Literatur & Lesung

5 vielschichtige Debütromane und meine Jury-Wertung für „Das Debüt“

Leider musste die Veröffentlichung dieses Beitrags aus persönlichen Gründen verschoben werden. Am vergangenen Montag (den 6. Januar) wurde Nadine Schneider der Preis für ihr Werk Drei Kilometer verliehen, wie ihr bei Das Debüt nachlesen könnt. Meine Punktewertung hatte ich den Organisatorinnen bereits am Sonntag mitgeteilt, sodass meine Wertung in das Jury-Ergebnis einfließen konnte. Nur diesen Beitrag konnte ich nicht mehr fertigstellen, sodass er erst nachträglich erscheint.


Das Debüt – Ein Blick auf die Shortlist

Zunächst möchte ich euch die ausgewählten Romane der Shortlist kurz vorstellen, da ich in diesem Jahr keine einzelnen Rezensionen verfasst hatte:

Vater Unser von Angela Lehner

Der Roman: Eine Frau lässt sich in die Psychiatrie einweisen und erzählt dort ihrem Psychiater allerhand unglaubliches: Manches ist wahr, anderes stellt sich als Unsinn heraus, vieles bleibt unklar. Nach und nach wird deutlich, Eva ist wahnhafter als sie sich eingestehen möchte und längst nicht so verrückt wie sie tut. Und in der Klinik ist auch ihr jüngerer Bruder Patient, den sie aus seiner Situation und dem Griff der Mutter retten und zugleich gleichzeitig beherrschen möchte.

Mein Eindruck: Besonders beeindruckte mich die Erzählfigur Eva, der man einerseits glauben schenken möchte und es andererseits nicht kann. Vor allem, weil auch Eva ihrer eigenen Realität nicht glauben kann, wie man schlussendlich bemerkt. So befinden sich Wahrheit und Lüge in einem Spannungsfeld, das eigentlich gar keines ist, weil Eva nicht bewusst lügt, sondern selbst glaubt, was sie erzählt. Eine interessante Konstruktion, die zudem über die Glaubhaftigkeit von Erzähler:innen nachdenken lässt. Dazu ein angenehm rotziger Tonfall, der das Leseerlebnis humorvoll und nicht zu tiefgründig werden lässt.

Der Kreis des Weberknechts von Ana Marwan

Der Roman: Eigentlich möchte Karl Lipitsch gar nicht so viel Kontakt zu seinen Mitmenschen haben. Durch einen Zufall trifft er jedoch die Nachbarin Mathilde und versucht sie fortan wieder loszuwerden. Wie eine Spinne jedoch, spinnt Mathilde Fäden, die Lipitsch immer näher zu ihr ziehen. Dagegen kann er sich trotz seiner anthroposophischen und philosophischen Überlegungen nicht erwehren.

Mein Eindruck: Leider konnte ich nur schwerlich Zugang zu diesem Roman finden. Lipitsch ist zwar als Figur irgendwie ganz drollig, durch seine pseudo-philosophischen Überlegungen über die Welt und die zahllosen schiefen Tiermetaphern wurde die Lektüre eher zum Flickenteppich. So konnte mich die eigentliche Entwicklung um Mathilde und Lipitsch, die durchaus Potential hatte, leider nicht emotional berühren.

Ich kann dich hören von Katharina Mevissen

Der Roman: Der Cellist Os möchte sich eigentlich nur seiner Musik widmen. Doch eine Verletzung des Vaters und die unvorhergesehene Entscheidung seiner Tante, wieder in ihre Heimat Türkei zurückzukehren, zwingen ihn, sich mit seiner Familie auseinanderzusetzen. Dazu widersetzt sich die Musik ihm zunehmend und eine unbekannte Frauenstimme auf einem Tonband lehrt ihn vieles über das Hören und das Nicht-Sprechen-Können.

Mein Eindruck: Was für ein vielschichtiger Roman! Auf beeindruckende Weise verwebt Mevissen den Hörsinn und dessen Bedeutung für unser Leben in vielen kleinen Strängen. Töne und Worte erhalten dabei ihre Bedeutung ebenso über ihren Klang wie auch das Schweigen. Ob Fremde oder Vertraute, sie alle scheitern oder erringen Zugang und Gehör über das Ohr. Der Titel Ich kann dich hören ist dabei äußerst passend gewählt und es sagt vieles über mich selbst aus, dass ich diesen im Geiste immer wieder zu Ich kann dich sehen (falscher Titel!) verändern wollte.

