Rezension

[Kurzrezension] „Ich, Eleanor Oliphant“ von Gail Honeyman

Als es erschien, entdeckte ich Ich, Eleanor Oliphant auf unzähligen Blogs und ich hatte den Eindruck, dass es ausnehmend positiv ankam. Ohne genau zu wissen, worum es eigentlich ging, kaufte ich mir das Buch als günstiges Mängelexemplar und erlebte einige Überraschungen!

Ich, Eleanor Oliphant

Eleanor Oliphant ist am liebsten für sich selbst. Sie lebt alleine und ohne soziale Kontakte, geht ihrem Bürojob nach und erledigt ihre Einkäufe, selbst die Kollegen im Büro meidet sie wo möglich. Doch als sie sich verliebt und ihren Traummann treffen möchte, muss sie sich aus ihrem Schneckenhaus wagen. Resolut fasst sie ihr Vorhaben an und erhält unverhofft Unterstützung durch einen neuen Arbeitskollegen.

Eine skurrile und doch liebenswerte Figur

Aus meinen allgemeinen Eindrücken zum Roman wusste ich, dass es sich bei Eleanor um eine spezielle Figur handelt. Dennoch sind Cover und grundsätzliche Geschichte auf eine seichte Liebesgeschichte ausgelegt. Seicht ist das Buch jedoch nicht unbedingt, wenngleich der Roman doch eigentlich sehr warmherzig wirkt. Eleanor jedenfalls ist etwas skurril und dennoch sehr liebenswert. Dennoch wirkt sie seltsam konstruiert, keinesfalls konnte ich sie als Menschen mit Stärken und Schwächen sehen, zu sehr blieb sie plakative Figur. Ihr Handeln erfolgte so schematisch, dass die Ereignisse etwas zu konstruiert wirkten. Während des Lesens fragte ich mich immer wieder, ob Eleanor wohl eine Form von sozialer Angst verkörpern sollte. Doch ihre Berührungsängste vor anderen Menschen scheinen weniger durch eine soziale Störung, sondern vielmehr durch die Abwesenheit von sozialen Kontakten in ihrem Leben herzurühren. Die zunehmende präsenter werdende Geschichte um eine kriminelle Mutter und eine traumatische Vergangenheit wirkten dann allzu einfach als Erklärung für die soziale Zurückgezogenheit.

Wer aufgrund des Klappentextes eines seichte Liebesgeschichte erwartet, könnte jedenfalls enttäuscht werden. Sehr schön fand ich in diesem Zusammenhang die Thematisierung von, nennen wir es einmal, oberflächlicher Liebe. Denn Eleanor verliebt sich eindeutig in ihre Vorstellung eines Mannes und weniger in eine Person. Nur folgerichtig müssen demnach ihre Bemühungen, die perfekte Frau für dieses Bild zu erschaffen, scheitern. Viel interessanter fand ich daher auch die Entwicklung der Beziehung zu ihrem Arbeitskollegen Raymond. Doch auch dieser bleibt leider äußert substanzlos, sodass sich das Buch für mich am Ende als Enttäuschung herausstellte…

Fazit: Skurrile Figuren und eine unrealistische Handlung – Wer gerne kopflos abschalten möchte, kann dies mit Ich, Eleanor Oliphant problemlos tun. Wer ein wenig mehr Substanz erwartet, wird dagegen leider enttäuscht.

Wer gern ein einfühlsames Buch über das Leben mit Sozialphobie lesen möchte, sollte sich Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt näher ansehen!


