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[HateSpeech] Interview mit Elif

Elif stellt auf ihrem Blog The Written Word immer wieder auch gesellschaftskritische, antirassistische oder feministische Bücher vor. Auch auf Twitter sagt sie ihre Meinung offen und zieht damit hin und wieder auch die Aufmerksamkeit von negativen Kommentarschreibern auf sich. In einem kurzen Interview habe ich sie gefragt, in welcher Form sie im Internet auf Hass trifft und wie sie damit umgeht.


Jennifer: Liebe Elif, vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Gespräch nimmst!

Lass uns gleich beginnen: Wenn dir Hass im Internet begegnet, in welcher Form findet das statt und vor allem auf welchen Plattformen?

Elif: Das findet vor allem auf Twitter statt. Ich denke, das liegt daran, dass ich dort am politischsten aktiv bin und daran, dass es dort für Hater einfacher ist, schnell, effektiv und anonym zu hassen. Auf Instagram habe ich das zum Beispiel noch nicht erlebt.
Die letzten Haterkommentare auf Twitter sind auch schon etwas her. Vielleicht nehme ich sie auch mittlerweile seltener wahr. Meine Reaktion ist meistens „Oh, neue Benachrichtigung. Oh, Hater-Kommentar. Okay.“ – meistens ignoriere ich die Personen. Und wenn ich sie nicht ignoriere, ziehe ich sie ins Lächerliche und teile das mit denen, die mir folgen. Für mich ist das Lächerlichmachen eine Bewältigungsstrategie. Gleichzeitig möchte ich meinen Leser_innen zeigen, dass so was nicht selten vorkommt und was man sich teilweise anhören muss, weil man einen „Migrationshintergrund“ hat und es wagt, den Mund aufzumachen.

Sind die Hater dir jemals auf deinen Blog gefolgt? Wie bist du damit umgegangen? Hattest du Angst, dass das einmal passieren könnte?

Nein, das kam noch nicht vor. Es war für mich aber immer eine Gefahrenquelle, insbesondere wegen der Adresspflicht im Impressum. Ich habe lange Zeit keine eingetragen, die jetzige Lösung finde ich auch nicht optimal – so oder so fühlt es sich wie ein riesiges Risiko für mich an, dass ich mich dort verwundbar machen muss. Gerade, wenn ich auch sehe, wovor bestimmte Hater nicht zurückscheuen (siehe Linus / Buzzaldrinsblog, der seit einiger Zeit von einem Twitter-Hater, mit dem ich auch schon zu tun hatte, gestalkt wird). Die, die laut „Du hast keine Adresse im Impressum stehen, das ist illegal!!11“ rufen, haben meiner Meinung nach keine Ahnung davon, welche Gefahr das für manche Menschen darstellt, die Zielscheibe von rassistischen, trans-, homo-, behinderten-, islam- usw. feindlichen und/oder sexistischen Menschen sind. Und es kann doch echt nicht die Lösung sein, dass wir „das Bloggen dann eben sein lassen“. Das sind alles Aussagen, die ich so oder so ähnlich schon oft gelesen habe.

Ist es so, dass du etwas Provokatives schreibst und daraufhin Kommentare geschrieben werden oder kommen negative Kommentare inzwischen auch, wenn du Dinge aus deinem privaten Leben teilst?

Es kann passieren, dass man eine Weile lang auch Kommentare auf banale Dinge bekommt, wenn man zur Zielscheibe geworden ist. Bei mir haben die Personen zum Glück immer schnell das Interesse verloren, aber das ist ein reines Zufallsspiel. Wenn du einmal aufgefallen bist, kannst du nicht kalkulieren, wie es weitergeht.

Fühlst du dich im Internet alleine gelassen? Welche Rolle spielt die Community, wenn es um Hetzkommentare geht?

Schwierig. Es gibt einige wenige aus der Buchcommunity, die hinter mir stehen und, wenn ich auf etwas aufmerksam mache, auch auf die Personen reagieren. Das ist zwar helfend gemeint, resultiert aber nicht immer darin. Ich will den Personen selbst ja möglichst wenig Aufmerksamkeit schenken. Wenn ich Aussagen zitiere und kommentiere, dann, um ohne direkte Kommunikation darauf aufmerksam zu machen. Die Hater reden mit mir – ich rede mit „euch“. Da ist es kontraproduktiv, wenn „ihr“ direkt mit den Hatern redet. Die eher aktivistische Community auf Twitter ist allerdings auch weitaus unterstützender, ich denke, weil sie auch selbst wissen, wie das ist. Die Mehrheit der Buchleute schweigt allerdings und möchte mit so was gar nicht erst konfrontiert werden. Ich schreibe natürlich nicht nur über Bücher, das könnte auch ein Grund sein, ich vermute aber eher, dass es daran liegt, dass ich das Hobby zu etwas Ungemütlichem mache, indem ich mehr Positionierung und Einsatz fordere.

