterhalten zu werden (was ja zumindest für mich sprachlich gut funktionierte). Aber das ist eben die Sache jeden Lesers, ich finde es schwierig, daraus eine ganze Kritik am Buch herzuleiten.

          Ich drück dir jedenfalls die Daumen für dein nächstes Buch und hoffe einfach mal, dass, solltest du noch ein Buch auf meinem Blog finden und lesen, das Urteil nicht wieder so stark von deinem abweicht 🙂
          Es hat mich jedenfalls gefreut, dass wir trotzdem diskutieren konnten 🙂
          Viele Grüße
          Jennifer

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