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Ich, Eleanor Oliphant von Gail Honeyman
Übersetzung: Alexandra Kranefeld
525 Seiten
erschienen 2018
Lübbe

6 Kommentare

  • Tina

    Liebe Jennifer,

    ich bin mit Eleanor damals nicht warm geworden, mir fiel es wirklich schwer einen Weg zu ihr zu finden. Sie hat sich selbst aus ihrer schlechten Vergangenheit gezogen, aber hat den Mut in irgendeiner einsiedlerischen Routine verloren. Das war so merkwürdig. Eigentlich war alles merkwürdig für jemanden wie mich, der mehr braucht um einen Charakter zu verstehen, der sich so verhält. Außer Raimond, den hab ich gut verstanden 🙂

    Liebe Grüße
    Tina

    • Jennifer

      Liebe Tina,
      mir ging es ganz ähnlich. Ich konnte das schon irgendwie nachvollziehen, was da passierte, aber es hat emotional einfach nichts ausgelöst bei mir. Irgendwann wurde mir die ganze Story um die Mutter und ihre Vergangenheit auch ein bisschen zu viel.
      Ich glaube, ich hatte auch einfach zu hohe Erwartungen, weil so viele so unglaublich positiv von dem Buch berichtet hatten. Gleichzeitig wusste ich inhaltlich vorher gar nicht, worum es geht, ich habe es einfach aufgrund des Namens und des Covers gekauft 😀 (eine Lehre für mich)
      Liebe Grüße
      Jennifer

  • monerl

    Hey Jennifer,
    ich habe das Buch Anfang des Jahres gelesen, komme aber erst jetzt dazu eine Rezi zu schreiben. Die Geschichte konnte mich begeisern. Ich mochte diese verschrobene, junge Frau, der etwas ganz Schreckliches widerfahren ist. Mit ihr das nach und nach zu entdecken fand ich spannend. Mein Motto ist „Es gibt nicht´s, was es nicht gibt“, so kann ich mir durchaus so einen Menschen wie Eleanor vorstellen.
    Ich wollte deine Rezension bei mir verlinken, aber ich weiß jetzt nach dem Lesen deiner Rezi nicht genau, ob du das Buch so mittelprächtig fandest oder eher schlecht. Dein Kommentar zu Tina deutet darauf hin, dass du es nicht so mochtest. Deine Rezi hätte ich jetzt aber eher auf 3 Sterne geschätzt. Magst du mir sagen, zu was du tendierst?
    GlG, monerl

    • Jennifer

      Liebe Monerl,
      ich finde Sternebewertungen immer schwierig, eben weil sie so einfach wirken. Ich gebe zu, dass ich mich mit dem Buch etwas schwer getan habe. Zu Anfang mochte ich das Schrullige von Eleanor sehr gerne, aber je weiter das Buch fortschritt, desto weniger tiefgängig fand ich sie als Figur. Klar, die ganze Hintergrundgeschichte war ziemlich ausgebaut, aber ich fand sie als Erklärung für ihr Verhalten oder ihre Eigenheiten zu schwach und die Überwindung der Situation zu „einfach“. Ab da hat mich die Geschichte dann auch nicht mehr so sehr angesprochen emotional. Gelesen habe ich es trotzdem ziemlich schnell und fand es amüsant. Ich glaube, mittelprächtig trifft es daher sehr gut. Wie gesagt, hatte ich wohl auch einfach zu hohe Erwartungen, die mir dann die Freude am Buch ein wenig genommen haben…
      Beantwortet das deine Frage irgendwie?
      Herzliche Grüße
      Jennifer

      P.S. Ich habe gerade mal geschaut, auf Goodreads hab ich tatsächlich 3 Sterne gegeben. Ich bin halt auch leider immer sehr, sehr kritisch, wahrscheinlich klinge ich deshalb so hart in meiner Wertung

      • monerl

        Liebe Jennifer,
        danke für deine ausführliche Antwort. Ich weiß, es ist nicht immer leicht bei solche Büchern Sterne zu vergeben. Aber wenn sie nicht vergeben werden, finde ich es noch schwieriger herauszulesen, wie das Buch bewertet wird. Deshalb liebe ich die Sterne. Sie sind direkt und aussagekräftig.
        Drei Sterne passen zu mittelprächtig. 🙂 Habe so auch deine Rezi verlinkt.
        Mich hatte genau diese Mischung aus schräger, seltsamer Protagonistin, tiefere Geschichte und Humor überzeugt. Hin und wieder wurde nen Ticken überzogen, das störte mich nicht. Mir gefiel die Entwicklung von Eleanor im Laufe des Buches und das nicht kitschige Ende.
        GlG, monerl

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