Ein Reader zeigt das Cover von "Adults" mit einer unglücklichen jungen Frau neben einem Hund vor einer Tapete
Rezension

Inszenierung & (Selbst-)Darstellung – „Adults“ von Emma Jane Unsworth

Was passiert, wenn persönliche Unsicherheit und das absolute Bedürfnis nach dem Zuspruch Anderer auf eine zunehmend online stattfindende Gesellschaft trifft? Emma Jane Unsworth zeigt in ihrem Roman Adults Inszenierung & (Selbst-)Darstellung einer neuen digitalen Generation mit ihrer Heldin, die zugleich liebenswert und – aufgrund ihrer schädlichen Handlungen – zutiefst unangenehm ist.

Worum geht’s in Adults?

Jenny McLaine stürzt von einer Lebenskrise in die nächste: Eigentlich lebt sie dafür, sich in den sozialen Medien möglichst vorteilhaft zu präsentieren. Gar nicht so einfach, wenn der frisch getrennte Ex nun mit einer Influencerin liiert ist und der eigene Job beim angesagten feministischen Online-Magazin längst nicht so sicher ist wie erhofft. Zu allem Überfluss wollen sich Jennys Mitbewohnerinnen nicht in ihren hippen Kolumnen wiederfinden und kündigen ihre Zimmer. Dass Jennys Mutter plötzlich bei ihr einziehen will, ist dabei allerdings nicht wirklich eine Verbesserung der Situation…

Zwischen Inszenierung und (Selbst-)Darstellung

Jenny McLaine hat alles im Griff, also zumindest ihre Darstellung auf Social Media. Das wahre Leben dagegen entgleitet ihr ein wenig. Allerdings ist es einfacher, sich mit dem eigenen Verhältnis von Likes und Followern zu beschäftigen als mit den eigenen Problemen. Und so ist die Ablenkung online immer nur einen Klick entfernt. Auch wenn der Vergleich mit anderen sie langsam aber sicher kaputt macht und sich ihre leichte Obssession mit dem Instagram-Profil von Suzy Brambles, die nun mit ihrem Ex Art zusammen ist, sich immer mehr zur krankhaften Obsession entwickelt. In kurzen, beinahe zusammenhangslosen Kapiteln mit Einschüben und Rückblicken folgen wir Jenny durch ihren Alltag und ihre persönlichen Probleme. In einem wilden Mix aus Gedankenwirrwarr und knappen Dialogen bis hin zu E-Mails und SMS-Nachrichten spinnt Emma Jane Unsworth einen Teufelskreis aus Wahnsinn und Selbsterkenntnis einer digital verlorenen 30-Jährigen. Erzählstil und Handlung sind dabei so kurzweilig und unterhaltsam, dass man mitunter glatt vergisst wie traurig die Figur Jenny eigentlich ist. Innerlich so zerrissen wie die Hauptfigur ist auch die Handlung, deren roter Faden eigentlich nur das absolute Fehlen der eigenen Wahrnehmung ist.

„Ich lade das Bild hoch. Das Warten beginnt. Es ist wie mit dem Baum, der im Wald umfällt, und kein Mensch sieht es. Gibt es dann ein Geräusch? Wenn du etwas in den sozialen Medien postet und keine Likes bekommst, existierst du dann überhaupt? Ich habe berechnet, dass bei meiner Anzahl Follower ein Post dann erfolgreich ist, wenn er ungefähr zehn Likes pro Minute bringt. Trotzdem gibt es kein Patentrezept dafür – ich habe schon alles ausprobiert.“

Adults, Kap. „Einige Monate zuvor: Hallo Welt“ (Seite 19/355)

Was macht es mit der eigenen Persönlichkeit, wenn man sich immer nur in Abhängigkeit von anderen wahrnimmt – und vor allem von deren Zustimmung so abhängig ist? Nach und nach überlässt Jenny sich dem Rausch von Likes und Followern und verliert dabei immer mehr den Bezug zu ihrem eigenen Leben. Dass diese innerliche Verlorenheit in Zeiten von Social Media noch einmal auf die Spitze getrieben wird, kann man am Beispiel von Jennys Mutter sehen. Auch sie ist ihrer Selbstbezogenheit und dem Wunsch nach Anerkennung unterworfen, allerdings fehlt ihr das Ventil des digitalen Lebens, in das ihre Tochter sich bereits komplett zurückgezogen hat.

„Bildschirme seien vor dem Schlafengehen tabu, wegen ihrer Auswirkungen auf das Gehirn, aber für mich hat das Halten eines Smartphones therapeutische Wirkung. Seine Form hat etwas Beruhigendes, finde ich. Etwas Tröstliches. […] Alle paar Minuten hebe ich es hoch und schaue nach, was sich in der Welt getan hat.“

Adults, Kap. „Es heisst“ (Seite 54/355)

Anfangs hat mich der rasante Erzählstil in Kombination mit dem collagenhaften Stil komplett in den Bann gezogen. Aber auch wenn Jenny immer wieder von persönlicher Entwicklung und Selbstreflexion spricht, bleibt sie in ihren schädlichen Mustern gefangen, aus denen sie am Ende auch keine selbstbestimmte Social-Media-Nutzung, sondern nur das Handyverbot durch ihre beste Freundin befreien kann. Dadurch hat der Roman in der Mitte einige Längen, die meiner Meinung nach unnötig waren. Am Ende überwiegt aber das erhebende Gefühl, das eigene Leben doch noch ein bisschen unter Kontrolle zu haben…

Fazit: Die Konstruiertheit digitaler Persönlichkeit und das absolute Bedürfnis nach der Zustimmung der Gesellschaft zeigt Unsworth mit ihrem Roman Adults. Ein spritziger Roman über Inszenierung und Abhängigkeit unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung. Leider verliert die Geschichte zum Ende ein wenig an Schwung, unterhält aber im Großen und Ganzen und regt zum Nachdenken an.

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Adults von Emma Jane Unsworth
400 Seiten (Hardcover-Version)
ebook
Erschienen April 2021
Eichborn Verlag

Dieses ebook habe ich als Rezensionsexemplar erhalten.
Herzlichen Dank an den Verlag!

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