Wie man Dinge repariert von Martin Peichl

Der Roman: In vielen kleinen Alltagsszenen und Erinnerungen nimmt der Erzähler uns mit in seine Vergangenheit und verarbeitet dabei seine vergangene große Liebe und deren Scheitern. Der Text erzählt von einer jungen Liebe, die wohl sinnbildlich ist für junge Menschen, denen Orientierung und Halt im Leben fehlt. Die beiden Liebenden bleiben dabei vom Anfang bis zum Ende Einzelpersonen, die aufeinander zu und voneinander weg treiben, aber niemals eine gemeinsame Einheit bilden und schlussendlich an ihren eigenen Erwartungen die Liebe betreffend scheitern.

Mein Eindruck: Eigentlich wollte ich diesen Text mögen, denn er ist sprachlich und auch inhaltlich interessant und lässt den Lesenden viel Raum für eigene Interpretationen, obgleich vieles detailliert geschildert wird. Doch die wiederkehrenden Elemente, sprachlich wie inhaltlich, brachten keinerlei Entwicklung voran und die starke Eingrenzung auf die romantische Liebe als reparaturbedürftigem Konzept zur Heilung von Menschen haben dem Roman nicht gut getan. Hier hätte ich mir einen weiteren Blickwinkel gewünscht, da am Rande auch ein gestörtes familiäres Verhältnis angedeutet, dieses Potential aber nicht ausgeschöpft wurde.

Drei Kilometer von Nadine Schneider

Der Roman: Direkt an der Grenze Rumäniens liegt ein kleines Dorf und in diesem lebt Anna ein zufriedenes Leben. Natürlich ist nicht alles perfekt, aber wohin soll man denn gehen, wenn man die Heimat hinter sich lässt? Doch im Spätsommer 1989 ändert sich vielerorts die Stimmung und Anna muss sich entscheiden: Bleibt sie bei ihrer Familie und ihrem Geliebten Hans oder geht sie mit dem gemeinsamen Freund Misch durch die Felder über die Grenze?

Mein Eindruck: Ruhig und unaufgeregt erzählt der Roman vom täglichen Leben in der Heimat und der Sehnsucht nach Freiheit. Während die eigentliche Handlung im abgelegenen Ort angesiedelt ist und sich die politischen Entwicklungen fern in der Stadt abspielen, kaum angedeutet werden, kann man sich beim Lesen der ruhigen Erzählung um Heimweh und Fernweh doch nicht entziehen. So leise der Tonfall ist, so laut hallt all das Unausgesprochene und die Sehnsucht im Leser nach.


Meine Jury-Wertung

Für die abschließende Wertung durfte ich drei Bücher mit Punkten beehren, ebenso wie die weiteren Jury-Mitglieder. Diese Punkte wurden miteinander verrechnet und bestimmten schlussendlich den Preisträger. Und hier sind nun kurz und knapp meine Punkte, die ich wie oben beschrieben bereits am Sonntag an die Organisatorinnen übermittelt hatte:

1 Punkt erhält: Vater Unser von Angela Lehner,

weil Lehner einen spannenden Roman konstruiert mit einer unglaubhaften Erzählerin, die sich selbst nicht glauben kann, und dabei trotzdem nicht in das Klischee der „verrückten Erzählerin“ tappt. Eva ist hinterhältig und unangenehm, gerade dies macht sie zu einer spannenden Figur, deren Entwicklung ich gerne verfolgt habe.

3 Punkte erhält: Ich kann dich hören von Katharina Mevissen,

weil Mevissen mich über das Hören und Sprechen nachdenken ließ und ihre Thematik vielschichtig und verschachtelt präsentiert hat. Besonders das Vermischen von Sprache(n) und Musik hat mich beeindruckt, die Thematisierung von Zugang zu Sprache ebenso wie die Reflektion von Privilegien (Taubheit, fehlender sprachlicher Zugang bei Fremdsprachen).

5 Punkte erhält: Drei Kilometer von Nadine Schneider,

weil ihr Roman mehr Handlung nicht erzählt hat als geschildert wurde und es ihr trotzdem gelang verschiedene Stimmungen von der ländlichen Idylle bis zum sehnsuchtsvollen Freiheitsdrang auszudrücken. Das Leben an der Grenze (im tatsächlichen wie auch im metaphorischen) hat Schneider eindrücklich eingefangen und dabei weit über die Lektüre hinaus Emotionen bei mir geweckt.


Kennt ihr einen der vorgestellten Romane oder habt Lust bekommen, euch einen der Romane durchzulesen?


Hinweis: Alle Werke wurden mir im Rahmen der Jury-Tätigkeit von
den entsprechenden Verlagen zur Verfügung gestellt, vielen Dank dafür!

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