Hat sich in deiner Wahrnehmung etwas verändert? Sind es mehr Kommentare geworden oder hat sich die Intensität erhöht? Wie haben sich die Reaktionen, deine, die von anderen, geändert?

Ich glaube, das ist relativ konstant geblieben. Was mich grad etwas wundert, weil ich inzwischen mehr Reichweite habe, aber ich bin vielleicht trotzdem zu unauffällig. Es gibt natürlich immer mal wieder Höhepunkte. Ich glaube, am schlimmsten war es, als ich einmal etwas zu Feminismus und Islam schrieb – dass sich beides nicht ausschließt. Das hat viele Rassist_innen auf mich aufmerksam gemacht. Und damals habe ich auch noch auf fast alles reagiert und wollte mit Argumenten dagegen angehen. Mittlerweile weiß ich, dass sachliche Diskussionen, Fakten und Argumente rein gar nichts bringen. Das Ziel dieser Menschen ist zu hassen, nichts anderes. Anfangs ging mir das nah und der Drang, diesen Hass zu überwinden und den Menschen Weltoffenheit aufzuzeigen, war auch noch stark. Das ist inzwischen völlig gewichen. Ich hab erkannt, dass es reine Zeitverschwendung ist.

Du diskutierst sehr viel: Warum ist es für dich wichtig, auf Kommentare einzugehen, dagegen zu halten?

Interessant, dass du das so siehst. Dabei ist das wie gesagt so viel weniger geworden! Ich diskutiere nur noch, wenn ich weiß, dass es etwas bringen würde. Und auch nur, wenn ich die Kraft dazu habe (es ist _sehr_ ermüdend, die ganze Zeit Existenzen verteidigen zu müssen) – und das ist sehr selten. Das, was du vermutlich meinst, ist mein Zitieren von Haterkommentaren. Das zählt für mich nicht als Diskutieren, sondern als Aufzeigen und/oder Lächerlichmachen. Ich möchte den Hass nicht immer unter den Teppich kehren. Er soll ruhig gesehen werden. Wenn ich das immer stehen lasse, würde es einem Akzeptieren gleichen. Hass verschwindet nicht dadurch, dass wir ihn ignorieren. Wie er verschwindet, das kann ich allerdings auch nicht genau sagen. Diverse Plattformen müssten ihr Sperrverhalten überarbeiten. Viel mehr Menschen müssten sich offen positionieren und dagegenhalten. Das Gedankengut müsste unsagbar werden. Aber selbst dann gäbe es diese Leute noch. Es wäre nur viel einfacher, damit klarzukommen. Und vielleicht wird es irgendwann dadurch weniger, wer weiß.

Vielen Dank für das Interview!

Gerne, danke, dass du dich dafür an mich gewandt hast. 🙂

[Nachtrag: Das Interview wurde bereits am 9. Juni geführt und erst heute veröffentlicht.]

2 Kommentare

  • BlueSiren

    Was für ein tolles und interessantes Interview.
    Die ganze Blogbeitragsreihe zu diesem Thema ist extrem interessant, danke dafür!
    Elif ist eine wunderbare Person und ich versuche immer, wenn ich solche Trolle und Hater sehe fleißig an twitter zu melden.
    Leider passiert auf twitter mit dem Melden fast nie etwas – anders als beispielsweise auf Instagram.
    Da werden offensichtlich rassistische und feindselige Kommentare durchgewunken und andere Leute für viel harmlosere Tweets gesperrt.
    Das macht das ganze nicht viel einfacher.
    Ich danke und bewundere Elif, Linus und viele andere auf twitter, dass sie dennoch ihre Meinung offen und selbstbewusst vertreten.
    Ganz viel Liebe!
    Grüße,
    Babsi

    • Jennifer

      Liebe Babsi,

      vielen Dank, das freut mich sehr 🙂
      Ich hoffe, dass auch der Rest der Reihe noch interessant für dich wird!

      Ja, ich bewundere auch jeden, der sich auf Twitter oder anderso gegen solche Kommentare stellt. Mir selbst fehlt da manchmal noch der Mut. Aber ich denke, es ist auch einfach eine Sache von ein wenig Übung und vielleicht setzt auch irgendwann ein Umdenken ein und mehr Leute unterstützen sich gegenseitig.
      Die Problematik mit dem Melden habe ich auch mitbekommen. Bei Twitter habe ich da keine genaueren Infos, aber was Facebook angeht (ein wenig ist das ja schon vergleichbar), da kommt am Wochenende die nächste Rezension online, die dich vielleicht interessieren wird. In dem aktuellen Buch wird es nämlich unter anderem auch behandelt…
      Viele Grüße
      Jennifer

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